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Das C4F-Schreibprojekt: Gorka auf Mallorca

Heute geht es endlich weiter. Aber in den paar Tagen seit der TDU hatte ich keine Pause für meine Beine. Ich dachte ich könnte mal ein zwei Tage Pause machen, aber das Trainingspensum wurde nur erhöht. Vorgestern noch sind wir 230 Kilometer durch die Pampa geradelt. Aber jetzt freue ich mich auf meinen zweiten Renneinsatz.

Und endlich bin ich wieder zu Hause. Diese Fliegerei und diese schnöden Australier gingen mir total auf die Nerven. Die Mallorca-Rundfahrt steht an. Diesmal habe ich mich auch wieder schlau gemacht. Letztes Jahr hat hier ein Francisco Cabello gewonnen, ein Spanier. Das heißt meine Chancen stehen gut, denn hier gewinnen immer Spanier. Auch dieses Mal hat Manolo mir wieder Zettelchen gegeben. Auf dem einen Stand:

101 Mikel Zarrabeitia

102 Jonathan Gonzales Rios

103 Gianpaolo Caruso

104 Allan Davis

105 Gorka Antonio Jimenez Valverde

106 Angel Vicioso

107 Angel Castresana

108 Rafael Diaz Justo

Auf dem anderen:

84 Pavel Brutt

188 Daniele Nardello

166 Alex Zülle

145 Michael Boogerd

133 Franck Vandenbroucke

122 Juan Carlos Dominguez

18 Antonio Colom

Ich kenne zwar keinen davon, und dieser Cabello scheint auch nicht dabei zu sein, aber zumindest Colom und Dominguez hören sich Spanisch an, auf die sollte ich mal aufpassen im Rennen. Ich habe gelesen, dass das Team vom Monchichi nicht dabei sein wird. Auch dieser Spanier mit dem krummen Rücken macht lieber einen auf Kindergeburtstag, als hier mitzustrampeln.

Gleich geht es los, halb neun, um elf muss ich da sein. Ich könnte ja mal ein bisschen durchs Fahrerlager streifen. Ich laufe die lange Hauptstraße von Palma entlang, auf der wir in gut 6 Stunden um meine ersten UCI-Punkte kämpfen werden. Es tröpfelt ein wenig. Das wird sicher wieder ein toller Tag. Genau das richtige für mich, ich liebe den Regen. Und auf 82 Kilometern, die topfeben dahinvegetieren kann ich sicher etwas reißen. Bei der Australien-Rundfahrt wurde bestimmt eh schneller gefahren und außerdem bin ich jetzt auch eingefahren.

1.Etappe: Palma - Palma 87 Km:

Natürlich wurde aus der Stunde eine zweite. Doch jetzt bin ich voll da. Schließlich geht es heute weiter. Am Start stehe ich direkt neben Gianpaolo, doch er scheint heut nicht so gut in Form wie ich. Nicht weit weg von uns stand dieser Spanier mit der 122, doch dieser Riese sah gar nicht aus, wie ein guter Kletterer oder so was.

Direkt nach dem Start geht es aus der Hauptstadt von Mallorca hinaus in die Insellandschaft. Ich halte mich immer in der Nähe von Mikel und Angel auf und so verlaufen die ersten 15 Kilometer auch ziemlich ruhig. Ich bereite mich auf meinen Überraschungsangriff vor, von dem natürlich keiner was merken soll. Bei der Teambesprechung meinte Manolo wir sollten den Sprint für Angel oder Allan anziehen, aber Angel gewinnt ja eh nicht, und für diesen Australier oder Kanadier oder was der auch immer ist mache ich gar nichts.

Ich schiebe mich auf dieser Wald- und Wiesenetappe also langsam an der linken Seite des Feldes nach vorne und riskiere einen letzten Blick auf das verdutzte Gesicht von Mikel. Ich gehe aus dem Sattel und fliege davon. Meine Beine explodieren und katapultieren mich in wenigen Sekunden aus dem Feld heraus. In meinem Ohr schreit Manolo, doch ich ziehe diesen lästigen Stöpsel raus und werfe ihn weg. Ich erhöhe noch einmal das Tempo und mein Tacho springt auf 55, ein Wahnsinnstempo bei diesem flachen Terrain. Nach zwei Minuten blicke ich mich um.

