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Saisonbilanz Quick Step 2006

Text von Steamboat, Februar 2007

Layout & Bildredaktion: MrsFlax

© Fotos: * www.velo-photos.com, ** www.capture-the-peloton.com, *** Mani Wollner




Weit nach Ende der Saison 2006 gab es eine Schlagzeile zu lesen, die es in sich hatte. In einer flämischen Zeitung durfte man über den Manager des Rennstalls Quick Step-Innergetic Schockierendes lesen "Patrick Lefevere – 30 Jahre Doping". In diesem Artikel wurde der Hauptverantwortliche von Quick Step bezichtigt, seit vielen Jahren ins Dopinggeschäft involviert zu sein. Angeblich profitiere er gar von den Machenschaften. Das Dementi erfolgte umgehend, aber der Schaden war angerichtet. Lefevere ist zur Zeit Vorsitzender der IPCT, des Verbandes der Profirennställe. Als dieser zeigt er sich dafür verantwortlich, dass der Sport frei von Doping bleiben soll. Kürzlich sorgte er mit dafür, dass der umstrittene Manager Manolo Saiz aus diesem Kreis ausgeschlossen wurde. Es wird aber unterstellt, dass auch gegenwärtig bei Quick Step gedopt wird.



Was ist aber von solchen Nachrichten zu halten? Wo Erfolg ist, da sind auch Neider, das ist klar. Allerdings gab Lefeveres ehemaliger Star Johan Museeuw (Sprecher von Quick Step) relativ zeitnah zu diesem Artikel zu, im letzten seiner Profijahre seinen Leistungen mittels unerlaubter Substanzen nachgeholfen zu haben. Das ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker.

 

Wie verhalten sich die Aktiven? Der Superstar Tom Boonen verneint, etwas über Doping im Team zu wissen, während Paolo Bettini kurz zuvor äußerte, von der Entnahme von DNA nichts zu halten. Er mag gute Gründe dafür haben, aber dem Rennstall würde vermutlich in einer Situation wie dieser nur die Flucht nach vorne helfen. Es ist leider ein Phänomen vieler des Dopings verdächtiger Rennfahrer: Sie wählen meist die Defensive. Dass dieser Schritt für die Sportart wenig hilfreich ist, kommt ihnen nicht in den Sinn. Oder haben sie doch etwas zu verbergen? Der Rennstall feiert nämlich in schöner Regelmäßigkeit große und bedeutende Erfolge. Eine klare Konzeption, die sich speziell auf gutes Abschneiden bei den wichtigen Klassikern ausrichtet, ist die Grundlage für die Resultate.





* Boonen und Bettini - gemeinsam unterwegs



Die Mannschaft wird um wenige Kapitäne herum aufgebaut. Die Mitglieder fixieren sich dann auf die Belange der Chefs – eigene Ziele stehen hinten an. Fahrer wie Kevin Hulsmans, Cédric Vasseur, Serge Baguet, Steven de Jongh oder Matteo Tosatto haben die Pflicht, auch ungeachtet ihrer Fähigkeiten die ihnen zugeteilten Aufgaben während der Rennen zu verrichten. Diese Rezeptur war zumindest ein Teil des Erfolgsgeheimnisses. Zudem hat das Team einen ausgeprägten Erfolgshunger. Eine Mannschaft, die von den fünf Monumenten 2005 drei gewonnen hatte, könnte Gefahr laufen, satt zu sein. Nicht so bei Quick Step. Dort gilt eher die Einstellung, dass man die Siege des Vorjahres am besten wiederholt. Und die Wettbewerbe, die man noch nicht gewonnen hat, genehmigt man sich auch noch. Man teile diese Rennen unter den ambitionierten Fahrern auf und schon lassen sich zwei sehr versierte Fahrer unter einen Hut bringen.

 

Boonen und Bettini – das sind die Protagonisten von Quick Step. Der Belgier gewann das Double Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix sowie die Weltmeisterschaft. Das Grüne Trikot jedoch konnte er bei der Tour de France nicht holen, da er wegen eines Sturzes aufgeben musste. Bettini seinerseits sicherte sich den Sieg in der Lombardei und bei Züri-Metzgete. Der Olympiasieger ärgerte zudem in der Saison noch häufiger die Sprinter.





* Nick Nuyens bei den Vattenfall Cyclassics



2006 modifizierte die Equipe dieses System zu einem Triumvirat. Der Sieger der HEW Cyclassics, Filippo Pozzato, beanspruchte ebenso eine Ausnahmestellung, der er auch gerecht werden konnte. Dass Luca Paolini abwanderte, konnte verkraftet werden. Ein weiterer Belgier, Nick Nuyens, ging in Lauerstellung, um selbst mal auf eigene Rechnung zu fahren. Er sollte 2006 aber noch keine zentrale Rolle übernehmen.

