Cycling4fans HOME | LESERPOST | SITEMAP | KONTAKT | ÜBER C4F












 

Tour de la Guadeloupe, 3. - 13. August 2006

Sebastian Paddags Tagebuch



2. August: die Ankunft

Am 2. August ging die Reise los und wir flogen von Berlin bis Paris und von dort dann weiter nach Guadeloupe. Da wir keine Tickets für den Flieger nach Guadeloupe hatten, war es in Paris schon das erste Mal etwas stressig, aber irgendwie dann doch machbar. Nach 8h Flug in nem 500-Mann Flieger, während welchem gerade mal ein einziger Film gezeigt wurde und somit akute Langeweile aufkam, sind wir alle gut gelandet. Im Flieger hinter mir (aber eigentlich auf meinem Platz) saßen zwei bzw. ein Belgier, die die ganze Zeit irgendwelche Frauen anquatschten oder volllaberten, nach der Landung wie die Bekloppten klatschten, somit extrem auffielen und sich somit bereits das erste Mal in unser aller Gedächtnis einprägten.

 

Auf der Busfahrt vom Flughafen, wo wir bereits beim Warten auf des Gepäck 3 mal interviewt wurden, zum Hotel kam dann die erste Erkenntnis: Es ist zwar verdammt schön hier, die Menschen sind alle sehr freundlich und auch sonst irgendwie total exotisch, aber die französische Sprache, die Kreisverkehre, die Straßenschilder und der tolle französische Straßenbelag reißen es dann doch alles wieder runter und Frankreich bleibt Frankreich smile .

Das Hotel war ganz gut, in der ersten Nacht pennten wir wegen der 6h Zeitverschiebung und des Reisestresses alle sehr gut. Vor dem Schlafengehen testeten wir noch das Karibische Meer, welches aufgrund der hohen Temperatur 5 Sterne bekam.

 



3. August: die Vorstellung

Am Donnerstag sind wir dann vormittags 2h Rad gefahren, um uns etwas an die klimatischen Verhältnisse zu gewöhnen und mussten am Abend zur Eröffnungsfeier. Diese fand im örtlichen Velodrom statt und war an sich total öde. Stundenlang hielten irgendwelche Leute Reden, traten Tanzgruppen auf oder wurde irgendwie anders die Zeit totgeschlagen. Jedoch sehr beieindruckend: Die Zuschauermengen. Das Velodrom war gut gefüllt mit einheimischen Zuschauern, die alle nur warteten, um uns Fahrer zu sehen und auch mehrere Fernsehsender waren live dabei. Nach über 2 Stunden des Wartens und des "Beinahe-Einschlafens" wurden dann alle Teams vorgestellt, die Leute auf den Rängen rasteten echt richtig aus...

Die Teams, die schon vorgestellt waren, mussten sich dann vor der Bühne aufstellen und auf die anderen Teams warten. Während dieser Warterei erlebten wir dann ein erstes Highlight: Ein Fahrer aus einer einheimischen Equipe zündete sich erst mal ne Zigarette an und rauchte diese seelenruhig weg. Er bekam von uns den Spitznamen "der Raucher". Während der elendigen Warterei traten übrigens auch die beiden Belgier wieder in Aktion und nutzten jede sich bietende Chance, Frauen anzugraben oder voll zu quatschen. Sehr lustig zu beobachten! Am Nächsten Tag war dann vormittags wieder Kullern angesagt und Abends der Prolog. Zwischendurch waren wir natürlich auch noch mal kurz am Strand und beobachteten die beiden Belgier. Da übrigens gerade Regenzeit war, kam es häufig mal vor, dass es einfach so voll anfing zu schütten. Jedoch störte das immer irgendwie niemanden, denn nach längstens 5 Minuten war alles schon wieder vorbei und die Sonne kam zurück. Total cool eigentlich, denn der Regen war voll warm und es war überhaupt nicht so, wie wenn es zu Hause regnet. Nur die Räder waren dann halt immer dreckig...

