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Eine Familienangelegenheit…

Text: Tick

Übersetzung: Cyclist

Fotos: Gerolsteiner & Cyclist

 

Steve Winwood's Songtitel ("It’s a Family Affair") könnte das Motto für das Team Gerolsteiner sein. Die Mannschaft vermittelt den Eindruck eines kleinen Familienbetriebs -- jeder kennt jeden, jeder mag jeden, jeder arbeitet für jeden und das gemeinsame Ziel. Gerolsteiner ist offensichtlich kein großes, protziges, aalglattes Unternehmen wie andere Teams, sondern eine gemütliche und relaxte Gemeinschaft. eine leicht den Kinderschuhen entwachsene Version des Radsportclubs, den Hans-Michael Holczer einst trainierte.

 

Selbst die Teampräsentation war unaufdringlich. Keine Popstars, kein Blitzlicht und Spezialeffekte – nur viele, viele Kisten Mineralwasser. Und 23 schlanke, gut gebräunte junge Männer die ernsthaft alle von den Journalisten gestellten Fragen beantworteten, aber untereinander Witze rissen, es sich an der Bar gemütlich machten und mächtig mit der weiblichen Bedienung flirteten -- Jungs bleiben eben Jungs!




Die Sprudelwasserfamilie
Copyright: Gerolsteiner



Wörtlich genommen ist es auch eine Familienangelegenheit. Holczers Frau Renate ist die Team Managerin. Fahrer Ronny Scholz ist der Vater von Holczers Enkel. Aber die Familienbande geht noch darüber hinaus. Die Brüder Beat und Markus Zberg fahren beide für die Mannschaft. Und dann ist da noch Simone Rebellin, einer der Masseure des Teams -- ihr kennt aber wahrscheinlich eher seinen jüngeren Bruder…

 

Und wie alle Familien durchlebte auch Gerolsteiner gemeinsam schlechte Zeiten. Sie waren überglücklich sich 2003 in ihrem gerade mal zweiten Jahr als GS I Team für die Tour de France zu qualifizieren. Aber der Traum entwickelte sich bald zum Alptraum. Acht von neun Fahrern waren auf der ersten Etappe in einen Massensturz verwickelt. Keiner wurde verletzt, aber einige Rennräder überlebten den Sturz nicht. Olaf Pollack stürzte am nächsten Tag erneut (und sagte anschließend dass zwei Bodenberührungen innerhalb von zwei Tagen genüg wären). Der zweite Sturz führte zu einer Knieverletzung, die ihn zwang, das Rennen aufzugeben.

 

Der spektakulärste Sturz ereignete sich aber am folgenden Tag -- zumindest hatte er, für die weiblichen Zuschauer, die spektakulärsten Folgen. Renè Haselbachers Sturz zerriss seine Hose so sehr, dass sie mehr zeigte, als dass sie etwas verdeckte… Und schon wieder zwangen die Folgen des Crashs einen Gerolsteiner Fahrer unglücklicherweise zur Aufgabe.

 

Michael Rich gab mit Knieproblemen auf, die sich während des Mannschaftszeitfahrens entwickelt hatten. Die Mannschaff erlitt vermutlich den größten Verlust als eine Pollenallergie ihren Kapitän Davide Rebellin am Weiterfahren hinderte; so war sein Auftritt eine große Enttäuschung. Aber selbst damit war das Maximum an Pech noch nicht aufgebraucht. Zeitfahrspezialist Uwe Peschel stürzte sogar zweimal während des letzten Zeitfahrens, zog sich dabei einen Lungenschaden und mehrere Rippenbrüche zu und war dadurch nicht in der Lage die Tour am nächsten Tag zu beenden.

 

Team"vater" Holczer gab später zu, dass seine Nervosität das erste Mal bei der Tour dabei zu sein, das Team vielleicht mehr beeinflusst habe als gedacht.

 





Der Ardennen-König
Copyright: Cyclingimages

Aber starke Familien wissen wie man mit schlechten Zeiten umgeht, und schlechte Zeiten dauern nicht ewig und Familien, die diese überstehen, gehen gestärkt daraus hervor. In den zwei Jahren bei Gerolsteiner fuhr Davide Rebellin zwar gute Resultate heraus, erfüllte aber dennoch nicht die Erwartungen. Hatte er etwa Probleme sich der deutschen Teamkultur anzupassen? War er einfach einer der Fahrer, deren Potential größer ist die Ergebnisse? Wurde er einfach überschätzt? Beschwerte sich die Mannschaft und versuchte in loszuwerden?

 

Die Antwort zu all diesen Fragen lautet: Nein. Sein Vertrag wurde verlängert und er wurde zum Arzt geschickt. Dieses Jahr, nachdem er von einer Darminfektion, die ihn seit vier Jahren quälte, geheilt wurde, war er endlich in der Lage seine ganzen Fähigkeiten mit den uns bekannten spektakulären Ergebnissen auszuschöpfen. Und immer wieder dankte er dem Team, das die ganze Zeit zu ihm gestanden und ihn unterstützt hatte, wie es eine Familie eben tun sollte.

 

Die Mannschaft weiß wie man ein wertvolles Familienmitglied an sich bindet. Udo Bölts wollte mit dem aktiven Radsport aufhören, aber Holczer erkannte, dass sein Wissen und seine Erfahrung zu wertvoll waren um sie zu verlieren -- so ist Bölts inzwischen der neueste sportliche Leiter des Teams. Er braucht Zeit um sich in den neuen Job einzufinden? Kein Problem – Gerolsteiner wird ihm all die Zeit, die er benötigt, geben; sie sind aufs äußerste bedacht diesen kostbaren Familienvorteil zu schützen.

 





Pretty in Green & Pink: Giro d'Italia 2004
Copyright: Cyclingimages

Und war es das alles wert? Hat es sich ausbezahlt? Vielleicht ist der geeignete Songtitel mittlerweile "Let the good times roll"! Das Team hat mit Sicherheit für einige Wochen die Rennszene dominiert, wobei das historische Ardennen-Triple von Rebellin sowie Danilo Hondos Überlegenheit auf den Sprint-Etappen der Niedersachsen-Rundfahrt die Highlights waren.

 

Und dann war das Team beim Giro unterwegs, Davide Rebellin hat sein Bestes gegeben, aber die Ardennen haben ihm zuviel Energie gekostet und er erklärte "Meine Batterien sind leer" Mannschaftskapitän Sven Montgomery musste das Rennen mit einem gebrochenen Schulterblatt aufgeben. Aber Olaf Pollack trug für einen Tag das Maglia Rosa und wurde von Alessandro Petacchi gelobt. Und Fabi-Baby Wegmann hat noch dazu das Bergtrikot gewonnen. Nicht zu vergessen, dass das Team nun besser platziert ist als sein nationaler Rivale T-Mobile!

 

Das "andere" deutsche Team? Nicht mehr!

 


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