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Selberschreibfestival 2007



discman: "Situationen eines Radsportfans"

Das Rennen ist im vollen Gang. Immer mehr Zuschauer finden sich nun langsam am Streckenrand ein. Manche mit Rädern und in Radsportbekleidung, manche in 'zivil'. Manche in fremden Sprachen, manche in meiner Heimatsprache. Doch es ist egal. Einige haben ein paar Instrumente mitgebracht und sorgen für gute Stimmung. Feierlaune. Ich sitze auf einer Mauer und unterhalte mich mit meinen "Nachbarn", die viel älter als ich sind. Doch auch dies ist in diesen Momenten nicht sonderlich wichtig. Jeder ist in dieser großen Menge nur EIN Zuschauer. Trotzdem fühlt man sich irgendwie besonders, wenn man auf etwa 1300 Metern über dem Meer auf einer Mauer sitzt, sich mit in etwa Gleichgesinnten unterhält und auf eine Horde noch bekloppterer Menschen wartet, die ganz Deutschland, Frankreich, Spanien oder sonst gleich welches Land unter 21mm breite Reifen nehmen.

Dann kommen die ersten Polizeimotorräder den Hang hinauf gefahren. Die Strecke ist nun gesperrt, das letzte Zivilfahrzeug hat uns schon vor ein paar Minuten passiert. Der Puls steigt – und ich sitze nicht einmal selbst auf dem Rad. Nochmals wird ein prüfender Blick auf den mit Kreide gemalten Schriftzug geworfen, doch es ist schon zu spät, ich könnte eh nichts mehr daran verbessern. Jeder Polizist wird lauthals angefeuert. Noch ein Radler mit Stahlrad und unrasierten Beinen wird angefeuert, weil er sich sichtlich den Pass hoch quält. Er wird gefeiert wie ein Profi. Jeder am Straßenrand klatscht und ruft ihm motivierende Worte hinterher. Man will ihm helfen. Er soll nicht der Einzige bleiben. Immer wieder pedalieren einige Hobby-Radsportler zwischen Polizei-Motorrädern den mörderisch-steilen Anstieg hinauf. Man fühlt mit ihnen, weiß, was sie durchmachen müssen.

 

Jetzt kommt das erste Jury-Fahrzeug. Es wird spannender. Man kann sich jetzt nicht mehr ruhig hinsetzen und warten. Die Kamera wird überprüft – richtige Karte drin, Batterien voll etc.. Aus einem Lautsprecher auf einem Autodach kommen spärliche Informationen zum Rennverlauf. Es folgt die "Werbekarawane". Man fängt Lutscher, Kugelschreiber, Käseproben und noch viel mehr Kram, den man eigentlich nicht gebrauchen kann, der aber eine schöne Erinnerung an diesen Tag bietet. Nun wird es ernst. Man nimmt Position am Streckenrand ein. Jegliche Gespräche sind verstummt. Von weiter unten hört man lautes Jubelgeschrei – die Fahrer kommen. Dann… Man sieht den ersten Kopf um die Kurve kommen. Langsam, ganz langsam kommt ein Haufen bunter Köpfe näher gewackelt. Man kann die Anspannung bei den Zuschauern überall fühlen. Dann – die Fahrer!

 

Wie wild wird auf den Knopf der Digitalkamera gehämmert. Es wird kein Gedanke auch nur im Entferntesten an Themen wie Doping gerichtet. Unwichtig. Einfach unwichtig in diesem Moment. Verbissene Gesichter, tropfender Schweiß – jeder kämpft gegen den Berg. Man fühlt sich an Bilder von vor einigen Minuten erinnert: Fahrer mit Stahlrahmen und unrasierten Beinen hatten einen ähnlichen Gesichtsausdruck. Tatsächlich sahen sie in dieser Hinsicht den Profis erstaunlich ähnlich. Deutlich entspannter kann man nun auf die nächsten Gruppen warten. Die Anspannung löst sich in laute Anfeuerungen auf.

 

Ich möchte gerne einige Worte (sinngemäß) wiederholen, die ich am nächsten Tag an einige Zuhörer richtete, als ich gefragt wurde, wieso ich trotz des Dopingproblems noch Radsportfan sei.

"Radsport ist etwas besonders. Es ist nicht so wie Fußball oder sonst irgendeine Ballsportart. Man schaut nicht aus 200 Metern Entfernung auf ein paar kleine Striche, die durch die Gegend hüpfen. Man ist direkt dabei, ein Weltklasseprofi, den man normalerweise nur aus dem Fernsehen kennt, kommt direkt auf einen zu. Man kann seinen Atem hören."

 

Noch in derselben Woche wurde ich von einer älteren Wanderin angesprochen, als ich einen (zu) steilen Anstieg erklomm. "Wer hier hochfährt, kann nur gedopt sein." Mich packte der Ärger. Trotzdem konnte ich wegen meiner Atemlosigkeit nicht antworten. Darf ich dazu sagen, dass ich in diesem Jahr nicht ein einziges Lizenzrennen beendet habe? Dass ich in keinem noch so namhaften Bundesliga-Team fahre? Dass ich das ganze ohne jeglichen Leistungsdruck nur für meinen eigenen Spaß mache? Dies scheint in diesem Moment auch egal. Nicht für mich, aber für viele andere Leute. Mir wird klar, dass dies definitiv die richtige Einstellung für sauberen Sport ist. Vielen anderen Leuten aber leider nicht.


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