 



der Prolog, 18Uhr karibische Ortszeit:

4. August,  Start des ersten Fahrers zum Prolog...

17 Minuten später: Paddi kommt zum Start und stellt fest: Okay, Prolog ja, aber wohl doch erst später... Hä???? Der für 18 Uhr geplante erste Start wurde mal eben um 30 Minuten nach hinten verschoben, weil irgendwas mit der Technik noch nicht so ganz passte. Das ist ja an sich nicht soo schlimm, nur Bescheid sagen wäre halt cool... ein Glück kann ich etwas französisch... Der Prolog an sich bestand dann aus 4 flachen Kilometern durch die Hauptstadt Pointe-À-Pitre. 2 Km hin und 2 Km zurück quer durch ein dunkles Meer von Zuschauern, wie es bei der Tour nicht besser sein könnte, echt geil. Für mich war es nach 3 Wochen Rennpause wieder der erste harte Tritt und dementsprechend kam auch nicht soo viel bei raus. Ich platzierte mich irgendwo im Mittelfeld der 145 Starter. Unser Bester war Simoni (Simon Geschke) als 7., was ohne Zeitfahrrad echt stark war. Pfingsti, der sich von seinem Schock am Coll du Finestre (ich berichtete) wieder gut erholt hatte, fuhr ebenfalls eine starke Zeit und wurde 17.. Geil war auch, dass es ab 19Uhr stockfinster und somit ein Warmfahren (Rollen hatten wir keine) nicht gerade sicher war. Die Straßen waren nämlich nicht wirklich gut beleuchtet und die Autos dachten sich auch - wenn die Strom mit der Straßenbeleuchtung sparen, dann sparen wir am Auto gleich mit... nicht dass es noch zu hell wird im Dschungel  smile .

Die An- und Abreise zum vom Hotel zum Startort und zurück war jeden Tag so geregelt, dass 2 Busse zu einer festgelegten Uhrzeit irgendwo standen und mit 15 bis 30 Minuten Verspätung alle Renner (die einheimischen natürlich immer als Letzte) dort erschienen. Unser "Natural-Born-Busdriver" steuerte uns dann stets quer über die Insel. Liebstes Hobby der Busfahrer ist übrigens rückwärts Einparken... Busfahren war immer sehr lustig smile . 

 



1. Etappe

"172 Km ständiges Auf und Ab bei Affenhitze und mit nem Haufen Affen..." so könnte man das bezeichnen...

Die erste Etappe war echt hammerhart für mich und ich denke auch für die anderen Jungs. Nach 15Km waren knapp 20 Mann vorne mit über ner Minute Vorsprung. Der gemeine Europäische Rennfahrer zieht sich bei dieser Konstellation eigentlich erstmal ins Feld zurück und guckt, was passiert. Nicht jedoch 90% der Rennfahrer dort. Alle 30 Sekunden attackierte ein anderer und es kam echt nie Ruhe ins Geschehen. Die dachten sich echt alle, sie könnten alleine zu der Gruppe vorfahren... So kam es dann, dass das Feld bald nur noch aus 50 Mann bestand und alle anderen entweder in der Gruppe vorne oder einzeln dahinter waren... Hammerhart, echt noch bekloppter als in Spaniensmile .  Vor allem war es auch so, dass die erst attackieren wie vom Affen gebissen und dann aber, wenn es mal ne kleine Gruppe gab, keinen Meter führen wollten.

Was in meinem Kopf vorging, kann sich bestimmt jeder denken smile . Am Schluss waren dann 3 Runden á 30 Km zu fahren und ich war bei der ersten Zieldurchfahrt schon tütenzu, was mich dazu bewog, alle Aktivitäten aufs Kraftsparen und Ankommen zu beschränken. Leider hatte ich kurz vor Ende der 2. Runde dann Hinterradplatten. Unser Materialwagen war aber vorne und bis mir irgendwer aushalf, war alles zu spät. Hinterm Auto wieder ans Feld fahren, scheinen die auch nicht zu kennen und so durfte ich dann die letzte Runde alleine hinter mich bringen. Nach ein paar Minuten fuhr ich zu einem andern abgehangenen auf und wir fuhren erstmal zusammen weiter. Ich war nicht gerade unglücklich darüber, denn der Kumpel war schwarz und so schwand meine Angst irgendwo im Dschungel verloren zu gehen... Leider war der Typ nach 15Km irgendwie der Meinung, er müsse vom Rad steigen, seinen linken Schuh ausziehen und sich in den Graben legen... völlig crazy smile . Meine ersten 25 Minuten Rückstand waren also gesichert. Simoni war wieder am weitesten vorne und konnte seine Top 10 Platz so sichern.