 

Mailand-San Remo, Flandern, Paris-Roubaix, Grünes Trikot und WM-Titelverteidigung – das waren die bescheidenen Ziele von Boonen. Bettini und Pozzato sollten ihn möglichst unterstützen. 'Die Grille' sollte selbst Lüttich-Bastogne-Lüttich, den Flèche Wallonne, das Punktetrikot des Giro, die Klasika San Sebastian, die Lombardei-Rundfahrt und auch den Sieg bei der WM in Angriff nehmen. Da bleiben Interessenkollisionen nicht aus, wenn sich beide auch gute Chancen auf den Gewinn der PT-Einzelwertung ausrechnen können. Somit konnte man auch vom Duell Boonen vs. Bettini sprechen, und der Kronregent Pozzato stand Gewehr bei Fuß. Ein Schreckensszenario für die Konkurrenz. Auf wen soll man achten?





** Der spanische Meister beim Giro: Juan Manuel Gárate



Nur für die Klassements sah es traditionell nicht so rosig aus. Man konnte zwar auf Juan Manuel Gárate zurückgreifen, aber schon zu Saisonbeginn wuchs die Skepsis, ob die Verpflichtung des vorjährigen Senkrechtstarters beim Giro, des Venezolaners José Rujano, die beste Idee war, da sich dieser mit seinem Arbeitgeber Selle Italia in Vertragsfragen anlegte und das Radfahren vergaß. Als er nach dem Giro dann absprachgemäß zum Kader von Quick Step stieß, wurde er mit Argusaugen betrachtet. Er blieb ein Fremdkörper, weil er wegen seiner Haltung an Akzeptanz verloren hatte.

 

Boonen oder Bettini – das war die Frage, der Rest fast nur von vorübergehendem Belang.



Pro Tour

Kapitäne

 

Tom Boonen vs. Paolo Bettini

Boonen und Bettini konnten ärgste Widersacher um die PT-Gesamtwertung werden. Beide haben ihre Stärken bei den Klassikern. Sie versuchen, sich fast nie direkt in die Quere zu kommen, aber es lässt nicht immer vermeiden. Bettini brilliert meist bei kleineren Rundfahrten und Hügelklassikern, während Boonen auf Sprintankünfte und ein gutes Abschneiden bei den Frühjahrsklassikern angewiesen ist. Deshalb durften beide praktisch keine Gelegenheit verstreichen lassen, fleißig gute Platzierungen einzufahren, um den PT-Gesamtsieg womöglich unter einander auszumachen.






*** Boonen bei der Eneco



zur Abwechslung mal in rot



Boonen nutzte die ersten beiden Möglichkeiten bei Paris-Nizza und siegte jeweils nach gelungenen Finishs mit mustergültiger Vorbereitung seines Sprintzuges. Bei der ersten Bergetappe von Paris-Nizza musste er aussetzen. Dennoch konnte an diesem Tag Quick Step einen Tagessieg feiern. Allerdings trug diesen Bettini davon, und er kam auch nicht in Frankreich sondern bei Tirreno-Adriatico zustande. Im Gleichschritt gewannen sie jeweils die Etappen am 10.03. Boonen setzte sich erneut gegen die Sprinterzunft durch. 'Die Grille' nutzte die Verwirrung und ein Mißverständnis zwischen Alessandro Petacchi und Erik Zabel und beendete die Etappe siegreich. Am nächsten Tag hatte der Zauber sein Ende, weil Bettini stürzte und die Rundfahrt nicht mehr fortsetzte. Auch Boonen beendete Paris-Nizza vorzeitig. Er stieg während der letzten Etappe aus, da er keine Chance für einen Tagessieg sah und sich lieber die Körner für Mailand-San Remo sparen wollte.

 

Das Duell gegen Petacchi verlor Boonen bei Mailand-San Remo, er wurde nur Vierter. Dennoch jubelte der junge Belgier und freute sich mit dem Sieger – Pozzato.





* Boonen in Flandern: "Ganz in Weiß mit einem Blumenstrauß..."



