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gorka ist wieder da... das drama nimmt seinen lauf

 

liebe freunde, es ist so viel passiert in letzter zeit... ich weiß gar nicht wo ich mit dem erzählen anfangen soll.

 

die saison hatte für mich so gut angefangen, doch dann nach der vuelta ciclista a navarra ging alles bergab. im juni trainierte ich zuhause um mich phänemenal auf den rest der saison vorzubereiten. doch ich trieb es wohl zu weit... hier in der nähe gibt es ein kleines dorf, und in diesem dorf gibt es eine wahrlich baskische abfahrt. ich fahre sie sehr gerne, denn abfahren ist wohl das beste am radsport überhaupt. nun befand ich mich ende juni auf dieser abfahrt, und die sonne brannte mir auf mein gelbes trikot. vor mir schien ein ganzer tross lastwagen die straße entlanggefahren zu sein, der asphalt war dadurch und auch durch die große hitze sehr aufgeweicht und schlüpfrig. während ich diese schwierige abfahrt hinunter heizte, erblickte ich am straßenrand das wohl liebreizendste geschöpf dieser erde, und sie sah mich zweifelsohne auch. während ich noch mit dem kopf über die schulter zu ihr schaute, hatte ich keinen sinn für schlechte straßen und mögliche gefahren. was dann geschah passierte wie in zeitlupe – das hinterrad rutschte weg, der reifen löste sich von der felge und ich prallte auf die straße. mir wurde schwarz vor augen, aber schon einen kurzen schummrigen moment später öffnete ich diese und fand mich in einer menschentraube wieder. kleine jungs beobachteten mich ehrfürchtig aus einiger entfernung, männer mittleren alters betasteten und begutachteten mein armes rad, alte mütterchen diskutierten wie schwer meine verletzungen sein mochten und erzählten sich gegenseitig, dass sie derartige stürze von ihren söhnen auch kennen. ein kurzes aufseufzen markierte den moment, in dem sich die frauen ihrer söhne erinnerten, und eine von ihnen fing an von ihrem nun auch schon radfahrenden 3jährigen enkel zu erzählen. doch wo war das mädchen von vorhin? ich konnte mich nicht bewegen, und so sehr ich mich auch anstrengte, ich sah sie nicht. doch bevor ich mir noch mehr gedanken darüber machen konnte, hörte ich schon die sirenen des krankenwagens.

 

das ergebnis war ein bruch des handgelenks und des oberschenkels. schöne bescherung... manolo war außer sich, er schäumte vor wut, wollte nicht verstehen wie man sich im training eine derartige verletzung zuziehen konnte. aber er hatte ja recht...als ich damals meinen profi-vertrag bei once unterzeichnete, gab er mir unter anderem diesen rat mit auf den weg: „gib auf die straße acht, gorka! hüte dich davor, dich von ihr ablenken zu lassen.

 

da ich diesen rat nun ganz offensichtlich missachtet hatte, nahm manolo mich aus dem programm des teams in dieser saison raus. ich durfte keine rennen mehr fahren, musste mein training aber genauso intensiv betreiben wie vorher. aber das war mir in den moment egal, wichtig war mir dass ich erstmal wieder gesund werde.

 

 

dies tat ich dann auch, bis in den august hinein rehabilitierte und pflegte ich mich – bestens versorgt von meiner mutter und einer ganzen armada baskischer alter mütterchen, die stets eine anekdote über ihre ehemals radfahrenden söhne (und enkel) parat hatten.

 

die tour de france verfolgte ich am fernseher und auch live an der straße – bei den baskenetappen natürlich. ich freute mich sehr über euskaltel. baskenpower bei der tour de france, wie schön...

 

doch dann kam der sturz... joseba stürzte. und seltsamerweise stürzte er exakt auf dieselbe weise wie ich einen monat zuvor. manche meinen, dies wäre eine unbewusste sympathiebekundung seinerseits gewesen. oh mein joseba, lass dich küssen! auch wenn du es meiner ansicht nach ein bisschen zu genau genommen hast...das wär doch nicht nötig gewesen! ein früh morgens geträllertes baskisches volkslied hätte mir vollkommen gereicht. 

