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Historische Rennberichte



Vom 24-Stunden-Rennen in Berlin-Halensee

<center> Für alle Welt, VII. 1899<br> Originalzeichnung von C. Becker.</center>



Die an sportlichen Ereignissen reiche Saison neigt sich ihrem Schluss zu und man wird allseitig zustimmen müssen, daß das 24=Stundenrennnen, welches Gegenstand so vieler heißer Debatten gewesen ist, zweifellos den Höhepunkt der sportlichen Konkurrenzen diese Jahres bildet. In Berlin bildete das Rennen das Tagesgespräch und viele Tausende pilgerten hinaus nach H, um stundenlang den Radlern zuzuschauen, welche im Schweiße ihres Angesichts sich mühten, in den 24 Stunden, auf welche das Rennen bemessen war, möglichst weite Distanzen zurückzulegen, um einen günstigen Rekord zu erzielen. Von den zehn Radfahrern, welche starteten, hielten acht die Zeit von 24 Stunden aus und lieferten interessante Resultate, denen man auch eine gewisse praktische Bedeutung nicht absprechen kann. Sowohl für die Radler als auch für die Schrittmacher bedeutete dieses Rennen eine außerordentliche Forderung, welche an die Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit heranreicht. Man denke sich nur, welche außergewöhnliche Energie dazu gehört, 24 Stunden lang auf einem Rad dieselbe Bahn zu umkreisen, dabei mit gespannter Audmerksamkeit die Konkurrenzen zu beobachten, um eventuelle Vorteile wahrzunehmen und dabei Hunger, Durst und Schlaf auf ein Minimum zu beschränken! Das Rennen büßte insofern an Interesse ein, als dem Franzosen Constant Huret kein ebenbütiger Konkurrent zur Seite war; schon nach den ersten Stunden, die er in einem rasenden Tempo fuhr, hatte er einen ganz enormen Vorsprung gewonnen, so daß er nicht mehr zu schlagen war.
Unser Bild zeigt uns einige der Radler hinter ihren Schrittmachern; die Fahrer des Viersitzers haben am Ende des Rades einen großen festen Schirm angebracht, um ihrem Fahrer die Luft aus dem Wege zu räumen, damit er leichter vorwärts komme, und schnell entschlossen haben die Pacemaker des anderen Tandem einen solchen Schirm improvisiert, indem der letzte der Schrittmacher hinter sich mit beiden Händen einen Schirm in Gestalt eines hohen, ziemlich breiten Pappdeckels emporhält. So wurden tausend Mittelchen angewandt, um den Rennfahrern die Strapazen des 24=stündigen Rennens zu erleichtern. Die Bahn war für diese Rennen besonders eingerichtet worden. Ein unterirdischer Gang verband den Innenraum der Bahn mit dem Sattelplatz, damit die Fahrer auf keine Weise durch ein etwaiges Überschreiten der Bahn gehindert wurden. Im Innenraum der Bahn selbst war ein vollständiges Zeltlager entstanden; jeder der startenden Radler hatte sein eigenes Zelt, in welchem er Toilette machen konnte, sich massieren ließ und Speise und Trank vorfand. Häufig brachten auch radelnde Boten die Erfrischungen den Radlern nach, welche, ohne abzusitzen, im Fluge Äpfel, Weintrauben u. dergl. zu sich nahmen. Gewöhnlich dienten Rotwein, Sekt, Mineralwässer und Kaffee dazu, die Nerven neu zu beleben und den Durst zu löschen, der sich namentlich während der heißen Mittagsstunden ganz außerordentlich bemerkbar machte. Als die Hitze ihren Höhepunkt erreicht, ließen sich einige Fahrer völlig mit Wasser übergießen; andere preßten große Schwämme über sich aus. Das Publikum verfolgte die Rennen sowohl am Tage als auch die ganze Nacht hindurch mit regstem Interesse und kam, namentlich als sich die vorgeschriebene Zeit von 24 Stunden ihrem Ende näherte, aus der Spannung nicht mehr heraus. Das Resultat selbst stellte sich, als die Radler vom stürmischen Jubel begrüßt, die letzte Runde fuhren, auf 829,200 km, welche der Sieger, Constant Huret, gefahren hatte, eine Entfernung, welche derjenigen Berlin=Paris ziemlich gleichkommt. B. Happrich.


 

Bildarchiv: cycling4fans

Die Bilder können verwendet werden, für einen Quellenhinweis wären wir dankbar.

 

Oktober 2004

Beitrag von maki


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