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Niedersachsen-Rundfahrt 2006

Seid einiger Zeit habe ich darauf gehofft einmal für die Nationalmannschaft starten zu dürfen, nun ist es soweit. Bei der internationalen Niedersachsen-Rundfahrt werde ich für die deutsche Bahnnationalmannschaft als Gastfahrer an den Start gehen, gleichzeitig ist es für mich die erste 2.1 Rundfahrt. Außer mir sind noch am Start: Robert Kriegs, Christian Kux, Norman Dimde, Marcel Kalz, Frank Schulz, Christopher Kramp und Roger Kluge.

Seid ein paar Tagen werde ich von einer schrecklichen Allergie geplagt, die mir schon bei „Rund um Düren“ eine doch letztendlich bittere Niederlage zugefügt hat. War ich doch am Berg noch am Regiostrom-Zug dran, musste ich auf der Kante nicht nur sie ziehen lassen. Sicher war es nicht schlecht im Feld anzukommen, doch kann man sich damit sicher nicht für Höheres empfehlen.

Am Dienstag war ich dann beim Arzt und habe ein paar Mittel bekommen, um zumindest ein paar Symptome zu unterdrücken. Um nichts in der Welt wollte ich mir diese Chance entgehen lassen. Um 12 Uhr war dann Abfahrt am Velodrom in Berlin und während der Fahrt war gutes Wetter - was sich dann pünktlich zur geplanten KB Runde ändern sollte. Das fängt ja gut an.



1. Etappe Winsen/Luhe – Nienburg 173 km


Die erste Etappe sah zunächst eher unspektakulär aus: Flach ist wohl das Wort, was es am besten beschreibt. Der verantwortliche Trainer Uwe Freese wies uns auf die Schwierigkeiten dieser Etappe hin: Windkante und kurz vorm Ziel ein Abschnitt mit schlechter Straße. Zumindest das erste setzte sich unweigerlich in unseren Köpfen fest, wobei es das zweite verdrängt haben musste. Wir fuhren also ziemlich aufmerksam, aber die Fahrweise im Feld war wohl mit defensiv oder lustlos schnell beschrieben. Klar, die meisten hatten ja noch „Rund um Köln“ in den Beinen und da ging es ja ordentlich zur Sache. So ließ man eine 4 Mann Gruppe fahren mit Tony Martin (eon), von Kleinsorgen (Lamonta), Hendrik Werner (Heinz von Heiden) und einem Fahrer von Regiostrom. Hinten organisierte Milram die Nachführarbeit, als der Vorsprung die 5-Minuten-Marke erreicht hatte, keine so leichte Aufgabe wenn man bedenkt, dass der Wind heute fast immer von vorne kam. Irgendwann löste sich von Kleinsorgen von seinen Mitstreitern, was die Sache nicht einfacher machte, das Unternehmen war zum scheitern verurteilt. Als alle wieder eingeholt waren wurde das Rennen höllisch schnell, Wiesenhof-Akud und Milram drückten mächtig aufs Tempo, für mich ein klares Zeichen, dass es Richtung Ziel geht. Dann ca. 20 km vorm Ziel ging es rechts ab auf einen schmalen Weg, gepflastert wie Gehwege. Da fiel es mir wieder wie Schuppen von den Augen aber zu spät: Schon war das Feld gerissen und ich fand mich wie alle meine Nationalmannschafts-Kollegen im hinteren Feld wieder. Alle Nachführarbeit war natürlich zwecklos als da vorne richtig die Post abging und Danilo Hondo einen guten Einstand hinter einem unantastbaren Alessandro Petacchi feierte. Für mich war das sehr ärgerlich gleich auf der ersten Etappe solch einen Rückschlag erleiden zu müssen... egal jetzt erstmal nach vorne gucken, es stehen noch 4 Etappen an auf denen man sich sicher noch das eine oder andere Mal empfehlen kann!



2. Etappe Nienburg-Bückeburg 176km

Mit frischen Vorsätzen ging es auch gleich weiter, aber das Bild änderte sich kaum: wieder ging früh eine Gruppe mit lausigen Aussichten. Anders als gestern standen aber heute ein paar Hucken im Profil, unter anderem die „Schaumburg“ wovor mich mein Trainer schon im Voraus warnte. Eine 17% steile Rampe mit Kopfsteinpflaster ca. 2km lang. Kurz bevor wir den ersten Hügel auf dem Pogramm hatten, holten das Feld, angeführt von Milram, auch schon den ersten „Flüchtling“ wieder ein. Karsten Vogel von Regiostrom war es, der seinen 3 Mitstreitern nicht mehr folgen konnte, und sah auch schwer gezeichnet aus. Dann kam auch schon die Schaumburg und es wurde wieder ziemlich schnell reingefahren. Ich fuhr ziemlich weit hinten rein und so hatte ich ab und zu das Gefühl absteigen zu müssen, da die vielen hin und herkreuzenden Mitstreiter wenig Platz zum ausweichen ließen. Oben war ich, glaube ich, mit der letzte, der noch dran war. Vorne war eine Gruppe um Kopp mit etwas Vorsprung drüber gefahren. Nachdem diese eingefangen war, füllte sich das Feld auch wieder von hinten auf. Kurz nach der ersten Zieldurchfahrt waren dann alle Ausreißer eingefangen und es stand „nur“ noch ein Berg auf dem Pogramm der aber, der fortgeschrittenen Rennphase entsprechend, schnell in Angriff genommen wurde. Wieder war vorne eine größere Gruppe und dahinter bröckelte es mächtig. Ich fuhr mit Christian Kux in der ersten Verfolgergruppe drüber. Noch einmal nach vorne aufschließen ist 10km vor dem Ziel fast unmöglich. Im Gegenteil, unsere Gruppe wurde immer Größer und so waren wir quasi das zweite Feld in dem sich auch der BDR fast komplett versammelt hatte. Am Ende also wieder eine gute Minute Rückstand und diesmal muss ich sagen das da doch noch was gefehlt hat um vorne mit zu fahren!



