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Das C4F-Schreibprojekt 2003: Gorka im Baskenland

Dunkelheit......warme, wohltuende Dunkelheit umgibt mich. Unter mir die Federkernmatratze , über mir die Gänsedaunendecke. Alle viere von mir gestreckt liege ich in meinem Bett und genieße die vollkommene Ruhe und die mich vollständig ausfüllende innere Zufriedenheit. Ich wusste es schon immer - nur im Baskenland kann man richtig entspannen. So muss es im Paradies sein.... einfach nur faul rumliegen und lediglich den Parasympathicus arbeiten lassen - was wahrlich schon anstrengend genug ist! Doch mein Paradies verwandelt sich in eine Ich-Muss-Aufstehen-Manie.

Ich riskiere einen Blick zu meinem Wecker und kann das Übel gerade noch abwenden, indem ich seinem ersten Piepton mit einem gezielten Schlag ein jähes Ende setze. Noch ein bisschen schlummern...nur noch ein bisschen.......

Ich will gerade wieder ins Land der baskischen Träume entschwinden, da höre ich von unten mordsmäßigen Radau. Scheiß Fans...wenn es wenigstens meine Fans wären! Nein, sie wollen alle zu Igor, natürlich. Ich habe mir sagen lassen dass die Mädels hier ihn attraktiv finden. Wie das?! Nun, wahrscheinlich kann man nur im Baskenland so richtig Fan sein.

Ich beschließe, nun doch aufzustehen. Ich verlasse mein Bett, und mit den ersten Schritten in Richtung Badezimmer überkommt mich Vorfreude - Vorfreude auf meine erste Baskenland-Rundfahrt als Profi. Ich freuuuuu mich!

 

Wir stehen am Start. Die hysterischen Fans mit ihren dreimeterlangen Fototaschen haben wir überstanden, und Igor hat sich wiedermal wie der Platzhirsch verhalten.

Ich stehe nun etwas planlos herum und beginne, mein Rad etwas zu befummeln, denn ich will nicht ja so aussehen als ob ich traurig wäre dass mich niemand fotografieren will.

Irgendetwas stimmt nicht....da fehlt doch was! Aahh, mein Computer ist weg! Mein wunderschöner, einzigartiger Sigma! Wie soll ich ohne ihn auskommen?! Hilflos blicke ich um mich. Kein Manolo in Sicht. Etwa 4 Fahrer hinter mir sehe ich den Jörg. Ich gestikuliere wild, er lächelt mich nur an und hat keinen Schimmer was ich meine. Toll! Da soll noch einer sagen, dass die Deutschen so ordentlich sind...

Nun ist auch schon der Start im Gange und ich muss die Etappe wohl oder übel ohne Computer fahren. Neben mir grinst mich ein winzigkleiner Typ im weißblauen Trikot an. Ob er etwas mit dem hinterhältigen Computerklau zu tun hat? Ich werde ihn im Auge behalten.

Wir fahren und fahren und fahren. Hier eine Steigung, da ein Berg. Alles läuft gut, ich besinne mich auf meinen Status als Neo-Pro, und rolle im Feld in der Nähe von Igor und dem immer noch leicht lächelnden Jörg mit. Wahrscheinlich kann man nur im Baskenland so richtig lächeln.

Das Fehlen meines Computers macht mich wuschig, und ich beschließe die heutige Etappe nicht zu gewinnen. Das ist höhere Gewalt, und außerdem ein schlechtes Omen. Ich habe mal gehört dass manche Radsport-Fans den totalen Einzug von technischen Geräten mit Skepsis sehen. Also ehrlich, auf meinen Knopf im Ohr könnte ich leicht verzichten, aber meinen Computer möchte ich nicht missen!

Ich trage Wasser, sehe mir die verschiedenen Fahrer an, und bin immer auf der Suche nach meinem geliebten Sigma. Die rosa Jungs, die aussehen als kämen sie direkt vom Skavenschiff - verzeiht den Ausdruck, aber es passt! Sie sehen alles andere als glücklich aus - fahren auch so einen schönen Sigma BC 800. Ob ich mir in einem günstigen Moment, wenn einer von ihnen gerade an seiner Flasche hängt, einen Computer mopse? Nun, lieber doch nicht. Manolo würde es nicht verstehen.

 

So nutze ich den heutigen Tag als eine Art erweitertes Training. Es ist aber auch zu interessant zu sehen, wie andere Kollegen ihre Zeit totschlagen. Der eine trinkt ständig, der andere kichert und giggelt die ganze Zeit. Ob das etwas mit seinem orangen Trikot zu tun hat? Ich hab ominöse Gerüchte über die Niederlande gehört. Sie scheinen sich mit ihren Kühen gut zu verstehen, denn die sie ernähren sich auch von Gras. Komisch, komisch.