Und hinter mir sehe ich nur einen hellblauen Fahrerzug der eine Meute von mehreren tausend Radfahrern zu ziehen scheint. In einem kurzen Moment, in dem ich meine Kreise unterbreche rauscht dieser Zug an mir vorbei und die Blicke und der Fahrtwind lassen mich zu Eis erstarren. Das kann doch nicht sein. Wie haben die das so schnell gemerkt?

 

Am liebsten würde ich zurückfahren und meinen Funkkontakt wieder herstellen. Aber das Ei habe ich mir jetzt selbst gelegt. Schnell falle ich in die Mitte des Feldes zurück und ich versuche Mikel und den anderen aus dem Weg zu gehen. Doch sie finden mich schnell. Mikel beordert mich nach hinten. Angeblich zum Flaschen holen, aber ich habe keine Lust. Das Tempo im Feld wird wieder langsamer und schließlich entschließe ich mich dazu doch eine Fahrt zurück zum Teamwagen zu riskieren, denn trotz des Regens habe ich ziemlichen Durst und so ein paar Sekunden am Wagen festhalten wären für meinen zweiten Versuch sicher auch nicht schlecht. Ich schnappe mir Jonathan und lasse mich mit ihm allmählich nach hinten durchreichen. Wir warten bis die Kolonne der Wägelchen vorbeizieht und unser gelbes Gefährt auftaucht. Zuerst schnappt sich Jonathan ein Dutzend Flaschen und verschwindet wieder in Richtung Peleton. Als ich mich ans Fenster anlehne, stößt Manolo meine Hand wütend weg und würdigt mich keines Blickes. Er schreit, dass ich das Funkgerät selbst wiederholen müsste, wenn die Etappe vorbei sei, und das ich gefälligst solche Ausflüge in Zukunft sein lassen sollte. Gar nichts werde ich lassen. Und immerhin haben sie bemerkt, dass ich weg war. Das heißt, ich war mindestens 50 Meter vor dem Feld. Immerhin.

Er wirft mir noch fünf, sechs Flaschen in die kalten Hände und sagt ich solle mich beeilen, das Feld würde meist so 30 Kilometer vor dem Ziel Tempo machen. Ich glaube ihm natürlich nicht. Lässig löse ich mich vom Postwagen und zirkuliere locker in Richtung Schwanz des Feldes. Noch 100 Meter und mit 40 Km/h kann ich da ja locker wieder reinfahren, vor allem, wenn Jonathan das auch kann. 90 Meter, 80, 70 Meter, 65, geht doch, was will der denn? Meine Beine sind noch komplett locker und diesen Rückstand mach ich doch flüssig wieder weg. Auch wenn der Regen meine Klamotten immer schwerer macht und ich viel lieber nackt fahren würde. Von vorne fallen einige Leute zurück, die wollen sicher auch Flaschen holen. Einige von ihnen tragen spanische Flaggen auf ihnen Trikots, ich wusste gar nicht, dass hier auch eine Nationalmannschaft mitfährt. Nun gut, ich fahre locker an den gut 15 Fahrern vorbei und nach der nächsten Kurve müsste ich schon wieder am Feld vorbei sein. Nur noch hier rum und dann bin ich dran.

Doch nach der nächsten Kurve ist weit und breit nichts mehr vom Feld zu sehen. Die Straße ist mindestens 500 Meter lang, aber ich kann kein Hinterrad mehr sehen. Hinter mir hupen die Autos aufgeregt und fordern doch wirklich von mir ich solle sie vorbeilassen. Es regnet immer noch, und ich weiß nicht, was in diesem Moment das schwerere Übel ist. Ich gucke mich um und sehe einen der Spanier an meinem Hinterrad.

"Wo sind die?"

"Weg!"