3. Etappe Bückeburg - Rheda-Wiedenbrück 186km

Heute hieß es zum 1.Mal größtenteils Rückenwind und wieder ging relativ früh eine Gruppe. Mit dabei unter anderem Sibi (Marcel Sieberg) und Wolfram Wiese (Regiostrom), der heute das Bergtrikot endgültig eintüten wollte. Dies gelang ihm auch, da die Gruppe wieder den größten Teil der Strecke vor dem Feld absolvierte. Durch den Rückenwind war das ganze für mich etwas verwirrend, die Spitzengruppe konnte leicht einen großen Vorsprung rausfahren und auch relativ gut verteidigen. So hatte ich schon meine Zweifel, dass es wieder einen Massensprint geben würde.... die kühle Kalkulation von Milram belehrte mich eines besseren! Eins hat mir diese Etappe aber gezeigt: Es ist doch gar nicht so einfach den ganzen Tag 45-50 km/h zu fahren. Hört sich jetzt komisch an, aber das Ding ist eben, dass es im Feld ziemlich einfach ist diese Hohe Geschwindigkeit zu fahren, aber auf Dauer verkrampft die Muskulatur und es fühlt sich einfach unangenehm an, weil halt immer Zug drauf ist. Das schwere ist dann, wieder umzuschalten von diesem Einheitstritt auf richtig Gas geben was unumgehbar kommt. Sibi hielt sich am längsten und wurde erst 5km vor dem Ziel gestellt. Ich stellte meine eigenen Sprintambitionen hinten an weil wir viele in der Mannschaft haben, die das können und ich leider immer noch mit der Angst zu ringen habe! So habe ich Robert Kriegs und Roger Kluge so lange wie möglich nach vorne gebracht und aus dem Wind gehalten... bis ich dann mit eigenen Augen sehen durfte warum dieser Milram-Zug so erfolgreich ist. Es ist einfach unmöglich, die Kurven so schnell zu nehmen wie sie, da dahinter gerangelt und geschupst wird und daher ein Anbremsen unumgänglich ist. Das folgende Antreten bringt nicht nur ein paar Meter Rückstand sondern kostet auch eine Menge Kraft. Meine Hilfe-Aktion wurde nicht grade mit Erfolg gekrönt, Roger wurde 11. und Krieger kam noch hinter mir rein. Ein Gutes kann ich dem abgewinnen: wäre ich heute vorn dabei gewesen, ich könnte sonst was von wetten, dass ich mich auch auf die Schnauze gelegt hätte. Zur Ursache.... so etwas kommt dabei raus, wenn Skil meint, im Endsprint eine 2er-Ablöse machen zu müssen. Doppelt ärgerlich für Steffen Radochla, das er da mit reingezogen wurde und nicht nur eine gute Platzierung verpasste, sondern auch erhebliche Blessuren davon trug.





