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Historische Rennberichte



Das Sechstagerennen 1907, Madison Square Garden New York

von Walter Rütt

Quelle: Sport-Album der Radwelt. 7. Jahrgang 1909



1906

Dass sich Ansichten sehr schnell ändern können, habe ich in meinem Leben oft erfahren, und ich zögere nicht, einzugestehen, dass sich meine Ansicht über das Sechstagerennen in den letzten drei Jahren gründlich geändert hat. Als ich vor einigen Jahren als Flieger begann, konnte ich nicht begreifen, wie es möglich sei, sich sechs Tage lang auf dem Rade zu halten, aber seit ich es selbst versucht habe, eine Woche lang ohne regelmässigen Schlaf und ohne richtige Mahlzeiten im Rennsattel tätig zu sein, begreife ich alles und zögere nicht, die Ansichten vieler Sportfreunde gezüglich des Sechstagerennens zu widerlegen.

 

In Australien war's, wo mir Mac Farland sagte, dass ich ein geborener Sechstagefahrer sei und ob ich mit ihm fahren wollte. Ich sagte "ja", in der Voraussetzung, dass die Veranstalter es erlauben würden, dass ein Amerikaner mit einem Europäer fahre. Dies trug sich Ostern 1906 in Melbourne zu. Im August desselben Jahres hatte ich meinen Kontrakt in der Tasche.

 

Ich hatte ein scharfes Training hinter mir, war sehr schnell und wunderte mich im Rennen, wie leicht mir das Fahren wurde. Die Müdigkeit überkam mich, ebenso wie alle anderen Fahrer, aber ich überwand sie und in den letzten Tagen war ich frischer als viele andere. Mir machte das Rennen, offen gesagt, Vergnügen, nur verstimmte mich das nicht ganz einwandfreie Fahren der Amerikaner zum Schluss des Rennens, durch das ich meiner Ansicht nach um den Sieg kam, denn im Spurt war ich dank meiner natürlichen Veranlagung allen Fahrern überlegen.

 

Die Verstimmung über den verlorenen Sieg war bei mir sehr groß, und ich war fest entschlossen, das Sechstagerennen 1907 nicht mitzufahren, doch änderte ich meinen Entschluss, als Stol mir seine Partnerschaft anbot. Stol hatte bereits mehrere Sechstagerennen bestritten, war ein guter Tempofahrer, und ich sagte mir, dass unsere Chancen nicht schlecht stünden. Meine Forderung wurde von Mister Powers bewilligt, und ich unterschrieb zum zweiten Mal den Vertrag für das lange Rennen.



die Überfahrt

Am 22. November reiste ich in Gesellschaft von Scholl, Petit-Breton, Dupré, Leon Georget, Jacquelin und dem Jokey O'Connor von Paris nach Havre und bestieg dort die "Provence" zur Überfahrt nach New York. Mein alter Rivale Jaquelin machte uns viel Spass. Er hatte mit der Behauptung, dass er zum Fahren und nicht als Schauobjekt engagiert sei, eine Maske vor das Gesicht gebunden und erklärte, diese auf keinen Fall abzunehmen, wenn man ihn nicht dafür bezahle. Er verlangte 5 Francs von jedem, der sein Gesicht sehen wollte. Auch sonst machte er allerlei Scherze, die jedoch aus dem Rahmen des Erlaubten herausfielen. Wir mussten uns verschiedene Male ins Mittel legen, um weiteren Folgen der Witze des "Piou Piou national" vorzubeugen. Stundenlang konnte Jaquelin auf dem Heck des Schiffes stehen und den Flug der Möwen beobachten, um von diesen das Fliegen zu lernen und die Erfahrungen bei seinem Flugapparat zu verwenden.

L.Georget - Stol - Rütt - Petit-Breton - Dupré - 'Connor - Jacquelin
Uebern grossen Teich
Die Ueberfahrt der Sechstagerenner nach New-York


Unsere Überfahrt war nicht gut. Wir hatten Sturm, aber hielten uns alle ganz tapfer gegen die Seekrankheit und kamen wohlbehalten in New-York an. Jaquelin hatte seine Maske immer noch nicht abgelegt und weigerte sich auch dies zu tun, als Mister Powers die Entfernung derselben beim Photographieren der Sechstagerenner verlangte. Wir wurden sehr freundlich aufgenommen und in unsere Quartiere gebracht. Ich kannte New York und die Strasse, welche den Sechstagerennern als Trainingsstrecke dient. Schon am nächsten Tag nahmen wir das Training auf. Es war sehr kalt; oft trainierten wir im Schneegestöber, und wenn wir auch anfangs gegen die bereits seit längerere Zeit trainierenden Amerikaner nicht ganz aufkamen, änderte sich die Sache, als wir einige Tage trainiert hatten, und mit den besten Hoffnungen zogen wir in Madison Aquare Garden ein.

