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Selberschreibfestival 2007



torte: Interview mit einem Radsport-Fan

Das Jahr bestand für Radsport-Fans hauptsächlich aus schlechten Nachrichten. Die Kette der positiven Dopingtests riss nicht ab und auch die Geständnisse der reuigen Sünder zeigten eher das Ausmaß der Misere, als dass sie deren Ende aufgezeigt hätten. Aufarbeitung blieb auch in diesem Jahr in den Verbänden und den Profimannschaften ein Fremdwort.

Trotzdem standen bei den Rennen weiter Hunderttausende an den Strecken, fieberten die Fans vor dem Fernsehern mit, erfreuen sich Jedermannrennen steigender Beliebtheit. Verschließen die Radsportfreunde die Augen vor der Realität oder haben sie gar kein Interesse an einer Veränderung?

Einer dieser Fans ist torte, wie er sich in einem Radsportforum nennt. Dort verfolgt er die Rennen, diskutiert mit Gleichgesinnten Ergebnisse und Dopingfälle. Was hält ihn bei seinem Sport? Glaubt er den vollmundigen Versprechungen von sauberem Sport, wie er allerorten versprochen wird? Ein Interview.

 

Frage: Wie fühlt man sich als Radsportfan im Jahr 2007?

torte: Ich kann nur für mich sprechen, aber das ist ein wenig wie bei einer alten Liebe, die vorüber ist. Man steht da und fragt sich: Was hat das alles noch mit dem zu tun, was ich will? Die Faszination ist weg.

 

Frage: Was hat die Faszination denn ausgemacht?

torte: Als Kind war ich fasziniert von der Friedensfahrt und deren Mythen. Auf dem Fahrrad war ich "Täve" oder Olaf Ludwig. Nach der Vereinigung war das Interesse an Sport weg, zum Radsport kam ich durch einen Germanisten an der Universität zurück.

 

Frage: Klingt ungewöhnlich.

torte: Nur auf den ersten Blick. Meinen Dozenten faszinierte nicht das vordergründig sportliche, sondern das Existenzielle am Radsport. Der Kampf des Menschen gegen sich selbst steht an erster Stelle, dann erst kommt der gegen den Konkurrenten. Auch die Herausforderung der Natur spielt da eine Rolle – ein Fußballspieler hat nur die gegnerische Mannschaft vor sich, der Radfahrer den Mont Ventoux!

 

Frage: Manche Leute finden es langweilig, fünf Stunden am Tag dabei zuzusehen, wie ein paar Radler durch die Landschaft fahren und auf dem letzten Kilometer fällt die Entscheidung.

torte: Radsport ist wie das Leben. Man strampelt sich ab tagein, tagaus für einen Moment der Erfüllung, des Glücks. Und wenn man Pech hat, macht man nach 300 Kilometern "den Zabel" – auch das eine Erfahrung, die zutiefst menschlich ist. Suchen Sie mal diese Tragik, diese Zuspitzung beim Volleyball!

 

Frage: Das klingt nicht so, als wäre die Faszination verschwunden!

torte: Tut es das? Die Begeisterung für den Sport ist ja das eine, die Enttäuschung über die Akteure das andere.

 

Frage: Sehen Sie noch gerne Radrennen?

torte: Viel weniger. Bis 2006 habe ich kaum ein Rennen vor dem Fernseher ausgelassen, heute interessiert mich das alles nur noch am Rande. Mit wem sollte ich auch mitfiebern?

 

Frage: Da ist er, der "Generalverdacht". Glauben Sie, dass alle Radfahrer dopen?

torte: Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht wissen, weil an nur die Allerwenigsten an Aufklärung und Transparenz interessiert sind. Niemand sagt mehr, als er unbedingt muss. Das macht mich schon sehr skeptisch.

 

Frage: Aber einige Teams haben sich doch einem "sauberen Sport" verschrieben. Ist das glaubwürdig?

torte: All das ist nur unter enormem Druck von Außen entstanden. Nachdem man weiß, was vorher alles vertuscht wurde, wie dreist gelogen wurde – woher soll da Vertrauen kommen?