 



2. Etappe

Damit keine Langeweile aufkommt, direkt mal ne Doppeletappe! Vormittags 100Km mit nem schönen Berg 22Km vorm Ziel. Bis zum Berg hin lief es bei mir schon besser als gestern, aber am Gipfel war ich dann doch wieder im hinteren Drittel. Es ging vielleicht 5 Km hoch und es standen da bestimmt 5000 Leute am Rand. Einfach nur der Hammer. Wirklich fast jeder reichte einem Wasser, kippte es einem direkt übern Kopf oder bemühte sich irgendwie anderweitig um Abkühlung. Unbeschreiblich...

Der Rennverlauf war quasi ähnlich wie gestern, aber diesmal hatten wir am Schluss fast alle ganz weit vorne. Da ich merkte, dass es doch von Tag zu Tag besser wurde, stieg meine Zuversicht, was den Rest der Tour anging auch wieder.

 

Nachmittags dann 10Km Bergzeitfahren. 4Km flach und dann alles was geht hoch die Heide, voll durchn Regenwald. Wegen meiner guten ersten Etappe startete ich gleich als 7. und mein Ziel war, wenigstens im Ziel Bestzeit zu haben. Wieso weiß ich nicht, aber es lief dann vergleichsweise echt super und ich holte gleich 4 Mann ein. Bin den Berg wie Lance hochgejagt sozusagen und hatte eine Bestzeit, die über 1,5 Stunden lang stand und wegen der ich bestimmt alle 10 Minuten live im Radio interviewt wurde. Am Ende war ich 32. des Zeitfahrens und echt überrascht! Was die Zuschauermassen am Streckenrand anging, weiß ich nicht, in welchen Superlativen ich das ausdrücken soll...:

Einfach mal mit 10 Radlängen Vorsprung das allergeilste Radrennerlebnis meines Lebens.

Wäre ich schon mal die Tour de France gefahren, könnte ich vielleicht Vergleiche aufstellen, aber da ich es ja nicht bin, sage ich einfach mal, es war mindestens so wie da bei ner Bergankunft. Wenn da mal nicht die komplette Bevölkerung der Insel am Wegesrand ein Spalier bildete... UNVERGESSLICH!!! Simoni kam auch heute unter die Top 10 und mischte nun entgültig ganz vorne mit.

 



3. Etappe: "Der Tag, an dem ich fast gestorben wäre"...

165Km mit dem Berg von gestern früh von der anderen Seite und Ziel im Ort, wo unser Hotel stand. Heute war wohl mein Tag der Rundfahrt, denn ich hatte von Beginn an super Beine und versuchte auch gleich eine Gruppe zu erwischen, was jedoch von der Mannschaft des Gelben vereitelt wurde. Rennablauf wie immer und 50Km vor dem Ziel fand ich mich plötzlich in einer 20Mann Gruppe wieder, in der von uns auch noch Simoni und Henrik waren. Jedoch wollten die schwarzen Männer nicht mit uns fahren und koteten uns permanent an. Irgendwer ließ dann mal reißen und ich war plötzlich alleine vorn, fuhr weiter und bekam dann noch Gesellschaft von 8 anderen.

Wir waren also vorne und ich machte mir Hoffnungen, dass die Gruppe vielleicht ankommt, da kein Classement-Anwärter dabei war. Nach dem üblichen Gehabe und Geschauspiele von wegen "ich bin so grau, ich kann nicht mehr führen" usw. dividierte sich unsere Gruppe auf den letzten 10 Km so auseinander, dass wir vorne nur noch zu viert die letzten 5Km in Angriff nahmen. Ich war echt aufgeregt und dachte, wenn die Idioten mich jetzt echt mit anschleppen, werden sie sich in den Arsch beißen... denn wenn ich irgendwas kann, ist es immer noch Sprinten.

