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die Nacht von Hannover 2001

Text : Susi

 

Endlich Freitag. Ich kanns kaum noch abwarten. Auf meine Arbeit kann ich mich kaum konzentrieren, lieber suche ich im Internet, ob es zum bevorstehenden "Grossereignis" Information gibt. Leider so ziemliche Fehlanzeige. Die offizielle Seite ist noch vom letzten Jahr, so mein Eindruck. *grmpf*

 

Im Freundeskreis ernte ich eh maximal erstaunte Blicke. "Radsport?!?. Das ist doch furchtbar langweilig?!","Nie!!". Aber zugegeben, in diesem Fall könnten auch Kenner der Szene die Nase rümpfen.. Die Nacht von Hannover ist ein Kirmisrennen bei dem es nicht einen UCI Punkt zu gewinnen gibt. Rund um den Markplatz in der Hannoveraner Innenstadt müssen die Profis eine Runde von sage um schreibe 680 m zurücklegen und das 100 mal. Vergleichbar wohl noch am ehesten mit einem Bahnrennen nur halt im Freien auf der Strasse.

 

Freitag, der Tag der Staus auf der A2, zu viele LKWs, Pendler, Herrschaften mit Hut (typisch langsame Fahrweise). Wohl verständlich, dass ich schon kurz nach Feierabend drängle, Kurs auf Hannover zu nehmen. Pete ist zwar kein Radsportfan wie ich, aber netterweise kommt er mit und so sitzen wir schon am frühen Nachmittag im Auto und ich quatsche ihn voll mit Fahrern und Teams (wenigstens ein paar), damit er ja später die absolute Übersicht hat, hoffe ich zumindest *g*

 

Dank meiner Panik, bloss keine Minute zu spät zu kommen, sind wir mehr als rechtzeitig am Ort des Geschehens. Die Veranstaltung soll 20.00 Uhr beginnen, um 18.30 stehen wir im Start/Ziel-Bereich, ich mit der ursprünglichen Idee, dass man sich rund um die Strecke doch noch gründlich umsehen könnte. Zu unserem, besser meinem, Entsetzen drängeln sich jedoch bereits Menschenmassen hinter den Absperrungen. Einige haben sogar Klappstühle mitgebracht, auf denen sie es sich bequem machen. Bestimmt haben die auch noch eine Picknickausrüstung dabei. Wie weise. Ich weiß jetzt schon, dass ich sie spätestens in einer Stunde beneiden werde.

 

Das mit dem Umsehen wird nichts mehr. Platz suchen, Stellung halten und gegen nachdrängende Besucher verteidigen ist angesagt. Obwohl, es stellt sich heraus, dass die angeblichen Drängler ganz nett sind. Es gibt genug zu klatschen und zu lästern, noch dazu, wo man doch gleiche Interessen hat und wir kommen schnell ins Gespräch. Kein Wunder, gewisse Mitarbeiter, vermutlich des Veranstalters, in Telekom-Outfits animieren förmlich zum gemeinsamen lästern. Gegenüber , auf den anderen Strassenseite, steht ein keiner Junge, wohl 8 Jahre alt im grünen Tdf_Trikot des besten Sprinters. Wäre die Mutti nicht dunkelhaarig, hätten wir ihn glatt für Etes Sohn gehalten. Dabei fällt auf, dass Telekom eindeutig nicht sehr fleißig war, was das Verteilen von magenta Winkelementen und Kappen angeht. Wir Zuschauer sehen alle (fast) ganz normal aus. Während wir auf den Beginn des Rennens warten, können wir die letzten Vorbereitungsmaßnahmen beobachten, (ge)wichtige Personen, die die Strecke inspizieren, letzte Fahrbahnmarkierungen, die aufgebracht werden und einen Marcel Wüst, der unermüdlich Autogrammwünsche erfüllt. Ich bin dicht davor, ebenfalls zum Autogrammjäger zu werden, laß es dann aber doch bleiben.

 

Ein kleines Programmheftchen hilft, sich endlich darüber zu informieren, wer denn nun alles am Start sein soll. Grischa Niermann, als Lokalmatador wird genannt. Druckfrisch sind die Broschüren mit Sicherheit nicht, Grischa hat seine Verletzung aus der diesjähigen Tour noch nicht ganz auskuriert. Ich schau nach anderen bekannten und unbekannten Namen und entdecke unerwartet einen Mapei-Fahrer, Sinkewitz heißt der junge Mann. Festina hat mit Teutenberg, Radochla und Korff die gesamte deutsche Fraktion gemeldet und Namen wie Fulst, Poitschke, Lehmann finden sich auch auf der Teilnehmerliste.