"Wie weg?"

"Sie sind einfach zu schnell."

"Aber ich war doch schon dran."

"Dran? Die fahren dir innerhalb von fünf Sekunden 500 Meter weg, während du noch nach dem nächsten Pornokino Ausschau hälst."

"Wie weit?"

"Ein, zwei Minuten vielleicht. Vergiss es, die holen wir nicht wieder. Fahr locker nach Hause, Kleiner."

Nix da. Ich ziehe noch mal an. Ich wollte doch heute noch keine Zeit verlieren. Also noch mal alles rausholen. Der Spanier lacht laut als ich mich entferne, doch das Lachen wird immer leiser, und schon bald kann ich sein Gespött nicht mehr hören. Der soll nur lachen, wird schon sehen, was er davon hat.

Ich durchquere das 10-Kilometer-Schild und habe immer noch keine Spur des Feldes gefunden. Der Regen prasselt am Stadtrand auf mein Haupt nieder, und ich würde schon gerne im Wohnwagen sitzen und mich über diesen spanischen Idioten kaputtlachen, der hinten immer noch hilflos strampelt. Plötzlich klopft mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich rutsche vor Überraschung fast aus der Pedale und gucke in das grinsende Gesicht des Spaniers. Er hatte wohl die anderen abgehangen, um zu sehen, wie es mir ergeht.

"Ich quäle dich schon noch, Kleiner", ruft er mir zu.

Er beschleunigt wieder, doch so leicht wird dieser blöde Penner mich nicht los. Wir sausen vorbei an der 5-Kilometer-Fahne und ich beschließe ihn von vorne nieder zusprinten. Beide am Limit kämpfen wir uns über den spärlich von Fans umsäumten Asphalt.

Ich ziehe den Sprint an, und in diesem Moment rollt vor mir ein roter Ball auf die Straße und ich verliere die Kontrolle. Ich muss die Erfahrung machen, das so ein muskulöser Körper negativ auf solch harten Asphalt dieser Hauptstraße des Ballermanns reagiert, und das ich doch lieber einen Helm hätte tragen sollen. Längst ist der Spanier im Ziel, aber ich hieve mich noch mal aufs Rad und rolle ins Ziel. Immerhin noch vor den letzten 14. Also 145. Am Ende erfahre ich, dass das Feld nur knappe und lächerliche 9 Minuten weg ist. Hauptsache noch im Zeitlimit. Morgen kann ich wieder angreifen. Manolo kann mich mal. Ach ja, der blöde Australier hat den Sprint vermasselt und den hat wohl ein deutscher aus dem blauen Zug gewonnen. Er soll auch im Internet was schreiben, das guck ich mir doch gleich mal an. Vielleicht hat er ja auch mich erwähnt.

2.Etappe: Cala Millor - Cala Ratjada 164,5 Km

Ich habe gestern im Internet dieses Gelabere von diesem deutschen Kameltreiber gelesen. Ach, er wäre ja so glücklich und dann macht sich dieser Blödmann über mich lustig. Nun, zumindest schon mal irgendwo erwähnt worden. Heute werde ich das sicher auch. Nur heute werden sie in den Ergebnislisten vorne nach mir suchen und heute darf diese Kartoffelfresse, die sich "Willi" nennt, mir zum Sieg gratulieren.

Das Gelände ist genau für mich geschaffen worden. Von Anfang an geht es immer wieder kurz bergauf und vielleicht kann ich mir ja auch mal das Bergtrikot sichern, denn heute gibt es die ersten Bergpunkte zu vergeben, an einem Berg der 2. Kategorie. Hört sich doch einfach an.

Schon nach 10 Kilometern fahre ich vorne im Feld. Ich musste versprechen, dass ich immer bei Mikel bleiben würde, aber auf die kann ich pfeifen. Der Plan lautet übrigens locker flockig alles kontrollieren und die Fahrer auf den Zettelchen nicht weggehen lassen.