Der Schauplatz des Sechstagerennens
Die Rennbahn in Madison Square Garden zu New-York (160,9 m Bahnlänge)


die beiden ersten Tage

Am Sonnabend, den 7. Dezember, nahm das Meeting des Sechstagerennens seinen Anfang. Ellegaard war mit seiner Frau und seinem Töchterchen auf dem Blücher eingetroffen und gab ein Exhibition zum Besten. Kramer schlug Jacquelin, und Darragon schlug Walthour im Match. Im 10-Meilen-Rennen fand ich Gelegenheit, meine Form an den Amerikanern zu erproben. Ich war sehr zufrieden mit mir, als ich das Rennen gegen Bardgett, Fogler und Mitten gewann und ging mir grossen Hoffnungen auf Stols und meine Leistungsfähigkeit in das Sechstagerennen, welches am Montag, den 9. Dezember, um 1 Uhr nachts seinen Anfang nahm.

 

James A. Corbett gab den Startschuss den sechzehn Paaren, und gleich ging die wilde Jagd los. Um 3 Uhr nachts platzte mir ein Reifen, ich stürzte mit dem Kopf gegen einen Fahrradständer im Innenraum und blutete aus einer Kopfwunde, aber das Schlimmste von allem war, dass mein bestes Rad unbrauchbar geworden war. Um 6 1/2 Uhr morgens fing plötzlich Darragon an zu spurten, die Jagd endete damit, dass Reynolds, Lawson, Jacquelin und Galvin eine Runde verloren. Benyon und Reynolds gaben auf, nachdem sie 136 Meilen 6 Runden gefahren waren. Bald schied auch Jacquelin wegen Magenkrämpfen aus. Darragon bekam geschwollene Knie und gab auch auf. Nun bildeten Petit-Breton und Vanoni eine neue Mannschaft, wurden jedoch laut Reglement eine Runde zurückgesetzt. Etwas später stürzte Bardgett und verwickelte Stol in seinen Sturz. Stol war unverletzt, Bardgett dagegen wurde mit vielen Wunden von der Bahn getragen. Die Gebrüder Bedell gaben auch bald auf. Gegen Morgen des zweiten Tages machte Lawson einen Vorstoss. Ich schlief gerade, doch wurde ich durch den Lärm geweckt und sprang sofort auf. Meine Maschine nehmen und aufsitzen war das Werk eines Augenblicks. Ich tat, was ich konnte, denn Mac Donald löste Lawson ab, und nach einer Jagd von 5 Minuten hatte ich en Ausreisser eingeholt.

 

Nach dem Massensturz
Der auch in Deutschland bekannte Amerikaner Badgett wird verbunden


Mittags um 1 Uhr fiel die Entscheidung. Fogler unternahm einen Vorstoss. Petit-Breton, Georget und Vanderstuyft gingen sofort hinterher und nach einer verzweifelten Jagd gelang es uns, alle Konkurrenten zu überrunden. Dupré-Goerget, Vanderstuyft-Krebs, Moran-Fogler und Stol und ich lagen an der  Spitze.

 

Das Rennen wurde ziemlich eintönig. Die Anstrengungen des Rennens machten sich bemerkbar, doch muss ich sagen, dass ich nach dem zweiten Tag wieder frischer wurde. Wir hatten uns an das Fahren gewöhnt, und da es im Allgemeinen ruhig zuging, strengten wir uns nicht sonderlich an., zumal uns eine Runde Vorsprung gesichert war.

 



der dritte Tag

Ein gesunder Schlaf
Nachtruhe eines Sechstage-Bummlers

Am dritten Tag gaben Wilcox-Williams uns Samuelsen-Mitten auf. Am Nachmittag hielt ich die Zeit zu einem Vorstoss für gekommen und riss aus. Nur Moran konnte mir folgen, und nach einem erbitterten Kampf überrundeten wir das Feld, so dass wir mit Moran-Fogler nunmehr die Spitze hatten. Petit-Breton sorgte für scharfes Tempo.

 

Gegen 5 Uhr des Morgens nahm ich ein Bad, dem man 10 Liter Essig und 10 Kilo Meersalz beigefügt hatte. Als ich kaum ins Wasser gestiegen war, hörte ich draussen Lärm. Ich fragte , was geschehen sei, und erfuhr, das Vanderstuyft einen Vorstoss unternommen habe, und Stol nahe daran sei, abgehängt zu werden. Ohne mich zu besinnen, sprang ich aus dem Wasser und stürzte, wie ich war, auf die Bahn. Es gelang mir, wieder Anschluss zu bekommen und unser Vorsprung war gerettet.



der vierte und der fünfte Tag

Joe Fogler
am fünften Tag

Georget und Dupré versuchten am Vormittag des vierten Tages die verlorene Runde wieder zurückzuerobern, was ihnen aber nicht gelang. Am Nachmittag wurde das Tempo sehr langsam. In der 92. Runde kam Galvin zu Fall und verwickelte alle, ausser Petit-Breton und Fogler, in den Sturz. Diese gewannen eine Runde, die ihnen aber nicht angerechnet wurde. Gegen Abend kam Mac Donald dem Bahnrande zu nahe und stürzte aus der Bahn drei Meter tief herunter. Man hob ihn besinnungslos auf und brachte ihn ins Spital, wo er starb. Sein Partner Lawson gab das Rennen auf.