 

als ich mitte august endlich wieder auf mein rad steigen konnte, hatte uns die hiobsbotschaft schon erreicht – nächstes jahr kein sponsor mehr. dies stimmte uns alle sehr traurig, und viele wissen noch nicht zu welchem team sie wechseln. immerhin, der jörg hat schon einen neuen vertrag. doch wir sind nicht die einzigen, deren team eliminiert wird – banesto ergeht es genauso. die spanischen teams schwinden... dies ist vielleicht die große gelegenheit für das baskenland, stärker hervorzutreten. quasi *am baskischen wesen soll radsportspanien genesen*. oder um noch mehr phrasen aus dem geschichtsunterricht zu dreschen: vom *baskenland lernen heißt radfahren lernen*. eine zweite baskische mannschaft wäre nicht übel. vielleicht bekomme ich ja auch bei euskaltel einen vertrag...mein guter freund dioni sagt, dass sie mich schon die ganze saison beäugen.

 

doch über verträge will ich mir nun keinen kopf machen, denn für mich eröffnet sich eine großartige chance – viele unserer teamgefährten haben gesundheitliche probleme, und dadurch musste manolo mich widerwillig in die mannschaftsaufstellung für ein rennen am wochenende nehmen. hach, ich freu mich so! das rennen heißt gp ctt correios und findet in portugal statt. es umfasst 3 etappen und diverse wertungen. ich hab allerdings keine ahnung über die strecke und das profil. manolo verbietet mir, mich darüber zu informieren. er sagt, das soll wenigstens der letzte rest der strafe sein. jaja, manolo ist sehr konsequent.

 

 

der start... schön ist es hier! viele zuschauer, und nur portugiesen im feld. endlich mal keine nervenden spanier...

 

ich stehe so vor mich hin und erwarte das startsignal, da stürmt ein orangenes etwas auf mich zu. dioni! er hat erfahren dass ich hier starte, und ließ es sich nicht nehmen, mir persönlich glück zu wünschen. er kommt auf mich zu und klopft – oder besser: er haut mir auf die schulter. er hat ganz schön viel kraft in seiner riesigen pfote, und bevor ich mich versehe, fliege ich auf den boden. niedergestreckt von dioni, das passiert mir nicht alle tage. doch was ist das für ein schmerz in meiner hand? und warum, verfickt noch mal, stütze ich mein aufprallen genau mit der hand ab, welche ich mir 2 monate zuvor fast völig kaputtgemacht habe? da liege ich nun, wimmernd und jammernd mit einem zusehends dicker werdenden handgelenk. irgendjemand ruft manolo her. dioni hingegen verdrückt sich unauffällig. ich brauche wohl nicht zu erwähnen dass manolo im dreieck springt. ich habe fast angst dass er mich schlägt... ich habe gelernt, manolo bedingungslos zu gehorchen, und sein „hinfort aus meinen augen!“ nehme ich mir für heute und die nächsten tage sehr zu herzen.

 

der teamarzt kommt und verarztet meine hand. es tut höllisch weh, doch während ich auf dem boden sitze und neben mir der start in vollem gange ist, passiert etwas, was mich jeden schmerz vergessen lässt – SIE ist da! das mädchen, welches meinen ersten sturz verursachte. ich winke ihr zu, sie lächelt mich an. dann dreht sie ihren kopf zur seite und spricht mit einem typ der neben ihr steht. dieser gibt ihr daraufhin einen kuss, und die beiden verlieren sich in baskischen zungenküssen – denn wie ich erkennen muss, ist der typ – ihr freund – doch tatsächlich der gute alte dioni...

