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Das Strassenrennen der Olympischen Spiele in Rom 1960

von torte



Der folgende Bericht über das Straßenrennen der Olympischen Spiele 1960 ist Teil einer kleinen Serie über den DDR-Radsport des Jahres 1960

 

Teil 1:   >>> Radsport im "Kalten Krieg" 

Teil 2:   >>> die Internationalen Friedensfahrt 1960

Teil 3:   >>> die Straßenweltmeisterschaft der Amateure 1960

Teil 4:   >>> Olympische Spiele 1960

 



Deutschland, einig Vaterland im olympischen Hain

Plakat der Olympischen Spiele von Rom

Diese Olympischen Spiele bildeten den letzten großen Höhepunkt der Amateurfahrer in diesem Jahr 1960. Medaillen bei Olympia waren im Zeitalter des Kalten Krieges nicht nur begehrte Auszeichnung für die Sportler, sondern auch begehrtes Propagandamaterial. Die beiden großen politischen Blöcke wetteiferten sportlich um die Gunst der Weltöffentlichkeit, und mit entsprechend hohen Einsätzen wurde gespielt.

 

Besonders verzwickt war das Verhältnis des am „Eisernen Vorhang“ zerrissenen Deutschland zu den Olympischen Spielen. Erst 1972 in München hatte sich die Teilung auch auf der olympischen Bühne vollzogen. Bis dahin wurde heftig um die „deutschen“ Startplätze bei Olympia gerungen. Bis 1964 wurde eine gemeinsame deutsche Delegation entsandt, 1968 starteten zwei rivalisierende Aufgebote, die allerdings unter einer Flagge (schwartz-rot-gold mit olympischen Ringen) auftraten. Zu Siegerehrungen wurde eine „neutrale“ Hymne gespielt.



Klare Favoriten: Die Deutschen aus der DDR

Auch die Radsportler mussten sich bis 1964 dem Prozedere der Auswahlwettkämpfe unterwerfen, um einen Startplatz für Olympia zu ergattern. In Melbourne 1956 startete ein „gemischtes“ Team, und es kam, was kommen musste: Von Mannschaftstaktik konnte keine Rede sein, jeder fuhr für sich, um am Ende mit lehren Händen da zu stehen. Für die Spiele in Rom hatten sich die DDR-Fahrer daher fest vorgenommen, „unter sich“ zu bleiben. Die Auswahlwettkämpfe erhielten absolute Priorität. Der „goldenen Generation“ der Fahrer um Schur, Eckstein, Hagen und Adler fiel es aber auch nicht allzu schwer, dieses Ziel zu erreichen. Für westdeutsche Spitzenfahrer wie Junkermann, Altig oder Wolfsohl zählte die Profikarriere, welche eine Teilnahme bei Olympia ausschloss. Und die „zweite Reihe“ der Fahrer des BDR hatten die systematisch aufgebauten Asse der DDR locker im Griff…

 

So fuhr 1960 in der gemeinsamen Delegation von BRD und DDR ein Radteam gen Rom, welches samt und sonders aus DDR-Fahrern bestand. Darunter nicht nur der amtierende Friedensfahrtsieger Erich Hagen, sondern auch Gustav Adolf Schur und Bernhard Eckstein, die erst vier Wochen vor dem Olympischen Rennen in einem denkwürdigen Finale den Weltmeistertitel unter sich ausgemacht hatten. Konnte es eine klarer favorisierte Mannschaft geben?



Hitzeschlacht beim Mannschaftszeitfahren

Das erste Kräftemessen der Favoriten brachte das 100km-Mannschaftszeitfahren. Zu beachten waren neben der deutschen Equipe auch die Gastgeber, Belgien, Holland und die sowjetische Mannschaft. Das unglücklichste Los zogen die Deutschen, sie mussten weit vor den Konkurrenten starten, hatten also keine Vergleichszeiten. Dazu kam die mörderische Hitze des italienischen Hochsommers: Das Thermometer zeigte 40 Grad im Schatten und mehr! Die damaligen Auffassungen zur Versorgung im Rennen taten ihr übriges. Schur schreibt in seinen Memoiren, dass der deutsche Vierer entschied, nur mit einer Trinkflasche zu starten, um Gewicht zu sparen. Im Rennverlauf erwies sich das als glatter Selbstmord. Günther Lörke musste nach drei Viertel des Rennens völlig erschöpft abreißen lassen. Der eigentlich als „Ausscheider“ geplanten Erich Hagen, der bis dahin voll auf „Verschleiß“ gefahren war, mussten Schur und Egon Adler bis ins Ziel mitschleppen, denn die Zeit der ersten drei wurde gewertet. Aus einem Rückstand auf den italienischen Siegervierer von 30 Sekunden zur Wende wurden so bis ins Ziel noch fast zweieinhalb Minuten. Aber immerhin: Die Silbermedaille konnte den völlig ausgelaugten Fahrern um Täve Schur niemand mehr abnehmen.