Zwei Wochen später war Boonen aber wieder auf der Siegerstraße. Die Flandern-Rundfahrt gewann er. Bereits am Koppenberg bewies er seine Ausnahmestellung, als er dem Feld spielend davonzog. Im Finish musste er noch Leif Hoste bezwingen, mit dem er sich vor dem Valkenberg aus einer Spitzengruppe absetzte. Im Sprint spielte er seine Sprintstärke aus und wies seinen Begleiter in die Schranken. Siebter wurde übrigens Bettini, der Boonen den Rücken freihielt. Quick Step arbeitete an dem Tag vorbildlich, da auch Pozzato und Baguet lange der Frontgruppe angehörten und ihrem Kapitän tatkräftig zur Seite standen.

 

Boonen war natürlich auch der Favorit für Paris-Roubaix. So recht schien auch niemand daran zu zweifeln, dass der Weltmeister nach seinem Sieg in Flandern nicht auch in der Hölle des Nordens bestehen könnte, zumal ihm der Doppelsieg auch im Vorjahr gelungen war.

 

Höchstpersönlich jedoch trug er dann seinen Anteil zur Niederlage in der vorentscheidenden Phase bei. Im Wald von Arenberg demonstrierte er zusammen mit Fabian Cancellara in einem Akt der Stärke, wie ein Feld innerhalb weniger Kilometer zerlegt werden kann. Im Eifer des Gefechts hängte er dabei jedoch seine wichtigsten Begleiter, nämlich sämtliche seiner Teamkollegen, ab, wodurch er unter Druck geriet, entstehende Löcher selbst zu schließen, da andere Teams (CSC, Francaise des Jeux, Davitamon und DSC) mehrere Fahrer in der Kopfgruppe hatten. Die Quickies verschlissen sich in der Verfolgungsarbeit, wobei sie freilich von anderen Teams im Stich gelassen wurden.





*** Zur Abwechslung mal ein anderer Fahrer: Servais Knaven bei Paris - Roubaix



Das Glück schien jedoch kurzzeitig zu Boonen zurückzukehren, als George Hincapie der Lenker brach und im Fortlauf des Rennens auch die anderen Teams sich dezimierten, so dass es vorübergehend nach einer Pari-Stellung aussah. Jedes Team hatte scheinbar nur noch einen Fahrer in der geschrumpften Spitzengruppe. Aber Boonen war nicht mehr in der Lage, das Ruder herumzureißen, als Cancellara unaufhaltsam der Spitzengruppe enteilte. Auch ein weiteres Trio drängelte sich am Weltmeister vorbei und war bereits außerhalb seiner Sichtweite. Letztlich profitierte der Belgier von einer Bahnschranke, die andeutete, dass ein Zug unmittelbar den Weg der Fahrer kreuzen würde. Zu diesem Zeitpunkt zählte Boonen zu einem zweiten Verfolgertrio, das keine Chancen mehr besaß, das vor ihm liegende Trio einzuholen. Diese drei Herren (Peter van Petegem, Hoste, Vladimir Gusev) aber hatte regelwidrig den Bahnübergang trotz gesenkter Schranken passiert. Dem Reglement folgend mussten sie disqualifiziert werden. Dadurch war der Sprint um den vermeintlichen fünften Rang in einen um den zweiten umgemünzt wurden, ohne dass dieses Juan Antonio Flecha, Alessandro Ballan und Boonen bewusst gewesen sein dürfte. Der Wahl-Monegasse setzte sich letztlich durch.

 

Bettinis bevorstehende Glanzzeit sollte eigentlich bei den Ardennen-Rennen anbrechen. Dort plante er im teaminternen Zweikampf mit Boonen in der PT-Einzelwertung aufzuholen und auszugleichen. Bettini schien zwar in Topform beim Amstel Gold Race zu sein, es reichte aber nur zu einem etwas enttäuschenden achten Rang. Beim Flèche Wallonne kam er auch nur auf den 12. Platz.





Goldig? Paolo Bettini



Sein Ziel blieb folglich ein neuerlicher Sieg bei Lüttich-Bastogne-Lüttich. Bettini präsentierte sich bei diesem Rennen auch wieder von seiner Schokoladenseite. Er hielt sich in der Favoritengruppe immer in der Nähe der Spitze und versuchte mittels einiger Attacken, eine Vorentscheidung zu erzwingen. Es kam aber zu einem Finale mit mehreren Favoriten und der nicht gerade als langsam geltende Bettini unterlag Alejandro Valverde im Sprint. Der zweite Platz kann zwar als Erfolg gewertet werden, aber teamintern war Bettini so gesehen der schwächste im Triumvirat, da ihm im Frühjahr kein Klassikersieg gelungen war. Der Kampf um die PT-Krone der zwei Quick-Step-Protagonisten schien bereits zugunsten von Boonen entschieden. Allerdings lag vor diesem noch Valverde, der die PT-Führung übernommen hatte.