Die Kilometer verstrichen und es lief allen Ernstes auf einen Sprint hinaus. Wenn ich das jetzt so schreibe kriege ich noch immer feuchte Hände. Das Tempo wurde verschleppt, ich an 2. Posi, das Trikot schon zu (wegen Siegerfoto) und dann die 200m-Marke. Wir fuhren alle komplett rechts an der Bande und die Straße war links echt komplett frei. Vor mir fuhr so ein kleiner Venezuelaner, der mir schon die ganze Zeit aufgefallen war, da er bei 36 Grad mit Armlingen fuhr. Ich war mir also 100% sicher, trete an, muss logischer Weise links überholen und was macht der Jonny vor mir? Zieht voll nach links rüber - also jetzt nicht so wie Omi beim einkaufen, sondern eher so wie Michael Schumacher, wenn er des Überholens wegen ausschert - und ich hau mich grad so nicht hin. Im nächsten Sekundenbruchteil zieht er gleich noch mal rüber und ich Parke volle Sau im Absperrgitter ein... Zum Glück hauchdünn am totalen Sturz vorbei, aber trotzdem um alle Chancen gebracht.

Das ging alles so dermaßen schnell, dass ich wirklich null Chance hatte. Was in dem Moment in mir vorging, als ich realisierte, dass es das jetzt gewesen war, kann man auch nicht beschreiben. Wie eine Seifenblase war der Sieg zerplatzt und ich bin mir sicher, da wäre keiner an mir vorbei gefahren im Spurt. Meinen Arsch würde ich darauf verwetten.

Total entrüstet rollte ich also fluchend und zur Jury protestieren ins Ziel. Der Typ hatte sich zu seinem Glück direkt verpisst, denn ich weiß nicht, was ich mit ihm gemacht hätte... Gott sei Dank smile .

Alles in Allem wurde er dann distanziert und ich auf Platz 3 der Etappe gesetzt. Ganz großes Kino, dafür konnte ich mir auch nix kaufen. Mein TV-Interwiew unmittelbar nach dem Ziel muss ganz schön heftig gewesen sein. Einer meiner Teamkollegen meinte später, er hätte mich noch nie so schnell und so emotional französisch reden hören und gesehen. Im Fernsehen, was die Etappen täglich live und danach mega-ausfühlich zusammenfassend sendete, wurde mein Stunt bestimmt 10mal in Zeitlupe gezeigt und analysiert.

Abends im Hotel machten sie mit mir sogar ein Live-Interview bei der großen Abend-Zusammenfassung. Weil ich unser Französisch-Dolmetscher im Team war, hatte ich an dem Tag also bald mehr französisch gesprochen als alles andere. So, und weil diese Aktion echt abgefahren war und das natürlich auch wieder nur mir passieren konnte, tauften meine Teamkollegen das "Die Aktion, bei der Paddi fast gestorben wäre", haha.

 

Beim Essen nach der Etappe geschah noch was, wovor ich sogar etwas den Hut ziehe: Mein "Freund" aus Venezuela kam doch tatsächlich zu mir an den Tisch und entschuldigte sich. Er meinte, er habe mich echt nicht gesehen... ob wir ihm das jetzt glauben oder nicht, so viel Größe hätte ich dem 1,65m großen Rennfahrer nicht zugetraut...

 

Noch ne Anekdote von gestern: Nachm Bergzeitfahren, alle wollen nach Hause, jedoch Bus geht nicht, allgemeine Ratlosigkeit, was nun? Busfahrer schraubt erst ne halbe Stunde am Motor rum- nix. Dann die Idee: Vielleicht is ja der Sprit alle? Also Tankdeckel auf, reingeguckt, draußen aber schon finster- also nix gesehen. Nach Sprit riechen tuts zumindest, muss aber nix heißen. Also Busfahrer rennt los, ich denke schon: Der wird doch nich mitm Feuerzeug für Licht sorgen?? ...aber nein, er kommt mitm Besen zurück, allgemeines Achselzucken... Busfahrer dreht den Besen um und steckt den Stiel in den Tank, okay am Sprit liegts nicht... Geil oder??? Wir sind dann ne Stunde später mit nem anderen Bus gefahren...