 

Die Veranstaltung wird mit dem Rennen der U17 eingeläutet. 45 Minuten vorher beginnen sich die Jungs warm zu fahren. Einige mit hochrotem Kopf und nach Luft schnappend, so das man sich unwillkürlich fragt, ob sie es nicht übertreiben, andere ganz cool in die Runde blickend und flacksend. Zwei fallen mir besonders auf, ein Junge aus Gera, wie wir etwas später anhand seiner Startnummer dem Heftchen entnehmen, weil er im Gegensatz zu den anderen ganz allein seine Runden dreht, auch noch ausgerechnet mit einer Saeco-Jacke, was uns zunächst etwas irritiert. Hat Saeco etwa ne eigene Jugendmannschaft, die hier mitfährt?!?

 

Und ein kleines Bürschchen, das ausschaut wie 12 und ganz und gar nicht auf ein so großes Rad zu gehören scheint. Im Rennen der U17 ist es unmöglich den Überblick zu behalten. Bereits nach der 2. Runde sind die Ersten hoffnungslos abgehängt und sehr einfühlsam scheint der Sprecher nicht zu sein, dass er immer wieder die Namen der Hinterherfahrer nennt. Auf diese Art der Aufmerksamkeit hätte ich an ihrer Stelle jedenfalls gerne verzichtet. Die Leistungsunterschiede sind gewaltig und so nicht erwartet. Im Fernsehen, bei den Profis, sieht das mit dem Fahren am Hinterrad des Vordermannes doch immer ganz leicht aus?!

 

Da mir der Junge aus Gera schon beim Einfahren auffiel, bekam er zwangsläufig im Rennen von mir die Favoritenrolle zugewiesen, aber er hat Pech. In der vorletzten Runde stürzt er und muss das Rennen vorzeitig beendet. Es muss an meinen Tip-Glück liegen. Sonst bin ich ja nicht abergläubisch, aber so langsam könnt ich´s werden und vielleicht sollt ich zukünftig von Sympathiebekundungen absehen*g* Naja, ihm ist ja gottseidank nichts passiert.

 

Mittlerweile ist es 20.45 Uhr. Abwechselnd stell ich meine Füsse auf die Absperrgitter um ein Bein zu entlasten, die Tasche in der ich vorsorglich einen Pullover (bei ca. 23 grad und dank der durch dicht gedrängte Zuschauer kuscheligen Atmosphäre ein absolut überflüssiges Utensil) und Getränke verstaut hab, ist immer nur im Weg und ich schau sehnsüchtig in Richtung Vip-Tribüne.

 

Schräg hinter uns hat jemand ein großes Plakat aufgestellt. "Mobile Tribüne" steht an der Klappleiter. "6 Rennrunden für 3,00 DM und Schulter, 3 Runden für 5, 00 DM". Eine witzige Idee, aber ob er nicht besser pro Kilo Lebendgewicht Geld verlangt hätte?!!

 

Bis zum Hauptrennen folgen 4 weitere, die schnellste Runde wird ausgefahren, ein Ausscheidungsfahren, ein Sprintrennen und vor Beginn des Hauptrennens starten die U23 . Es geht Schlag auf Schlag. Die schnellste Runde gewinnt überraschend A. Schulze vom Team Wiesenhof, vor T. Wilhelms. Schön, das so auch mal die Farben kleiner Teams im Mittelpunkt stehen.

 

Man merkt förmlich, wie die Spannung mit jedem Rennen steigt. Leichte Enttäuschung, als Jan im Ausscheidungsfahren nicht bis zur letzten Runde dabei ist, aber noch während der Sieger dieses Rennens, Jens Voigt geehrt wird, rollen die Sprinter an einem vorbei.. Ganz klar, ich bin für Thorsten Wilhelms, der bei der D-Tour nach seinem unglücklichen Sturz auf der ersten Etappe so tapfer die Zähne zusammengebissen hat. Leider ist er gegen Sven Teutenberg, Erik Zabel und Mario Cipollini chancenlos, die die 5 Sprintwertungen unter sich ausmachen.

 

Mein Stehnachbar zur rechten wird mir etwas unheimlich. Seine Lieblinge, vor allem Zabel, feuert er mit einem komischen Schnaufen an, aber ich kann keinen cm zu Seite rücken. Inzwischen tut mir auch der Rücken weh und ich denke an Klappstühle.