Die ersten Hügelchen verlaufen ruhig. Ich habe auch keine Lust irgendetwas zu veranstalten und so darf ich erst mal wieder Flaschen holen fahren. Dieses Mal fahre ich natürlich schneller zurück ins Feld, aber es dauert mindestens 15 Kilometer bis sich meine Beine wieder entspannt haben. Am Fuße des großen Berges fahre ich in der vorderen Hälfte direkt vor Mikel, als plötzlich rechts von uns ein orangenfarbener am Feld vorbeizieht. Schnell riskiere ich einen Blick auf seine Rückennummer und vergleiche sie mit denen auf meinem Zettel. Es ist die Nummer 145. Ich frage Mikel in einer Trillionensekunde, ob wir mitgehen wollen, doch der ist schon längst aus dem Sattel gestiegen und stiefelt hinterher. Auch Rafael zieht an mir vorbei und ehe ich mich versehe schreit mich von hinten eine Stimme an, ich solle gefälligst Dampf machen.

Ich werfe mich in die Pedale und hole zu diesem Boogerd auf, an dessen Hinterrad aber auch schon andere hängen. Rafael hat sich an die Spitze des Feldes gesetzt und hält die Favoriten in Schacht. Das Tempo ist aber sehr hoch und ich habe Schwierigkeiten mich vorne zu halten. Am Ende des Anstieges habe ich mich ein wenig erholt und fahre im Feld an der 20.-25. Position.

Drei Fahrer vor mir ist Mikel, ganz vorne weiterhin Rafael. Auf der Abfahrt nehme ich mal die Hände vom Rad um mich umzugucken und zu sehen wie groß das Feld noch ist. Doch hinter mit fahren nur noch zwei weitere Fahrer, denen der Regen und der Schweiß im Gesicht hinunterlaufen und hinter ihnen ist keine Menschenseele mehr zu erkennen. Die ersten Autos haben sich an uns herangeschlichen und ich lasse mich zurückfallen um Manolo nach dem Rennstand zu fragen.

Er berichtet mir es gäbe vier Gruppen. 3 Minuten hinter uns sei eine 70köpfige Gruppe mit einigen Favoriten und ich solle mal gucken wer vorne dabei ist, da der Tourfunk ausgefallen sei. Also schnappe ich mir die Flaschen und rase weiter die Abfahrt hinunter.

 

Ich fahre vor zu Mikel und Rafael, die die einzigen von uns in der Gruppe sind und fahre langsam am Feld vorbei um mir die Nummern einzuprägen. Ganz vorne fährt die 81, dahinter die 84. Schneller Blick auf den Zettel. Der 84er heißt Brutt und steht auf meiner Liste. Dann kommen gleich drei Rosafarbene, von denen auch einer auf meiner Liste steht. Dann kommen Mikel und Rafael, dann zwei hellgrüne, die beide nicht verzeichnet sind, die Nummer 92 und 98. Dahinter hat sich der hellblaue Zug versammelt, der mit den Startnummern 162, 163 und 166 noch mit drei Leuten dabei ist. Von meinem Zettel erkenne ich am Ende der Gruppe nur noch Boogerd und den Spanier mit der Nummer 18, die aber beide keine Helfer mehr dabei haben.

50 Kilometer vor dem Ziel ist die Abfahrt vorbei, und unser Vorsprung ist auf 4.30 angewachsen. Einen Berg der 4.Kategorie haben wir noch vor uns, und Manolo und Mikel meinen wir sollten ihn von vorne fahren. Also setzen Rafael und ich uns zwanzig Kilometer vor dem Ziel an die Spitze und sorgen für ordentliches Tempo. Auf dem Gipfel hole ich mir als dritter noch ein paar Bergpunkte, und die erste Geldprämie meiner Karriere.

Die 27 Fahrer sind immer noch alle zusammen und die Spannung vor dem Zielsprint ist zu spüren. Ich soll für Rafael anziehen und mich 300 Meter vor dem Ziel dann raushalten und ins Ziel rollen.