Gold für Italien im 100 km Mannschaftszeitfahren
Ottavio Cogliati - Livio Trapé - Antonio Bailetti - Giacomo Fornoni
Foto cicloweb.it


Silber für die Deutschen


Kochender Asphalt

Und die sengende Sonne kannte kein Erbarmen: Auch beim Rennen um den Einzeltitel brannte sie erbarmungslos auf die Straßen Roms. Die Quecksilbersäule stieg am Mittag auf fast 45 Grad an – kein ideales Wetter für 175 Kilometer Schinderei auf dem Rad! Die Frage war, wer sich bei diesen extremen Bedingungen seine Kraft würde am besten einteilen können. Die Italiener, die mit dem Sieg im Mannschaftsfahren ihre Stärke bewiesen hatten und den Heimvorteil auf ihrer Seite wussten? Die DDR-Fahrer, die im bisherigen Rennjahr alle wichtigen Rennen dominiert hatten? Würden die sowjetische Mannschaft, dritte im 100km-Rennen, in die Entscheidung eingreifen können?

 

Die Erwartungen in Deutschland, und hierin waren sich beide Teilstaaten ausnahmsweise einig, waren klar formuliert: Die erste Goldmedaille dieser Spiele sollte her! Mit Hagen, Schur und Eckstein sollte sich doch eine taktische Variante finden, an denen sich die anderen die Zähne ausbeißen würden…

 

Aber jedes Rennen will erst einmal gefahren sein. Die Initiative auf dem kochenden Asphalt ergriffen nämlich die Herausforderer: In der achten von zwölf Runden, also knapp 60 Kilometer vor dem Ziel, attackierte Viktor Kapitonow aus der sowjetischen Mannschaft. Die italienische Squadra reagierte und Livio Trapé setzte dem Attackierer nach.



Ein „kühler Kopf“ ist manchmal hinderlich…

Gustav-Adolf "Täve" Schur
Rom 1960

Damit waren nun zwei Männer in Front, die keineswegs unbeschriebene Blätter waren. Der 27-jährige Kapitonov errang sieben Mal (!) den Meistertitel seines Landes, sein Debüt bei der Friedensfahrt gab er 1958 mit drei Tagessiegen und einem siebenten Platz im Gesamtklassement. Livio Trapés größter Erfolg lag erst wenige Tage zurück: Er gehörte zum Goldvierer im 100km-Mannschaftsfahren. Auch bei der Weltmeisterschaft vor vier Wochen auf dem Sachsenring hatte er zur rennbestimmenden Spitzengruppe gehört. Die Frage für die deutsche Mannschaft stand: Wie reagieren?

 

Man entschied sich für´s Abwarten. Vorne waren sie nur zu zweit, und die Attacke kam bei dieser Hitze doch viel zu früh! Die Devise hieß: „Kräfte sparen!“ für die letzten Runden und das Finale. Knapp zwei Minuten konnten so die beiden Ausreißer zwischen sich und das Feld bringen, bevor in der zehnten Runde endlich hinten Bewegung aufkam. Hagen, Adler, Eckstein und Schur spannten sich abwechselnd vor das Feld, um Kapitonov und Trapé zu stellen. Den Belgiern, Holländern und Polen, die sich immerhin Außenseiterchancen ausrechneten, war das nur recht – sollten die Favoriten die Kohlen mal schön selbst aus dem Feuer holen! Und tatsächlich, der Vorsprung begann zu sinken, die Rechnung schien aufzugehen.

