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Thaddäus Robl: Mein schönstes Rennen

 

100-Meilen-Rennen im Sportpark Friedenau, 1900

 

Rad-Welt: "In den Aufzeichnungen Robls für ein Buch, das unter dem Titel "Aus dem Leben eines Weltmeisterfahrers" erscheinen sollte, befand sich auch die Schilderung des Rennens, an dem Robl nach seiner Angabe die größte Freude gehabt hat. (...)"

 



Nichts klappt ...


Himmelherrgottsakrament, war das ein Pech. Monatelang hatte ich auf das neue Motortandem gewartet und als ich es bekam, war Zündung und Unterbrecherscheibe zerbrochen. Reparieren wäre das einfachste gewesen, aber soviel verstanden wir von dem Ding nicht und nun begann ein Herumlaufen nach Ersatzteilen. Die Mühe wurde belohnt. Wir bekamen in Berlin Ersatzteile und setzten sie ein. Unserer Ansicht nach war alles tadellos, aber als wir das Tandem hochhingen und ich den Motor antrat, lief er rückwärts. Ein Mechaniker, der später ein bedeutender Schrittmacher geworden ist, steuerte den Motor um und ich begann zu trainieren. Ich war mehr neben dem Motor als dahinter, denn ruhiger Lauf war etwas anderes, als das, was die Maschine mir zeigte. Meine Schrittmacher brachten sich bald um, aber die Maschine lief nicht so wie sie laufen sollte und wir brauchten für den Spott nicht zu sorgen.

 

All dieses spielte sich in der Woche vom 9.-14. August 1900 ab und am 15. August sollte ich in Friedenau in einem 100-Meilen-Rennen auf einige Dauerfahrer von Weltruf losgelassen werden.  Das Herz hats mir abgeschnürt, wenn ich Walters, Elkes und Taylor hinter ihren Maschinen liegen sah. Ich war ein Stümper gegen diese Leute, solange meine Maschine nicht lief, denn wenn nicht alles zusammengereimt und eingespielt war, brauchte ich gar nicht erst zu fahren. Ich fühlte mich in guter Form, aber ich hatte kein Selbstvertrauen und dieser Mangel übertrug sich auch auf meine Schrittmacher. In den letzten Tagen hatte meine  erste Maschine einige lichte Momente und ich bekam neuen Mut, aber wenn ich dann wieder an die Spielerei der Ausländer hinter ihren Tandems dachte, war ich bald von meinem Optimismus geheilt. Ich dachte nur noch daran, Köcher und den vom Dauerfahrerfimmel erfassten erstklassigen Flieger Karl Käser zu schlagen, und mit diesem Gedanken erhob ich mich am Morgen des 15. August. Als ich den Weg zur Rennbahn antreten wollte, kam mir auf der Treppe eine alte Frau entgegen. Ich kann nicht dafür, dass ich abergläubisch bin. Jedenfalls kehrte ich um. Als ich die Flurtür meiner Wohnung aufmachte, lief die Katze meiner Wirtin mir über den Weg. Nun war ich ganz und gar durcheinander. Ich überlegte, ob ich überhaupt zum Sportpark gehen sollte. Schreckliche Stürze sah ich im Geiste und als Letzter mit verbundenem Kopf sah ich mich durchs Ziel gehen. Nach langem Zögern entschloß ich mich doch, auf die Rennbahn zu gehen.

 



Am Start

Meine Schrittmacher hatten alles fertig gemacht. Ich verbarg ihnen  meine Unruhe und tat, als sei ich voller Siegeshoffnung. Nebenan hörte ich die Maschinen der Ausländer schnurren und die Schrittmacher waren so vergnügt, als hätten sie den Sieg im 100-Meilen-Rennen schon in der Tasche. Sie hatten recht, ihre Chancen standen ausgezeichnet und wir Deutschen mussten nach menschlichem Ermessen das Nachsehen haben. Für mich stand insofern viel auf dem Spiel, als ich endlich eine Fahrradfabrik gefunden hatte, die sich für mich interessierte und man darf mir nicht meinen Zorn auf die vergnügten Ausländer verdenken. Zu Mittag aß ich so gut wie nichts. Ich hatte keinen Appetit und mit ziemlich leerem Magen traf ich in die letzten Vorbereitungen für das Rennen.