Zwei Kilometer vor dem Ziel machen die beiden hellgrünen das Tempo und plötzlich sprintet der Mann mit der 162 rechts aus dem Feld heraus. Blitzschnell geht dieser Boogerd hinterher und der Rest der Gruppe guckt sich nur an. Doch das will ich mir nicht bieten lassen und zerreiße meine Beine noch mal um die beiden einzuholen. Mit gut 40 Meter Vorsprung geht es vorbei an der Flamme Rouge, doch meinem Tempo können die beiden sicher nicht trotzen. Ich drehe mich um und merke, dass Rafael nur an vierter Position fährt. Ich fahre links raus und warte bis er an meinem Hinterrad klemmt. Rechts zieht ein Mann mit der 134 als erster den Sprint an und die beiden vorne geben auf. Ich fahre das Loch für Rafael zu, aber dann blockieren meine Beine und ich lasse mich aus der Spitze rausfallen.

Rafael kommt auf gleiche Höhe mit dem 134er und es sieht so aus als würde er ihn schlagen können. Doch in dem Getümmel da vorne kann ich nichts mehr erkennen. Jemand reißt die Arme hoch, aber im Regen ist auch die Farbe des Trikots nicht zu erkennen.

Erst zehn Minuten nach der Ankunft erfahre ich, dass Rafael das Ding wirklich gewonnen hat. Genial! Ganz großes Herrentennis, wie ich da für ihn gearbeitet habe. Ich bin am Ende 26. geworden, mit gleicher Zeit. Habe in der Gesamtwertung fast 50 Plätze gutgemacht, bin jetzt 96.!!! Mit neun Minuten Rückstand auf Rafael, der auch in der Gesamtwertung jetzt führt. Er führt vor dem mit der 134, dann Boogerd und dieser Brutt mit der 84. Mikel ist 11. und der blöde Australier liegt jetzt sogar hinter mir.

3.Etappe: Port d'Alculdia 169,5 Km

Heute wird es ganz schwer. 4 Berge der zweiten Kategorie sind zu überstehen um Mikel oder Rafael in Führung zu bringen. Manolo hat diesen Vandenbroucke von unserer Liste gestrichen, genauso wie diesen Dominguez. Viel Zeit haben die gestern wohl verloren. Im heutigen Startort kam sogar leichter Hagel runter, jetzt sind wir seit 10 Minuten unterwegs und das Hageln hat sich nur in Platzregen verändert, nicht viel Unterschied. Bisher ist alles eben auf dieser Etappe, doch gleich wird es losgehen und ich hoffe ich kann mich auch heute wieder in der Spitzengruppe etablieren. Heute vor dem Start hat sich dieser Spanier von der ersten Etappe bei mir entschuldigt und mir zu meiner guten Leistung gratuliert. Schleimer. Den häng ich doch am ersten Berg direkt wieder ab.

Vorne greift einer an, zwei, drei, Nummern gucken, Tempo. Mikel schüttelt nur den Kopf. Er hat mal wieder schneller geguckt. Er sagt mir es seien die Nummern 141, ein Holländer namens Veneberg, 125, Pereiro und 117 Casero.

Die sind ungefährlich beschließt auch Manolo und so überqueren wir mit 400 Zeitungen unter dem Renntrikot gemeinsam den ersten Berg, 2 Minuten hinter der Dreiergruppe. Nach zwei weiteren kleinen Steigungen geht es zur nächsten Bergwertung und ich suche Rafael um ihn zu fragen, wie es ihm geht und ob er etwas braucht. Er bittet mich ein paar Riegel zu bringen, ein freundlicher Kollege, der sich gestern beim Abendessen aufrichtig bei allen bedankte, die ihm geholfen hatten. Ich lasse mich also artig zurückfallen und darf am Ende des Anstieges hart strampeln um Rafael, der vorne mitfährt überhaupt wieder einzuholen.