4. Etappe Rheda-Wiedenbrück - Duderstadt 200km

Langsam legt sich eine gewisse Routine ins Feld, die Abläufe bleiben gleich und jeder weiß, was zu erwarten ist. Es ist eine bittere Erfahrung sich bei so etwas zu irren, wie jeden Tag fährt man neutralisiert aus der Stadt raus und dann geht’s los wenn auch meistens nicht so richtig. Wie jeden Tag halten gleich die ersten an, um ein Geschäft zu erledigen. Auch ich hielt an, zusammen mit Lars Wackernagel (man hält sich an die größeren Namen, da man sich da sicher sein kann, dass die wissen was sie tun). Sehr schnell erkannte ich meinen Fehler, heute hatten die Rabobänker sich wohl was vorgenommen und schickten einen nach dem anderen. Nach guten 15km „Kopf unten“ hatten wir wieder das Ende des Feldes erreicht und es folgten weitere 40km Kanten und ständige Tempowechsel - und das auch noch bei einsetzendem Regen. Durch die Allergie musste sich öfters Wasser lassen, aber nichts lag mir nun ferner als noch einmal das Risiko einzugehen. Dann erst hatte ich wieder genug Luft geschnappt um auch mal die eine oder andere Attacke mit zu gehen. Dann plötzlich hob jemand vorne die Hand und gab durch ein Zeichen zu verstehen ,das erst einmal pausiert wird. Blitzschnell ging das Tempo runter auf 30km/h und das Feld leerte sich an beiden Straßenrändern. Auch ich nutzte die nun doch ziemlich sichere Chance und kaum stand ich flitzte hinter mir mit 60 Sachen Norman Dimde in der Kolonne vorbei, er musste wohl reißen lassen und kam nun begünstigt durch die Pause wieder ran. Das Geschleiche setzte sich noch ca. 10 km, fort bis sich Mr.Petacchi auch mal begnügte sein Geschäft zu erledigen. Dann setzte die erwartete Routine ein, eine Gruppe ging und Milram fuhr hinterher. Später zeigte sich dann, dass die Attacken von Rabobank doch Früchte trugen. Milram war deutlich geschwächt und verlor zunehmend an Stärke. Ich selber fühlte mich nun zunehmend stärker, die Berge konnte ich ohne Probleme nehmen. Der Knackpunkt würde der letzte Berg werden, das war wieder klar zumal schon vorher wieder kräftig von Gerolsteiner attackiert wurde. Am letzten Berg war das Tempo dann wieder höllisch schnell und ich fuhr wieder zu weit hinten rein, doch heute hatte ich die Kraft um das Loch alleine zu schließen und so kam ich vorne mit über den Berg. Milram brachte außer Petacchi nur noch einen Anfahrer mit drüber und der war so grau, dass er nicht mehr helfen konnte. Die Deutschen fuhren sich aber wieder gegenseitig ins Rad und so gab es wieder einen Sturz von dem ich Gott sei Dank verschont blieb. Christian Kux fuhr mich 5km vorm Ziel noch mal nach vorne, wo ich aber wieder brutal nach hinten geboxt wurde. Es ist echt krass was da teilweise abgeht und ich habe das Gefühl das „die Großen“ gleich noch aggressiver werden, wenn sie da einen von uns Kleinen vor sich haben! Dabei kann ich aber nur von den Deutschen reden, von welchen man schnell mal eine abfällige Bemerkung an den Kopf geschmissen bekommt, die Italiener und Niederländer sind lediglich durch sehr sympathische Gelassenheit und Zurückhaltung aufgefallen. Auf jeden Fall musste ich bei 500m schon in den Wind um noch ein paar Plätze gut zu machen und kam so „nur“ auf den 14. Platz.



5. Etappe Duderstadt-Göttingen 171km


Letzte und laut Profil wohl auch schwerste Etappe stand auf dem Pogramm, doch von Angst war bei mir nichts zu merken, ich fühlte mich gut und ging voller Zuversicht in die Etappe. Schnell setzte sich wieder eine Gruppe ab und nichts war es mit der von mir erwarteten unerbitterten Jagd auf den großen Italiener. Der hatte sich heute die Mannschaft Naturino zur Verstärkung an die Seite geholt, was aus gestriger Sicht eine weise Entscheidung war. Ziemlich langsam rollte das Feld dahin und trotzdem konnten sich die Ausreißer nie entscheidend absetzen. Über die Berge hatte ich keinerlei Probleme, ganz im Gegensatz zu vielen anderen mit eingeschlossen Brown von Rabobank, der aber jedes mal zuverlässig von seinen Mannen wieder rangefahren wurde. Die großen Attacken der deutschen Spitzenteams kamen nicht, wieder lullte der Zug an der Spitze das Feld ein. Ich versuchte an einem kleinen Hügel wegzuspringen, in der Hoffnung willige Mitstreiter zu finden und zu der Spitzengruppe aufschließen zu können, die noch in Sichtweite war. Niemand fand sich, was sicher auch daran lag, dass die Chance in einem Nationalfahrer einen starken Mitstreiter zu finden ziemlich gering ist, so trotte ich noch ein wenig mit halber Kraft vor dem Feld herum in der Hoffnung, noch jemanden zu finden ehe ich eingeholt wurde. Am letzten Berg unterlief mir dann ein Missgeschick: Viel zu weit hinten nahm ich den Berg in Angriff und geriet so ins Hintertreffen. Da der Wind auf dem Berg stand lies ich viel Kraft beim Versuch, wieder ranzufahren und hatte auch danach keine Chance mehr, da man vorne nicht gewillt war Brown noch einmal aufschließen zu lassen. Bei der ersten Zieldurchfahrt hatten wir eine Minute Rückstand und Rabobank gab auf. Sie scherten hinter mir aus und so absolvierte ich die letzten 10km alleine....Schade um die vergebene Chance, aber ich bin mir sicher, dass ich viel gelernt habe aus dieser Rundfahrt und hoffe, dass ich außer einer Menge Bums auch noch etwas anderes mitnehmen kann!



Fotos: peloton-pictures


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