 



4. Etappe: Die Windkantenetappe...

Und täglich grüßt das Murmeltier: Wellig, 1000 Attacken und 170Km das Messer am Hals. Eigentlich wollte ich mich ja heute bei den Kumpels für gestern rächen, aber die Schmerzen in meinen Beinen hielten mich dann doch davon ab... und zu dem auch noch die Tatsache, dass die gebräunten Freunde der körperlichen Ertüchtigung uns mal ganz spontan ne Windkante eingebaut hatten. Da ich gerade etwas weiter hinten im Feld mit meinem Kumpel von gestern quatschte (der is übrigens schon 30), war ich leider direkt abgehangen und hatte dann recht lange Freude daran, mit den 90 verbliebenen Kollegen den Anschluss an die 50 Mann Spitzengruppe wieder herzustellen. Teamkollege Richard muss sich während dessen vorne sehr spektakulär von seinem Sportgerät entfernt haben- zumindest fragten mich nachm Rennen alle, ob er der verrückte Typ sei, der in der Kurve einhändig geradeaus fuhr...ist aber nix passiert. Irgendwann war dann wieder alles beisammen und es lag nur ne kleine Gruppe noch vorne. Nach einer erneuten Windkantenaktion lag dann eine andere Gruppe in Front und kam auch vor dem geschlossenen Feld an. Ich bin dann etwas halbherzig mitgespurtet und wurde 6. vom Feld = 14. In der Gesamtwertung blieb es beim Gehabten und Simon lag weiterhin in den Top 10.

 



5. Etappe: Die erste richtige Bergetappe...

Heute wurde es für uns das erste Mal so richtig ernst, denn nach knapp 100Km gemäßigter Anfahrt folgten auf den letzten 40Km etliche giftige Anstiege, davon 2 mal 1. und 1 mal 2. Kategorie. "Alles für Simoni" war die Devise und so reihten sich Spitze (Armin Spitzbarth) und ich auf den ersten 100Km mit bei den Norvegern (Gelbes Trikot) ein, um das Tempo so hoch zu halten, dass Ausreißer keine großen Chancen hatten und um Simon abzuschirmen. Richard, Pfingsti und Henrik waren danach zuständig. Bis zum Fuße des ersten Berges gaben wir uns also richtig schön die Kante und flogen dann erwartungsgemäß voll in die Luft.

Die Berge waren so ekelhaft steil, dass mein 23er mir echt zu dick war und ich direkt bereute, den ganzen Tag geschraubt zu haben. Nachdem ich meiner Meinung nach schon ewig in einer hinteren Gruppe fuhr, was mich aber nicht weiter störte, da ich ja meine Arbeit getan hatte und die Gesamtwertung für mich sowieso passé war, fragte ich mich, wie weit es denn wohl noch sei? Ich legte mich so auf 10 bis maximal 15km fest und musste dann fast anfangen zu schreien. Nach 5 oder 6 Anstiegen stand da plötzlich das 25Km-Schild. AAAAAAAAAAAAAlter was? Zusammen mit nem Holländer quälte ich mich dann ins Ziel. Bei 20 habe ich dann aufgehört die Anstiege zu zählen...

Das alles hätte man ja noch verkraften können, hätte man nicht gewusst, dass es morgen noch beschissener wird und dass die letzten 15Km die ersten von morgen sind... ANGST? Ja! All dem zum Trotze wurde Simoni sau stark. 3. heute und schob sich damit noch weiter vor. Hatte sich also gelohnt zu leiden smile .

 



6. Etappe: Die Königsetappe...

122Km und nach den eh schon total unklaren ersten 17km gleich mal 12Km Anstieg zum Dach der Tour. Spätestens nach 30Km und den ersten 2 von 5 Bergwertungen also hatte heute jeder seine vorläufige Gruppe. Das war für Spitze und mich die 3. und für die anderen weiter vorne. Viel über die Etappe kann ich nicht erzählen, denn heute wollte ich einfach nur in einer vernünftigen Gruppe ankommen, ohne wieder total scheiße auszusehen.