 

Das Publikum strömte schon früh in den Sportpark. Nicht um Köcher, Käser oder mich, den den meisten Berlinern ziemlich unbekannten Fahrer, sondern um Elkes, Walters und Taylor zu sehen. Meine Schrittmacher probierten die Maschine aus. Sie lief, sie lief sogar tadellos, jedenfalls besser als sie in der Woche gelaufen war. Sollte vielleicht doch . . . ? Aber nein, die alte Frau, die Katze und all das andere. Nur keine falschen Hoffnungen. Gleichgültig zog ich mich an, gleichgültig machte ich mein Rad zurecht, gleichgültig sah ich meine Schrittmacher arbeiten und gleichgültig ging ich an den Start. Es waren viel Zuschauer gekommen. Ringsum eine schwarze Wand. Und diese schwarze Wand wird in Bewegung geraten, wenn Elkes das Rennen gewinnt. Nach menschlichem Ermessen war Elkes nicht zu schlagen. Weder Walters noch Taylor hatten im Training so leicht gefahren, wie der Amerikaner. Von den Deutschen konnte keiner Chancen gegen die Ausländer geltend machen. Als ich am Start stand, kam über mich eine Wut. Ich ärgerte mich über das Jubeln bei den Begrüßungsrunden der Ausländer und in mir stieg etwas wie Trotz auf. Ich handelte ganz mechanisch. Ich hörte die Abfahrt der Motortandems und den Startschuß ganz in der Ferne, aber nach den ersten Tritten wusste ich, was ich wollte: Mit Ehren unterliegen.

 



Die ersten Runden – Elkes Ausscheiden

Die Schrittmacher kamen in einem Rudel an. Walters Leute waren die schnellsten. Der Engländer ging mit der Spitze ab, dann erreichte Taylor sein Tandem, dann Käser und dann kamen meine Leute. Ich spurtete wie ein Wahnsinniger, um Elkes nicht vorzulassen, aber statt des Amerikaners erschien Köcher neben mir. Ich entrann ihm und jagte hinter Käser her, der den Franzosen nicht halten konnte. Schon nach fünf Runden jagte Taylor dem Engländer die Spitze ab und ich ging an Käser vorbei. Mein Schrittmacher sagte mir, dass Elkes dicht hinter mir sei, nachdem er Käser und Köcher überholt habe und ich musste schneller fahren, um dem Amerikaner zu entgehen. Käser und Köcher wurden bald überrundet und bei 10 km eroberte Walters die Spitze zurück. Dieser Kampf um die Spitze war gut für mich, aber ich fürchtete den hinter mir liegenden, nach einer Marschtabelle fahrenden Amerikaner, weil dieser aus dem Spitzenkampf den gleichen Vorteil zog, wie ich und außerdem bessere Führungsmaschinen hatte. In der 21. Runde ging ein Schrei durch das Publikum. Ich richtete mich erschrocken auf und blickte um mich. Ich sah nichts, aber mein Schrittmacher sagte mir, Elkes sei gestürzt. Ich schämte mich fast des in mir aufsteigenden Gefühls bei Uebermittlung der Nachricht vom Sturze des Amerikaners. Er war ein guter Kamerad  und ein ausgezeichneter Fahrer, aber in diesem Augenblick empfand ich etwas wie eine Erlösung; das Ausscheiden Elkes’ gab mir die Aussicht auf den dritten Preis.

 

Ich fühlte mich stark und feuerte meine Schrittmacher an. Beide traten zur Unterstützung des Motors was sie treten konnten und ich spurtete wie ein Flieger hinterher. Nach einigen Runden sagte mir mein Hintermann, dass wir Taylor dicht vor uns hätten und ohne eigentlich zu wissen, was ich tat, schrie ich: Vorbei. In der 27 Runde waren wir neben dem Franzosen, dessen Schrittmacher alles aufboten, Erlaubtes und Unerlaubtes, um mich nicht vorbei zu lassen, aber ich hatte so eine Sauwut, dass ich nicht locker ließ. Ich kämpfte wirklich wie ein Löwe und das Publikum feuerte mich an. Der Erfolg war aber anders als ich mir gedacht hatte. Ich jagte den Franzosen in der 39. Runde an Walters vorbei und konnte selbst an dem Engländer nicht vorbeikommen. Käser hatte bei der Jagd drei und Köcher zwei Runden verloren. Von diesen beiden drohte mir also keine Gefahr mehr.