Der Vorsprung auf diesem zweiten Gipfel betrug schon 5 Minuten und Manolo meinte man könne doch generell mal ein bisschen Tempo machen, um vielleicht den ein oder anderen Regenhasser aus dem Hauptfeld zu kegeln. Also spannen Jonathan, Gp und ich uns vors Feld und machen auf der Abfahrt ein Tempo bis zu 90 Stundenkilometern. Der Regen verwandelt sich am Gipfel des dritten Berges sogar in leichten Schnee und keiner im Feld fährt nun mehr ohne Handschuhe, Westernstiefel und Eierschutz.

 

Nach der Verpflegungsstation steht also nur noch ein Berg im Weg, doch dieser würde reichlich selektiv werden, das weiß auch ich. Ich versuche mich in der Spitze des Peletons zu halten, doch nach wenigen hundert Metern blockieren meine Beine und ich sehe nur noch den Hintern meiner beiden Teamkollegen, die ich in Position fahren sollte.

Ich falle in eine Art Gruppetto zurück, in dem ich Gp und Jonathan wiederfinde, die schon früher zurückgefallen waren. Wir sind so ungefähr 50 Fahrer, soweit ich das Abschätzen kann. Auf der Kuppe haben wir 2.30 Rückstand auf die Spitzengruppe und es sind auf jeden Fall weniger als 0 Grad hier oben. Ein paar der Spanier und auch ein zwei andere Fahrer geben das Rennen freiwillig auf, aber ich will einen guten Eindruck hinterlassen und hier nicht aufgeben, das mache ich nicht. Ich fahre die Etappe also mit Jonathan und Gp zu Ende, und im Ziel bin ich wieder besser als der Australier und unser anderer Sprinter und ich erfahre von Manolo, dass Angel C. heute zum zweiten Mal gestürzt ist und aufgegeben hat. Ich werde am Ende 71. und schiebe mich in der Gesamtwertung auf Rang 84. Vorne hat Rafael leider eine elfköpfige Spitzengruppe ziehen lassen müssen, wo aber Mikel drinne war, der Etappenachter wurde und in der Gesamtwertung nun auf Rang 5 liegt. Vor ihm liegen nur noch Etappensieger Nardello, dann Boogerd, Zülle und Brutt. Also lag Manolo vor der Rundfahrt wieder richtig mit seinem Favoritentipp. Morgen wird es zwar hügelig aber trotzdem einfacher als heute und ich hoffe ich kann mich noch unter die Top 50 schieben.

4.Etappe: Manacor - Porto Cristo 166,3 Km

Heute geht es also nur über einen Berg der 4. Kategorie und es wird sicher einfacher als gestern, diese Tortur zu überstehen. Bis hin zu dieser Wertung verläuft alles sehr einfach. Genauso wie gestern werden die Ausreißer locker flockig wieder eingeholt. Auch am Berg passiert nicht viel und so versuchen wir den blinden Aussi mal wieder in Position zu katapultieren. Einen Kilometer vor dem Ziel kann ich mich zurücklehnen und mir das Geschehen genüsslich aus der Ferne angucken. Der Australier fährt sogar recht gut und wird vierter, gewinnen tut dieses Mal einer von Betis Sevilla oder so. Angel ist 8. geworden, der meint er wäre mal in dem Team von dem Sevilliano gefahren und würde es ihm gönnen. Nun gut, dann gönn ich es ihm auch. Mal sehen was morgen noch kommen wird. Hoffentlich kann Mikel das Ding noch machen.

Ach ja, ich bin 103. geworden und habe in der Gesamtwertung meine Position gehalten. Immerhin bin ich nicht aus dem Hauptfeld gefallen, wie am ersten Tag. Vielleicht darf ich ja morgen sogar noch mal angreifen.