 

Es ist 22.30 Uhr, die Protagonisten des Hauptrennes stehen in der Startaufstellung und davor ein circa gleich starkes Feld an Fotografen und Presseleuten, die uns rücksichtslos den Blick versperren, uns aber nicht die Laune verderben können. Ganz vorbildlich folgen wir dem Streckensprecher, der uns auffordert, den Countdown herunterzuzählen um die 90 minütige Hatz der Profis um die Markthalle zu eröffnen. Sehr zu unserer Freude wird von Beginn an attackiert, aber keinem der Fahrer, die sich versuchen abzusetzen, gelingt es. Ihr Vorsprung bleibt minimal, so dass sie innerhalb kurzer Zeit immer wieder gestellt werden.

 

Pech bei Festina, Teutenberg hat sich einen Platten gefahren und nur 5 m von ihm entfernt können wir - quasi gemeinsam- beobachten, wie die Verantwortlichen hinter der Absperrung nach einem neuen Vorderrad suchen. Es scheint ewig zu dauern, bis er weiterfahren kann, jetzt mit einer Runde Rückstand.

 

Es ist eh unbeschreiblich, man hört das Klicken der Schaltungen, das Surren der Räder, schaut, wer als erster um die Ecke kommt und Sekunden später rasen die Fahrer nur 2 m an uns vorbei und dies so jede Minute, man braucht weder Videoleinwand noch Sprecher um über das Geschehen auf der Strecke immer auf dem Laufenden zu sein.

 

Halbzeit des Rennens, Ullrichs erster ernstgemeinter Angriff. Wir sehen wie Cipollini versucht den Anschluss zu schaffen. Jan schaut sich um und da ist Mario auch schon an seinem Hinterrad. Obwohl mir bewusst sein sollte, dass dies kein hochklassiges Rennen ist, bin ich genauso nervös und hippelig wie bei einer Bergetappe der TdF. Nein, es ist schon anders, hier schreien und klatschen 60.000 Leute und man ist mittendrin und nicht nur dabei *g*

 

Weitere 13 Fahrer aus dem Hauptfeld schliessen auf, Sascha Henrix von Coast, Teutenberg, Zabel, Lehmann . Die 13 Fahrer holen nach ca. 15 Runden das Hauptfeld ein und haben nun eine Runde Vorsprung.

 

Aufregung, Sascha Henrix. der zu den Fahren mir Rundenvorsprung gehört, attackiert und kann ein paar Meter Vorsprung herausfahren. Klöden führt das Feld wieder heran.

 

10 Runden vor Schluss sieht alles nach einer Sprintankunft aus. Cipos Helfer, Mario Scirea von Saeco, fährt an der Spitze des geschlossenen Feldes, als Jens Voigt in seiner unwiderstehlichen Art einen Angriff lanciert und sich ein paar Meter absetzen kann. Ein Einzelzeitfahren gegen seine Verfolger, bei dem Jens die Anstrengung ins Gesicht geschrieben steht. Wieder ist es Klöden, der versucht die Lücke zu schliessen, aber der Vorsprung von Jens scheint unter dem frenetischen Applaus der Zuschauer grösser zu werden. Der Junge tritt in die Pedale, dass kaum zu glauben ist, dass Armstrong eine höhere Kadenz erreicht. Ich bin fast sicher, dass er es schaffen könnte, da ergreift Ullrich im Feld die Initiative und setzt nach. Runde um Runde holt der Merdinger unter den Anfeuerungsrufen des Publikums auf und 4 Runden später sind die beiden zusammen, das Hauptfeld ca. 15 Sek zurück. Noch 5 mal sehen wir die beiden in abwechselnder Führung an uns vorbeifahren, aber es ist schon zu erkennen, dass sie sich belauern. Immer wieder fährt Jan auf die andere Strassenseite und schaut zu Jens rüber. Das Hauptfeld wird sie nicht mehr erreichen. Wer zieht den Spurt zuerst an?!

 

In der ganzen Aufregung verpasse ich die Überquerung der Ziellinie und seh nur einen jubelnden Jan Ullrich mit hochgerissenen Armen an mir vorbeiziehen. Es waren nur ein paar Zentimenter, erzählt mir Pete (hmm, besser aufgepasst als ich *g*.) Den Sprint des Hauptfeldes gewinnt Mario Cipollini.

 

Erst auf dem Weg zum Auto bemerke ich, dass die Füße wohl 5 cm an Breite gewonnen und ich 2 cm an Größe verloren habe. Aber im nächsten Jahr sind wir bestimmt wieder in Hannover, dann aber mit Klappstuhl!!!


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