 

Am Morgen des fünften Tages machten sich bei mir Spuren von Ermüdung bemerkbar. Ich kämpfte mit aller Energie gegen den Schlaf und fuhr schnell, um mich wach zu halten.



Dupré am Morgen des sechsten Tages

Stol tat sein Möglichstes, um mich für den letzten Tag zu schonen.

 

Dupré stürzte, nachdem er verschiedene Vorstösse unternommen hatte, in eine Loge, verletzte sich aber nicht schwer und fuhr weiter. In der 119. Runde gewann Downey eine zweite Runde zurück, dagegen verloren Krebs-Vanderstuyft eine weitere Runde. Auch Vanoni- Petit-Breton konnten eine Runde zurückerobern, der am sechsten Tage morgens gegen 5 Uhr früh die zweite Runde folgte. Am Vormittag versuchte Stol unaufhörlich dem Felde davonzulaufen, aber Moran blieb stets bei ihm und auch ein Vorstoss meinerseits blieb ohne Erfolg.



der letzte Tag

Je näher das Ende kam, desto voller wurden die Zuschauerräume. Stol hatte die Führung des Feldes übernommen und legte mit Moran und Georget ein scharfes Tempo vor. Ich ruhte mich aus, aber auch Fogler rüstete sich für den Endkampf. Fünf Minuten vor Ablauf der 142. Stunde verkündete der Sprecher, dass die Bahn für den Endkampf über 10 Runden (eine englische Meile) geräumt werde.

 

Walter Rütt am Mittag des letzten Tages


Nachdem alle Fahrer abgestiegen waren, mussten Fogler und ich uns schnell dem Starter stellen. Fogler nahm die Spitze und fuhr in der Mitte der Bahn, mich fortwährend beobachtend. Als noch vier Runden zu fahren waren, machte ich einen Scheinangriff, als wollte ich rechts vorbei, aber gleich merkte ich, dass mich Fogler nach oben drücken wollte. Schnell war ich unten durch. Nie werde ich das Gebrüll der vielen Menschen in der geschlossenen Halle vergessen, um Fogler zu warnen; aber zu spät: ich hatte die Spitze bekommen und gab nun alles gleich her, was ich nur konnte. Fogler war hinter mir her, konnte jedoch nichts mehr ausrichten und endete an meiner Hinterradachse.

 

Nachdem wir abgestiegen waren, stellten sich Dupré, Downing und Wilcey dem Starter für den dritten und vierten Platz. Dupré gewann das dritte, Downing das vierte und Wilcey das fünfte Geld. Für das sechste Geld schlug Krebs Bardgett. Petit-Breton, Vanoni waren viele Runden zurück. Es hatten also von 16 gestarteten Paaren acht das Rennen beendet.

 

Der Lärm der sich nun erhob, ist unbeschreiblich. Ich hörte nichts mehr und konnte es kaum fassen, dass ich das grosse Rennen gewonnen haben sollte. Für Stol und mich spielte die Musik die Wacht am Rhein, für Moran-Fogler den Yankee doodle.



schön war's

Ich muss gestehen, dass ich selten auf einen Sieg so stolz war, als auf den Sieg im Sechstagerennen. Es hat mich viel Selbstüberwindung gekostet, immer auf dem Posten zu bleiben, und ich hätte das Rennen wohl nie gwonnen, wenn ich nicht in Stol einen so vorzüglichen Partner gehabt hätte. In den ersten Tagen fiel mir das Fahren am schwersten, dann hatte ich mich an die Aufregungen gewöhnt, und da wir tüchtige Manager hatten, so ging alles vorzüglich. Am fünften Tage war es am schlimmsten. Ich wurde wieder müde, aber Stol war frisch. Am sechsten Tage fühlte ich mich wieder ganz munter, und als ich sah, dass sich Stol nichts nehmen liess, war ich unseres Sieges ziemlich sicher.

 

So verlief das Sechstagerennen 1907 in der von mit gewünschten Weise und so wenig erbaut ich vor Jahren von der Riesenveranstaltung war, so sehr hat mir das Sechstagerennen des vergangenen Jahres gefallen. Die Zeiten ändern sich und auch die Ansichten, das habe ich erfahren müssen und gleichzeitig eingesehen, was der Mensch bei guter Vorbereitung für eine Sache leisten kann, wenn er alle seine Gedanken auf einen Punkt, in diesem Falle auf das Erringen und Behalten eines Vorsprungs, richtet.

 

>>> C4F-Portrait Walter Rütt

>>> Walter Rütt: Mein schönstes Rennen (Sixdays New York 1910)

 


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