Manolo lässt mich die ganze Etappe über in Ruhe, so dass ich am späten Nachmittag in einem einigermaßen guten Zustand wieder in Legazpi ankomme. Schnell unter die Dusche, neue Klamotten angezogen, und schon kann ich mich voll und ganz dem computerstehlenden Spitzbuben widmen. Und schon kommt Jörg zu mir. Er lächelt, streckt die Hand aus und hält mir meinen Sigma hin.

Mein liebes! Mein Eigen! Ohh, er ist wieder da, welch eine Freude! Ich sehe Jörg dankbar an, bis ich seinen etwas verschmitzten Blick bemerke. Er hat doch nicht etwa...?

"Jörg, warum hast du das getan? Warum hast du mir meinen Schatz weggenommen??" Er druckst herum, sagt dann "Meiner war heute früh kaputt, und Manolo sagte ich soll mir deinen ausleihen...."

"Aha! Und warum hast du mir das nicht gesagt?" So langsam werde ich sauer. Das geht doch nicht! Manolo kann doch nicht...!

Jörg sieht ziemlich geknickt aus. "Tut mir leid. Ich hab ihn dafür als erster über die Ziellinie gefahren..." Ich beginne zu verstehen.

"Och Jörg, war doch nicht so gemeint! Du hast gewonnen? Ist ja toll! Wie hast du das nur geschafft?" "Weiß nicht, vielleicht wars dein Computer."

Ja, das wird es wohl gewesen sein. Denn nur im Baskenland kann man so richtig aus unerfindlichen Gründen gewinnen.

 

So, heute aber! Ich habe die traute Dunkelheit meines Hotelzimmers schweren Herzens hinter mir gelassen und befinde mich nun schon mitten im Getümmel der zweiten Etappe. Der Kanpazar liegt hinter uns und eine kleine Gruppe hat sich kurz vor dem Anstieg abgesetzt und prescht nun allen davon. Ich bin nicht sicher wer alles dabei ist...von uns jedenfalls niemand.

Wir rollen und rollen. Dies ist der einzige Grund weshalb ich Radprofi werden wollte, und weshalb ich mich auf Berge hinaufquäle - die Abfahrt danach ist das Beste wo gibt! Ich fliege.....

Igor fährt neben mir. Manolo liegt ihm in den Ohren, aber er scheint nicht darauf zu reagieren. Ich glaube er hat ein paar persönliche Probleme in der letzten Zeit. Manolo zieht sich entrüstet ins Innere des Teamwagens zurück und straft uns, indem er die nächsten 2 Stunden kein Wort mehr mit uns redet.

Was soll ich tun? Ausreißen? Mir einen Neo-Pro aus einem anderen Team schnappen, mit ihm die restlichen 120km klarmachen und ihn am Ende stehen lassen? Ich kann mich nicht recht entscheiden. Das ist doch meine Rundfahrt in meinem Baskenland! Ich fühle mich aber im moment so gut und so glücklich dass ich eigentlich gar keine Lust habe, mir jetzt meinen baskischen A.... aufzureißen nur um am Ende dann doch noch eingefangen zu werden. Vielleicht ist die Weisheit, dass Dabeisein alles ist, doch gar nicht so falsch...

Aber kann man im Profisport überleben wenn man rein nach seinem Gefühl entscheidet? Muss man sich nicht Tag um Tag schinden und das letzte aus sich rausholen? Hm...wahrscheinlich kann man nur im Baskenland so richtig über den Sinn des Radsports nachdenken.

Wir fahren nun schon stundenlang, und ich wälze immer noch schwere Gedanken.

Die Sonne steht nun schon etwas tiefer und wir lassen uns ihren güldenen Schein auf den Pelz brennen. Was sehe ich da hinten? Es glitzert im Licht der Nachmittagssonne...das Meer! Oh, ich wünsche mir nichts sehnlicher als mir mein Trikot vom Leib zu reißen und mich in die Fluten zu stürzen, bevor ich mir dann ein paar baskische Strandhasen anlache. Heute abend werde ich mich da mal umsehen...

Von wegen umsehen - wir sitzen im Hotel alle zusammen und bekommen von Manolo die Leviten gelesen. Er sagt, so hat er sich das nicht vorgestellt. Wir sollen uns doch wenigstens ein kleines bisschen anstrengen, den Gefallen könnten wir ihm tun. Ich mag es wenn er sarkastisch wird. Da schreit er wenigstens nicht so...

Ich höre nicht ganz zu, sondern bin in Gedanken am Strand. Das wäre eine Gelegenheit, auch mal die oberen Teile meiner Arme und Beine in ein annehmbares Braun zu tauchen. Aber nein, ich muss stattdessen hier herumsitzen und mir anhören wie unfähig wir alle sind. Ich denke mir dass man nur im Baskenland seine Zeit so richtig vergeuden kann.