 



Der Sieg in Reichweite

In der 43. Rune versuchte Walters vergeblich, wieder an Taylor vorbei zu kommen. Diesen missglückten Versuch benutzte ich zu einem Angriff auf den Engländer, und leichter, als ich gedacht, ließ mich Walters vorbei. Er hatte bei dem Kampf mit Taylor genug bekommen und ich spekulierte darauf, dass Taylor auch die Nase voll hatte. Ich feuerte meine Schrittmacher zum Angriff auf den Franzosen an, aber ehe ich zum Angriff kam, verlor Taylor den Anschluss an sein Tandem und ich hatte bei 30 km die Spitze. Wie mir in diesem Augenblick zumute war, kann ich nicht sagen. Elkes war aus dem Rennen, Walters und Taylor hatten sich aufgerieben und ich fühlte mich frisch. Der Franzose war vollkommen fertig. Ich überrundete ihn mehrmals und bald hatte ich auch eine Runde gegen Walters gewonnen. Die Sache entwickelte sich großartig.

 

Ich fühlte mich sehr sicher, weil ich leichter fuhr, als je zuvor, da kam der kalte Schlag. Nach 35 km setzte mein Motor aus und ich war ohne Führung. Mir blieb fast das Herz stehen; alle schönen Hoffnungen sah ich begraben und ich hatte schon den Gedanken, das Rennen aufzugeben, als eine Ersatzmaschine für mich erschien. Walters hatte erst eine halbe Runde gegen mich aufgeholt, als ich das neue Tandem bekam und Taylor und Köcher lagen vier, Käser fünf Runden zurück. Nach 50 km klappte Walters zusammen. Ich sah, wie er trank und nutzte diesen Aufenthalt des Engländers tüchtig aus. In einer Stunde legte ich 55.185 km zurück. Nach 56 km gab Taylor völlig erschöpft auf, während Walters frischer wurde. Bei einem Angriff nach 60 km konnte ich ihn nicht halten und mir war gar nicht gut zumute, aber die Herrlichkeit dauerte bei dem Engländer nicht lange. Nach 65 km war er auch fertig und ich zog davon. Im Gegensatz zu den beiden Ausländern wurde ich immer frischer.

 

Ich trieb meine Schrittmacher an und schlug den deutschen 80-km-Rekord um eine Minute. Dann fielen alle deutschen Rekorde und bei zwei Stunden schlug ich den Weltrekord um 35 m. Ich legte 106.902 km zurück. Während Walters immer schwächer wurde, lebte Köcher auf, aber gefährlich konnte er mir nicht werden. Je länger das Rennen wärte, desto leichter fuhr ich. Nie in meinem Leben hatte ich mich so frisch gefühlt und ich bedauerte jetzt den Sturz von Elkes. Am 15. August 1900 hätte ich auch ihn regelrecht geschlagen.

 



Nach dem Rennen – ein Traum

Was sich nach dem Rennen abgespielt hat, empfinde ich auch heute noch wie im Traum. Man hob mich vom Rade, hängte mir einen Kranz um und trug mich auf den Schultern um die Bahn. Statt zu lachen, habe ich geweint; die Tränen sind mir wie ein Sturzbach über die Backen gelaufen. Ich hatte ein seliges Gefühl. Alles drehte sich um  mich und ich konnte den Gedanken, dass ich das Rennen gewonnen habe, nicht fassen. Tausendemale hatte ich mir einen solchen Erfolg in Gedanken ausgemalt und nun war er Wirklichkeit geworden. Das Gefühl ist unbeschreiblich.

 

Noch am Abend des Renntages telegraphierte ich an meine Mutter.

 

Ich war sehr stolz, als ich das Telgramm am Schalter aufgab und mich der Beamte fragte, ob ich Robl sei.

 

Der Aufstieg von einem dem großen Publikum unbekannten Dauerfahrer zum Besieger der bedeutendsten Dauerfahrer Englands, Frankreich und Deutschlands und zum Weltrekordmann war der schönste Erfolg, den ich in meiner langen Rennfahrerlaufbahn errungen habe und mit Stolz gedenke ich des 100-Meilen-Rennens im Sportpark Friedenau.

 

Noch heute trage ich eine Ausschnitt aus der „Rad-Welt“ in der Brieftasche. Auf diesem Ausschnitt steht: „Das Resultat des Tages war ein hocherfreuliches, indem ein deutscher Steher nach langer Zeit zum ersten Male gegen erstklassige ausländische Konkurrenz das Heft in Händen behielt. Allerdings hatte Robl in Elkes, der schon in der 20. Runde Stürzte, einen seiner gefährlichsten Gegner verloren, aber sein glänzender Sieg über Walters, den er mit elf Runden zu drücken vermochte, muß dem Münchener hoch angerechnet werden und gibt ihm vollen Anspruch darauf, sich für die Zukunft zur internationalen Extraklasse zu rechnen."

 

Thaddäus Robl

 

>>> siehe auch das Portrait Thaddäus Robl

 

Quelle: Sport-Album der Rad-Welt, 17. Jahrgang, 1919

 


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