Es hatte sich aber gelohnt, am Anfang die Gesichtsentgleisung hinzunehmen, denn im Ziel war ich in der Gruppe um Platz 45. Highlight des Tages: Pfingsti und Henrik waren nicht ganz in der ersten Gruppe und jagten dieser wohl etliche Kilometer mit einigen anderen Rennern hinterher. Als sie es dann fast geschafft hatten und nur noch 100m Loch hatten, war Pfingsti so aufgeregt, dass er sich in einer Kurve lang machte und Henrik gleich mit abschoss. 100Punkte! Simon konnte im Finale nicht ganz die Gruppe halten, kam aber dennoch so gut an, dass er seinen 6.Platz in der GW hielt. Richard fuhr heute auch sehr gut und war gleich nach dem Start in der ersten Ausreißergruppe. Er kam glaube ich so um Platz 20 an (man verzeihe mir, wenn es nicht genau stimmt).

 

Im Hotel gab es kein Deutsches Fernsehen und wir glotzten darum die ganze Zeit so einen amerikanischen Sender namens BET (Black Entertainment Television). Also quasi ein Sender für Schwarze von Schwarzen. Ich frage mich, wieso ich eigentlich nicht verblödet bin... Mir wurde erklärt, dass wenn man das als Weißer in Amiland gucken würde, es so wäre, als würde ich als Deutscher den ganzen Tag TRT (diesen Türkensender) gucken. Da ging es echt den ganzen Tag nur "Jo", "Ai", "Gängstaaaa", "Jap", "Holdaa Holdaa" und so weiter... genau die richtige anspruchslose Kost für den tütenzuen Radsportler nach 4-5h am Anschlag smile .

 



7. Etappe: Schweineetappe...

Heute waren nochmal 160 wellige Kilometer aufm Plan. Ich war ganz schön grau von gestern und wäre am Start fast schon wieder gestorben. Es ging "Auf die Plätze, fertig...los" und ich hatte noch nicht mal eingeklickt, schon war die erste Gruppe mit 100m Loch vorne und ich kämpfte mit dem Laktat... Schlussendlich waren 18 Fahrer vorne, wir hatten leider keinen dabei und versuchten daher, zusammen mit den Norwegern das Loch zu schließen. War aber nischt... Die Gruppe kommt an, ich gewinn noch den Feldspurt und das wars. Ein Tag, den man auch gerne vergisst.

 

Jetzt habe ich unsere beiden Belgier ganz vergessen. Jeden Tag aufs neue konnten wir sie also beim Frauen-Aufreißen beobachten und die ließen echt keine Chance aus. Sogar beim Entladen des Busses, als wir die Straße blockierten und eine Frau im Auto nicht vorbei kam und darum hupte, ging der kleinere von den beiden hin und fing doch echt voll das Gespräch, oder was auch immer, mit der mindestens 10 Jahre älteren Frau an... Das komplette Fahrerfeld war nur noch am Lachen. Der größere von den beiden hatte auf dem Berg vom Zeitfahren sogar die eine ausm Flugzeug wiedergetroffen und konnte bald beobachtet werden, wie er mit ihr für eine Weile verschwand... Jetzt aber die Kehrseite der Medaille: Der große war nach 3 Etappe draußen und der kleine überlebte die Königsetappe nicht. Beide wurden vom sportlichen Leiter nach Hause geschickt und durften den Flug schön selber zahlen. HAAHAA

 



8. Etappe: Kollektive Selbstfolter...

Wenn wir die Etappe heute überstanden haben, dann ham wirs eigentlich geschafft. So haben wir uns das schön geredet heute. Die letzte lange Etappe über 170Km mit 3 ekligen Zielrunden. Vom Start an wieder "Feuer frei" und dann 12Mann vorne, bei denen einer dabei war, der weniger als 1Minute auf Simoni hatte. Alarmstufe Rot also für uns. Die Norweger schraubten ja eh jeden Tag wie die Mopeds von vorne, um dann immer total fertig im Bus zu sitzen und sich mit uns zu streiten, wer mehr grau ist...