5.Etappe: Magalluf - Palmanova 149,4 Km

Heute stehen noch einmal 5 Bergwertungen auf dem Programm. Nachdem gestern nur leichter Nieselregen unsere Kaffeefahrt bestimmte, schneit es heute schon wieder leicht. Eigentlich habe ich gar keine Lust loszufahren. Naja Schlamm drüber. Die ersten 20 Kilometer und der erste Berg der 3. Kategorie laufen ziemlich gemächlich an, aber dann, in einem Moment, in dem ich mal wieder Flaschen holen darf, greifen vorne die Favoriten an. Mir gelingt es nicht mehr vorne ranzukommen, sodass ich mit 10 unbrauchbaren Flaschen dem Feld hinterhertuckere. Immer mehr geschlagene Fahrer kommen von vorne zurück und schon bald umgibt mich eine Traube von 50-60 Fahrern, die diese Rundfahrt anscheinend nur gesund über die Bühne tänzeln wollen. Am dritten Berg der Etappe, auf dem es -5 Grad hat und wo der Schnee noch dichter geworden ist, fragt Manolo mich erstmals, ob ich den freien Platz neben ihm im Auto einnehmen wolle. Doch ich kämpfe weiter und erklimme auch den vierten Berg. Ich bekomme Husten und beschließe letztendlich doch, mich in ein warmes Teamauto zu setzen und mich dort über Mikels Gesamtsieg zu freuen. Ich warte bis Manolo's Wagen in Sichtweite kommt und steige vom Rad. Die Beifahrertür wird geöffnet und da grinst mich dieser blöde Australier mit seinem breitesten Blödmanngrinsen an und schließt sie wieder bevor ich überhaupt etwas hineinschreien kann.

Ich steige wieder aufs Rad, aber ich komme gar nicht mehr richtig in Tritt und warte auf unser zweites Fahrzeug. Hinter mir scheinen auch schon alle ausgestiegen zu sein, denn keiner zieht mehr an mir vorbei, außer die Teamwagen der einzelnen Teams. Ganz am Ende hält ein roter Wagen an, aus dessen Dach ein glatzköpfiger, kleiner Mann herausguckt. Er winkt mich herein und befestigt in sekundenschnelle meinen Drahtesel auf dem Dach.

In dem Auto ist es schön warm, und aus dem Radio brüllt eine heisere Stimme verwirrte Dinge. In Australien hätte ich davon wahrscheinlich gar nix verstanden, aber hier in Spanien kann ich den Schreihals wenigstens ein bisschen verstehen.

 

Während der Glatzkopf mir etwas zu Essen reicht und ein frisches Renncape, erzählt die Stimme aus dem Elektroapparat etwas davon, dass vorne irgendein Mann namens Kintana einem gewissen Quesada davonzieht um die Etappe zu gewinnen. Dahinter fährt eine Gruppe mit vielen Favoriten, die aber bei dieser Erschöpfung die beiden vorne nicht mehr einholen wird. Plötzlich attackiert dieser Russe mit der 84 und wie ich verstehen kann, kann nur Nardello ihm folgen. Mikel und Rafael fahren noch in der Gruppe, aber der Reporter erklärt sie für klinisch tot.

Nardello und der Russe liefern sich einen erbitterten Kampf um den Gesamtsieg und vorne gewinnt dieser Kintana, vielleicht ja ein Spanier, die Etappe. Nardello sprintet Brutt nieder und kassiert noch ein paar Sekunden Zeitgutschrift, um diese Rundfahrt zu gewinnen. Brutt wird Etappenvierter und Gesamtzweiter, Zülle dritter. Mikel hat sogar noch Zeit auf Rafael und dessen Gruppe verloren und wird am Ende mit 63 Sekunden Rückstand sechster. Rafael holt sich noch einmal einen neunten Etappenplatz, hat aber in der Gesamtwertung keine Chance mehr in die Top 10 zu rutschen.

Ich kann mit meiner zweiten Rundfahrt recht zufrieden sein, weil ich wieder eine Etappe sehr gut gearbeitet habe, und auf dieser Schneeetappe auszuscheiden ist keine Schande. Ich brauche sicher nur noch 2, 3 Rundfahrten um endlich ganz vorne mithalten zu können.

Als nächstes geht es für mich in zehn Tagen zur Vuelta Andalucia, aber jetzt lasse ich mich erst mal ausführlich von einer der schönen Spanierinnen massieren. Und dann muss ich noch ein Wörtchen mit dem unterbemittelten Australier reden.

 

von Niki

 


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