 

Frage: Aber wenn alle dopen, herrscht dann nicht so etwas wie "ausgleichende Ungerechtigkeit"?

torte: Ist unsere Gesellschaft gerecht? Haben Kinder eines Hartz-IV-Empfängers die gleiche Chance auf einen Vorstandsposten wie die eines Beamten? Ich denke, dass es schon einen Unterschied macht, ob man mit dem "Fuentes-Paket" an den Start der Tour geht oder mit der Betreuung durch den lokalen Physiotherapeuten.

 

Frage: Also ist Doping kein Betrug?

torte: Ich würde es eher als eine Form von Korruption betrachten. Wenn einer damit anfängt und der andere es akzeptiert, es Mitwisser und Nachahmer gibt, hat man ganz schnell ein Netz, in das man sich schnell verstrickt. Und aus dem man ganz schwer wieder herauskommt, ohne selbst Schaden zu nehmen. Das ist in der Wirtschaft oder Politik nicht anders.

 

Frage: Aber die Fans werden doch betrogen?

torte: Ich kenne viele Fans, die wollen einfach eine gute Show sehen. Beim Fußball ist das "Fitspritzen" völlig akzeptiert, bei Dirk Nowitzky fragt auch niemand, welche Muskelpakete der mit 18 Jahren herumschleppt und dass er in einer Stimmlage spricht, die andere nur mit zwanzig Zigaretten und einer Flasche Whiskey am Tag hinbekommen.

 

Frage: Das klingt sehr abgeklärt. Warum schreit die Öffentlichkeit dann so auf bei Dopingfällen im Radsport?

torte: Das hat viel damit zu tun, wie Medien funktionieren. Ein Skandal im Radsport verkauft sich halt besser als die Meldung "Keine besonderen Vorkommnisse bei der Tischtennis-WM". Aber das wird auch vorbeigehen, leider.

 

Frage: Warum leider?

torte: Weil das Interesse an Aufklärung und Änderung der Zustände dann wieder in den Hintergrund treten wird. Die Leute können das nicht mehr hören, die Karawane zieht weiter.

 

Frage: Noch einmal zum Thema Betrug. Warum äußern sich so wenige Profis zum Thema Doping? Fühlen sich die "Sauberen" nicht betrogen?

torte: Keine Ahnung. Die Vermutung liegt nahe, dass die meisten entweder mitmachen oder zu viel zu lange geschwiegen haben, als dass es jetzt noch glaubwürdig wäre, wenn sie den Mund aufmachten. Ökonomische Überlegungen spielen sicher auch eine Rolle. Wer redet, ist draußen; siehe Jörg Jaksche, Manzano, Sinkewitz.

 

Frage: Ich will nicht drängen, aber wie ist das nun bei Ihnen selbst: Fühlen Sie sich betrogen?

torte: Eher desillusioniert. Die Maßstäbe, an denen ich die Leistungen der Fahrer gemessen habe, waren einfach total unrealistisch, wahrscheinlich sogar naiv. Die haben sich über die Gutgläubigkeit der Medien und Fans doch nur kaputt gelacht. Die Maßstäbe der Profis und Teamchefs an sich selbst sind aber nicht meine – deshalb kann ich mich auch nicht mehr begeistern. Das ist nicht meine Auffassung von Sport.

 

Frage: Wenn Doping so verbreitet ist und fast alle im Radsportzirkus das zu akzeptieren scheinen – warum dann nicht Doping freigeben?

torte: Weil dann die Probleme nur verschoben werden, aber nicht abgeschafft. Dann wird es eine Show der besten Präparatoren, nicht mehr der besten Sportler.

 

Frage: Aber die gesundheitlichen Risiken könnten doch unter ärztlicher Aufsicht minimiert werden?

torte: Im Gegenteil! Dann würde noch enthemmter experimentiert werden, dann würde zur Bewunderung der besten Leistung noch die Bewunderung des "größten medizinischen Risikos" kommen, das manche Sportler eingehen würden. Außerdem: Wo wären dann noch die Grenzen im Jugendbereich? Wie sollte man 13-jährige noch davon abhalten, mit Hormonen und Anabolika zu experimentieren? Gehörte doch dann zum Sport "dazu"!

 

Frage: Das Problem Doping existiert und kann offensichtlich nicht gelöst werden, weil Kontrollen nicht alles nachweisen können, wahrscheinlich Bestechung und Vertuschung wahrscheinlich nicht selten sind. Wäre eine Dopingfreigabe nicht wenigstens ehrlich?

torte: Ehrlich wäre eine Freigabe, das stimmt. Es ist wie bei allem im Leben die Frage: Wem nützt das, wer will das? Wenn keiner sich daran stößt, wäre es kein Problem. Ich halte das für wenig wünschenswert.