Und heute mussten wir also von Beginn an auch voll schrauben. 4 Norweger und teilweise bis zu 5 Mann von uns jagten also die beschissene Spitzengruppe, welche vorne voll Anschlag fuhr und deren Vorsprung trotz intensivster Bemühungen auf 2Minuten anstieg und nicht weniger werden wollte. Danke übrigens auch noch mal an den permanenten Gegenwind heute. Bis zur Zielrunde haben wir es uns heute also alle richtig besorgt und wurden dann am Berg der Zielrunde alle direkt abgestellt - nach ca. 110Km! Vorne muss dann richtig Mord und Totschlag gewesen sein und der besagte gefährliche Mann hatte sich verdammt lange gewehrt. Laut Ergebnis kamen dann nur noch kleine einzelne Grüppchen an und es gab kein Hauptfeld mehr. Simoni konnte an den wichtigsten Konkurrenten dranbleiben und wurde 11., was weiterhin Platz 6 in der GW bedeutete.

Highlight heute: wir kommen alle ultragrau ins Ziel und uns wird verkündet: Heimreise mit Rad, 15Km aaaaaaaaaaaaahhhhh

 



9. Etappe: Letzter Tag, noch mal Alles!

Weil heute der letzte Tag ist und demzufolge morgen ja keine Etappe mehr, ist heute noch mal Doppeletappe. Allerdings ist das 20Km-Zeitfahren am Nachmittag nur noch für Simoni wirklich wichtig und wir anderen konzentrieren uns auf die 100Km am Vormittag. 17Km "Anfahrt" und dann 4 Zielrunden, alles verhältnismäßig flach. Die ersten 10 Km waren heute echt mal etwas human, weil der Gelbe ne Ansage gemacht hatte, danach aber wieder Feuer frei. 7 Mann waren draußen und wurden gejagt. Trotz intensivster Bemühungen konnten die Jungs aber 15 Sekunden vor dem rasenden Feld retten, wo ich noch mal den Spurt um Platz 8 gewann. Simoni machte heute den besten Anfahrer der Welt für mich!

Highlight: Pfingsti, der seit seinem Crash auf dem E-Rad unterwegs ist, weil er sein anderes zerstört hatte, brach kurz vor dem Start der Schalthebel für vorne ab, womit er in der "Zerstörer-Rangliste" den Sieg holte smile . Da er aber nur das Große Blatt brauchte heute, war alles halb so schlimm. Das Zeitfahren mit Ziel im Velodrom war dann meine persönliche Tour d`honeur. Ich machte mich nicht mehr verrückt und war einfach nur froh, dass es vorbei war. Komischerweise waren aber ein paar Renner noch cooler und somit noch langsamer als ich...

Simoni fuhr ein klasse Rennen und wurde mit normalem Rad 7. Der Vorjahressieger der Rundfahrt Flober Pena Pena lag vor dem Zeitfahren hinter Simon auf Platz 7 und hatte nur 16s Rückstand. Mit Platz 2 im Zeitfahren zog er (erwartungsgemäß) noch an Simon vorbei. Pfingsti gab auch noch mal richtig Gas und wurde 17. im Zeitfahren. Für einen Fahrer im ersten Jahr ist er meiner Meinung nach echt super gefahren.

 

Am Abend war dann im Velodrom noch "Abschlussfeier" (siehe Eröffnungsfeier) und Siegerehrung...diesmal war alles aber irgendwie lustiger  smile .

 



Fazit:

Simon 7. in der Gesamtwertung und 2. in der U23 Wertung, 2 3.Etappenplätze fürs Team und alle durchgefahren ohne große Verluste! Begeisterungstechnisch ist Guadeloupe echt ganz vorne dabei und ich denke, ich werde beim nächsten Rennen in Deutschland einiges vermissen. Vielleicht nicht unbedingt die Schmerzen, aber das viele Grün, die Zuschermengen und das Medieninteresse... eigentlich alles!

 

Der Rückflug am Dienstag war dann noch mal ganzschön nervig, da wir nach 8h Flug noch mal 8h Aufenthalt am Flughafen in Paris hatten...

 

au revoir


Gazzetta durchsuchen:

 
 


Paddis Tagebuch

Tour du Loir et Cher
Saisonauftakt
Archiv 2005
 
Cycling4Fans-Forum Cycling4Fans-Forum Sie sind hier: gazzetta > PELOTON > Interviews & mehr > Fahrertagebücher > Sebastian Paddags > Tour de la Guadeloupe