 

ich fühle mich furchtbar. es ist ja nicht so dass ich sonst keine frauen kennenlernen würde...als radsportler stehen einem im baskenland ja quasi alle türen und betten offen...aber dies ist doch etwas anderes. aber bevor ich mich in enttäuschung und selbstmitleid verliere, erstarkt mein ego. ich bin gorka antonio jimenez valverde, und ich werde mich nicht von trainingsstürzen, schmerzenden handgelenken und vergebenen frauen ins knie zwingen lassen! ich werd es ihnen allen zeigen!!

 

ich rappel mich hoch, ergreife mein rad und fahre dem feld hinterher, welches nun schon außer sichtweite ist. ich überhole den schlusswagen, die teamautos und reihe mich hinten im feld ein. dort begrüßt man mich mit ungläubigen blicken, und einige amüsieren sich immer noch über mein unrühmliches missgeschick vorhin. ich will mich nun für den rest der etappe im feld halten, doch meine amoksfahrt um das feld einzuholen, bleibt nicht ohne folgen. nach einer stunde erreicht der schmerz in der hand ein so hohes level, dass ich mich am liebsten einfach vom rad fallen lassen würde. meine beine sind schwer, und ich habe den eindruck dass ich die ganze zeit nur bergauf fahre. schon bald ist es mir nicht mehr möglich, noch eindrücke von außen wahrzunehmen. ich merke nicht wie das feld an mir vorbeizieht, wie manolo mich aus dem wagen heraus anbrüllt, wie mich alle teamfahrzeuge überholen. ich konzentriere mich nur auf meine beine, für jede pedalumdrehung muss ich mich neu motivieren, und ich habe das gefühl dass alles was schief gehen kann, schief geht. meine schuhe drücken und reiben, das trikot ist zu warm, ständig fliegen insekten unter den helm und in meinen sperrangelweit offenen mund, die sonnenbrille rutscht, das surren der räder nervt. doch ich fahre und fahre.

 

 

ich scheine einen blackout gehabt zu haben, denn ich habe nicht bemerkt wie ich die letzten 2 stunden verbracht habe. plötzlich befinde ich mich auf der zielgeraden, um mich herum begeisterte menschen. hab ich es wirklich bis ins ziel geschafft? ich steige ab und merke nun dass ich schon kein gefühl mehr in der einen hand hab. mit letzten kräften entreiße ich einem kleinen jungen eine wasserflasche, lege mich auf den asphalt und gieße mir das wasser über das gesicht. nein, jetzt geht gar nichts mehr...

 

eine halbe stunde später mach ich die augen wieder auf. über mir steht manolo, steht das ganze team. warum sagen sie nichts? nach zwei minuten erzählt manolo, dass ich außerhalb der karenzzeit ins ziel gekommen bin und daher morgen nicht an den start gehen brauch. dann klopft er mir auf die schulter, und in seinen augen sehe ich einen noch nie dagewesenen blick. ich kann ihn nicht sofort zuordnen, doch dann erkenne ich dass es ein väterlich-stolzer blick ist. manolo wendet sich von mir ab und anderen dingen zu. ich bin verwirrt und versuche aufzustehen. jemand hilft mir dabei – dioni! etwas verschmitzt entschuldigt er sich dass er mich zu fall gebracht hat. ich kann darauf nichts erwidern, ich kann mich ja kaum auf den beinen halten.

 

am nächsten morgen reise ich ab und finde mich einige stunden später daheim im baskenland wieder. zuhause sitzt joseba auf der couch und erwartet mich. er sagt, er habe gestern abend mit manolo telefoniert. joseba erzählt, dass manolo sehr beeindruckt von meiner aktion gewesen ist, und dass er mich nun nichtmehr als naiven neuling sieht, sondern als vollwertigen fahrer achtet. ich plauder noch etwas mit joseba, bis dieser sich verabschiedet.

 

ich sitze zuhause und überdenke den gestrigen tag. ein vollwertiger fahrer also... ich wusste doch dass meine pechsträhne irgendwann zuende sein muss. 

 

 

von raktajino

27.8.2003


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