 

Frage: Was würden Sie sich denn wünschen?

torte: Ein Umdenken bei Fahrern und Eltern des Nachwuchses. Ich glaube nicht an einen "Wandel von oben". Wie gesagt, ich bin in der DDR aufgewachsen. Da gab es auch den Punkt, wo alle gemerkt haben: So geht es nicht weiter. Dadurch bekam die kritische Masse, die auf die Straße gegangen ist, plötzlich eine Bedeutung. Egon Krenz hat dann Erich Honecker abgelöst und all das versprochen, was die Demonstranten gefordert haben, jedoch ohne den Hauch einer Chance weil völlig unglaubwürdig. Das konnte nur "von unten" umgekrempelt werden.

 

Frage: Die Fahrer werden aber immer als "schwächstes Glied in der Kette" gesehen. Das System zwingt sie zum dopen, am Ende tragen aber nur sie die Konsequenzen: Sie werden gefeuert.

torte: Das sind keine armen Opfer! Ich schätze sogar, dass die meisten heutigen Profis ganz genau gewusst haben, was sie erwartet, als sie sich für ihren Beruf entschieden haben.

 

Frage: Wenn sie keine Opfer sind, wie sollen sie dann das System ändern?

torte: Indem sie sich endlich als "Aktive" im umfassenden Sinn begreifen! So wie z.B. Bio-Bauern. Die haben auch keine Chance, sich mit der Industrie zu messen, wenn sie deren Maßstäbe anlegen. Es gibt im Winter keine roten Tomaten mit einem Durchmesser von zwanzig Zentimetern in Holland, wenn man nicht "dopt"! Das kann jeder verstehen und akzeptieren. Wenn wir akzeptieren, dass Alpe d'Huez nicht in 37 Minuten gefahren werden kann ohne Doping, dann kann man anders an den Sport herangehen.

 

Frage: Fehlt da nicht die ökonomische Macht, um einen "Bio-Radsport" zu etablieren?

torte: Ich denke, im Moment fehlt vor allen Dingen der Wille. Die ersten Bio-Bauern waren auch keine Groß-Agrarier, sondern ein paar "Spinner". Aber das kann sich ändern, wie man sieht. Wenn es genügend "Aktive" gibt, die ihre Interessen von sauberem Sport auch dann leben, wenn nicht alle "Hurra!" schreien und mit Geld werfen, dann wird auch eine Infrastruktur wachsen und ein Markt entstehen.

 

Frage: Ist das nicht wieder naiv? Der menschliche Ehrgeiz ist grenzenlos…

torte: Das hat er mit der Dummheit gemein. Sicher, es wird erst ein Nischenmarkt sein. Aber vielleicht wird er eines Tages zwar klein im Vergleich zur "Radsport-Industrie", dafür aber sehr attraktiv?

 

Frage: Für die jetzige Rad-Generation wird das aber zu spät kommen. Tut es nicht weh, wie sich der deutsche Radsport von der internationalen Bühne verabschiedet? International sind die Bemühungen um dopingfreien Sport ja nicht unbedingt zu nennen.

torte: Selber schuld. Es gibt jetzt die Möglichkeit, darüber nachzudenken, wohin die Reise gehen soll. Wenn in fünf Jahren in Sachen Dopingbekämpfung international nicht was Entscheidendes passiert sein wird und trotzdem der "neue Jan Ullrich" bei der Tour auftaucht, wissen wir wenigstens von Anfang an Bescheid, wie die Würfel gefallen sind.

 

Frage: Werden Sie dann noch oder wieder vor dem Fernseher sitzen um Radrennen zu schauen?

torte: Wie gesagt, dass ist wie bei nach einer langen Beziehung, die zu Ende ging. Die Liebe ist weg, aber mit einem Auge schaut man schon noch, was der andere so treibt. Ich werde den Radsport weiter verfolgen, aber wohl kaum mit dem Feuer der Vergangenheit. Wenigstens bis auf weiteres (lacht).

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Das Selbstgespräch führte torte für cycling4fans.de im Dezember 2007.


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