 

Solch kühle Berechnungen stellte von den beiden Führenden keiner an. Im Gegenteil: Kapitonov kämpfte schwer mit den Bedingungen. Noch Jahre später konnte er sich genau an die Backofenhitze erinnern, die ihm fast den Verstand zu rauben schien. Und das im wahrsten Sinne des Wortes! „Noch viele Jahre später durchzuckte mich jedes Mal ein Schreck, wenn ich an mein Rennen bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom dachte", sagte er später, und dazu hatte er allen Grund…



Zu früh gefreut!

Denn kurz bevor das Duo zum vorletzten Male die Ziellinie erreichte, zog Kapitonov vor den Augen seines verdutzten Begleiters den Sprint an! "Die wahnsinnige Hitze muss mich irritiert haben“, erinnerte sich der Russe im Nachhinein. „Ich glaubte plötzlich, jetzt hast du alles überstanden und riss den Arm zum Zeichen meines Sieges hoch. Unser Trainer, die Mechaniker und meine bereits ausgeschiedenen Mannschaftskameraden winkten wie wild. Ich wollte vom Rad, aber meine Leute schrieen - weiterfahren!"

 

Livio Trapé rieb sich die Augen. War er oder sein Begleiter einer Hitzefantasie erlegen? Aber Sekundenbruchteile später erkannte er seine Chance und erhöhte das Tempo – jetzt angreifen oder nie! Noch 14,5 Kilometer lagen zwischen ihm und seiner zweiten Goldmedaille bei diesen Spielen, und schnell hatte er einen Vorsprung von fast einer halben Minute auf Kapitonov herausgefahren. Von hinten eilte das Hauptfeld heran, das den Russen bald schlucken würde – Trapé könnte mit diesem Sieg in die olympische Geschichte eingehen!



Viktor Kapitonov
Foto velopiter

Doch auch er hatte sich zu früh gefreut. Denn Kapitonov sammelte noch einmal alle Kräfte und gab sich keineswegs geschlagen. Sollte er dieses Rennen wirklich als Gespött des Pelotons beenden? Nein, dann lieber bis zum Umfallen kämpfen! Und so schob sich das Geschehen auf der letzten Runde immer weiter zusammen. Trapé verlor Meter um Meter auf Kapitonov, dem wiederum saß das heranjagende Feld im Nacken. Sekunde um Sekunde schmolzen die Abstände, und als Trapé die Zielgerade auf der Via Flaminia erreichte, war auch Kapitonov wieder an seinem Hinterrad. Nun ging es um alles: Doppelolympiasieg für Trapé und Spott für Kapitonov oder der erste Olympiasieg für einen sowjetischen Fahrer? Keinen Zentimeter schenkten sich die beiden Kontrahenten, noch einmal holten sie alles aus ihren müden Beinen, und am Ende entschied eine Reifenbreite – für Kapitonov!



Kleinlaute Verlierer

Zwanzig Sekunden hatten die siegreichen Ausreißer vor dem Feld gerettet, welches von einem alten Bekannten über die Ziellinie geführt wurde: Willy Vandenberghen aus Belgien. Damit hatte der Zwanzigjährige das Kunststück vollbracht, bei den drei wichtigsten Amateurrennen des Jahres 1960 auf dem Podium zu landen! Die favorisierten Fahrer aus der deutschen Mannschaft aber rollten geschlagen ins Ziel, das Klassement verzeichnet sie auf den Plätzen 20 bis 23: Egon Adler, Erich Hagen, Bernhardt Eckstein, Gustav-Adolf Schur. Die deutschsprachigen Berichterstatter waren enttäuscht – zu offensichtlich hatten sich die Favoriten verpokert. In der DDR übertünchte man die Enttäuschung mit der Freude über den Sieg des „Großen Bruders“ Sowjetunion. Immerhin gewann ein Fahrer aus einem sozialistischen Land. Auch ein Punkt im Kampf der Systeme!

 

Gustav Adolf Schur erwähnt dieses Rennen in seinen Memoiren übrigens mit keiner Silbe, er wird wissen, warum…

 

Viktor Kapitonov aber gab später freimütig zu, dass er ohne seinen „Sonnenstich“ wohl nie Olympiasieger geworden wäre. Im Leben nicht hätte er attackiert, wenn er sich nicht um eine Runde verzählt hätte. So eine Attacke wäre ja viel zu früh gekommen und damit aussichtslos gewesen…

 



>>> Epilog

 

 

Beitrag von Torsten Reitler, Juni 2005 

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