 

 

Vor lauter Frustation bin ich gestern sehr zeitig schlafen gegangen. Dadurch fühle ich mich heute sehr ausgeruht und bin total aufgedreht. Ich spring im Fahrerlager durch die Kante und grüße alles und jeden der mir vor die Augen kommt. Da drüben sind ja auch die tapferen Kämpfer von Euskaltel!

Ich habe mich gestern abend mal informiert und weiß nun, dass David Etxebarria in der Gesamtwertung vorne liegt. Das freut mich, denn ich mag ihn. Ich winke ihm zu, er grinst und winkt zurück. Dann schnapp ich mir nacheinander alle Euskaltel-Jungs und plausche mit ihnen über Gott und die Welt. Ich kenn sie alle persönlich. Jahaa, das hättet ihr nicht gedacht, hm? Aber es ist nur naheliegend - schließlich hat die Tante meiner Mutter eine gute Freundin, deren Sohn der angeheiratete Neffe von der Cousine des Vaters des sportlichen Leiters von Euskaltel ist. Ich bin also quasi mit dem Team verwandt.... Schade dass Dioni nicht dabei ist. Er ist wie ich ein Neuling und hat sich für die Saison viel vorgenommen. Ich glaube dass irgendwo in Mitteleuropa ein Tippspiel stattfindet, und er dort in einem Tippspielteam ist. Er erzählte mal etwas derartiges. Ich hab allerdings keine Ahnung woher er das weiß...

Wir fahrn fahrn fahrn auf der Autobahn, und ich mag mich irgendwie nicht zu einem großen Schritt hinreißen lassen, der mich in der Gesamtwertung vielleicht etwas nach vorne bringen könnte. Einfach nur laufen lassen und locker aus der Hüfte atmen...sowas muss auch mal sein.

 

David führt immernoch, ich glaube er gewinnt die Rundfahrt. Das ist gut...

Manolo hat aufgegeben, etwas von uns während dieser Tour zu erwarten. Igor hängt immernoch seinen Problemen nach - ich glaube es geht um eine Frau - und der Rest des Teams hat wohl auch keine Lust. Nur Jörg, der ist ständig gut gelaunt. Aber er ist ja auch kein Spanier, geschweige denn Baske, und kann die außerordentliche Bedeutung der Baskenland-Rundfahrt wahrscheinlich nichteinmal erahnen.

So ziehen die Tage dahin, und wir rollen nurmehr im Feld mit und freuen uns unseres Radlerlebens. Soweit man sich ohne Sieg und gute Platzierung freuen kann....

 

Und schon befinde ich mich auf der letzten Etappe.

Die ETA-Beschriftung der Straßen hat etwas zugenommen. Nein, ich denke nicht dass man nur im Baskenland so richtig Terrorist sein kann. Ehrlich gesagt stehe ich der ETA etwas kritisch gegenüber. So sehr ich mein Euskadi auch liebe, und so sehr ich die Unabhängigkeitsbemühungen der baskischen Bevölkerung schätze, so muss ich doch an meine eigene Zukunft denken. Wenn das Baskenland nun auf einmal unabhängig wäre, dann wäre ich Baske, und kein Spanier. Aber wie kann ich den Sieg eines Nicht-Spaniers bei der Vuelta in 2 Jahren zulassen?? Ein baskischer Sieg bei der Vuelta ist natürlich ein doppelt schöner Sieg, aber eben nur wenn jener Baske - in dem Fall ich - natürlicherweise ein Spanier ist. Denn nur eine Vuelta mit spanischem Sieger ist eine gute Vuelta. Und in 2 Jahren, das hab ich mir mal ausgerechnet, werde ich sie gewinnen. Ich bin Baske! Und nur im Baskenland kann man sich so richtig selbst überschätzen.

Nun sind wir im Ziel in Hondarribia. Dies war sie also, meine Baskenland-Rundfahrt. Schön war sie... geruhsam, entspannend, seelisch sowie körperlich. David hat gewonnen, ich muss ihm nachher unbedingt gratulieren!

Frisch geduscht hüpfe ich durch die sich langsam leerenden Zuschauerplätze. Was war das noch für eine schöne Zeit, als ich selbst noch Fan und kein Profi war. Man ließ sich von den Erfolgen mitreißen, man freute sich noch uneingeschränkt für die anderen, man saß voller Euphorie vor dem Fernseher oder am Straßenrand und hatte nichts besseres zu tun als seinen Helden zuzujubeln. Hachja....wer jubelt mir zu? Ich lehne mich auf ein Geländer und schaue auf die Straßen die die Welt bedeuten. David gesellt sich zu mir. Wie konnte er sich aus dem Tross der Fotographen, Fernsehteams und Fans befreien?

Er sieht erleichert aus und grinst. Hat wohl seine speziellen Tricks.....wahrscheinlich kann man nur im Baskenland so richtig unauffällig verschwinden...

 

von Raktajino

 


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