 

Beim Giro ging Bettini am Start, während Boonen pausierte, um sich auf die Tour de France vorzubereiten. 'Die Grille' ärgerte und verärgerte in Italien mal wieder die Sprinter, als er bei der zweiten Etappe von Mons nach Charleroi reinhielt und Petacchi auf den vierten Rang verdrängte. Erneut behielt ein „Quickie“ gegenüber dem Ale-Jet die Oberhand, auch wenn es dieses Mal nur zum dritten Rang reichte. Bei der vierten Etappe von Wanze nach Hotton konnte er Petacchis Hauptkonkurrenten Robbie McEwen jedoch nicht überflügeln und wurde Zweiter.





*** Bettini beim Giro-Prolog - Frauenentscheidung: Farbe vor Aerodynamik



Bettini versuchte, bei der neunten Etappe von Francavilla nach Termoli vor allem McEwen zu entkommen. Er machte das Rennen sehr schwer, so dass der Australier an den Anstiegen abgehängt wurde. Aber McEwen kam in den Flachstücken stets wieder heran. Im Finish schaffte es 'die Grille' zwar, das Rauhbein niederzuringen, aber Thomas Vaitkus war eine Winzigkeit vor ihm im Ziel. Erst als McEwen den Giro verließ, gewann Bettini. Bei der 15. Etappe von Mergozzo nach Brescia setzte er sich im Sprint Royale gegen Olaf Pollack und Robert Förster durch. Auch wenn Bettini zeitweise ob seiner vergeblichen Versuche zur tragischen Figur verkam, so war seine Ausbeute von Erfolg begleitet, da ihm noch der Sieg in der Punktewertung gelang.

 

Boonen kehrte nach einer Pause im Juni wieder ins Renngeschehen zurück. Prompt gewann er die Auftaktetappe der Tour de Suisse und unterstrich damit seine Anwartschaft auf das Grüne Trikot der Tour de France.

 

Hingegen offenbarten sich bei der Grande Boucle einige nicht vorhergesehene Probleme. Boonen jagte einem Tagessieg bei der Tour vergeblich hinterher. Wie Bettini beim Giro schien ihm die Fortune bei den Massenankünften zu fehlen, wobei beide – hier findet sich eine weitere Parallele – häufiger recht nervös im jeweiligen Finale wirkten. Mal fuhr Boonen zu früh im Wind, wobei er und Quick Step zuvor unerklärliche Fehler fabrizierten; besonders de Jongh als letzter Fahrer für Boonen musste sich heftige Kritik gefallen lassen. Die Wahrheit aber dürfte sein, dass Boonen entweder nicht auf seine Qualitäten vertraute oder nicht im Vollbesitz der Kräfte war, da er mitunter nicht nur den Sieg verpasste, sondern auch von der kompletten Sprintergilde noch überholt wurde. Mal fand ein Kontrahent auch eine idealere Linie, um Boonen hinter sich zu lassen. So belegte er jeweils zwei zweite Ränge (zweite und fünfte Etappe) sowie einen dritten Platz (sechste Etappe). Zumindest trug er von der dritten bis zur sechsten Etappe das Gelbe Trikot. Im Kampf um die Punktwertung geriet er ins Hintertreffen. Letztlich sorgte Boonen für einen leisen Abgang von der Tour, als er bei der Königsetappe nach Alpe D'Huez entkräftet aufgab.






*** Giro-Prolog-



Impressionen



Boonens fünften Etappenerfolg im Rahmen der PT gab es bei der Tour Benelux zu feiern. Er setzte sich im Sprint der ersten Etappe gegen Simone Cadamuro und Enrico Gasparotto durch und brillierte wieder mit der gewohnten Stärke, die ihm offensichtlich in Frankreich abhanden gekommen war. Auch bei der dritten Etappe zeigte er sich wieder vorne. Eigentlich sollte der Sprint für Wouter Weylandt angezogen werden, den aber verlor Boonen vom Hinterrad und so entschied er sich kurzerhand, auf eigene Rechnung zu fahren. Ein emotionaler Höhepunkt war sicherlich sein dritter Etappensieg. Den feierte er in seinem Heimatort Balen, als er bei typisch flämischem Wetter den Sprint überlegen gewann. Im Klassement wurde er Dreizehnter.

 

Bettini schien den internen Kampf wohl schon verloren zu haben. Es ging aber auch nicht mehr um die PT-Gesamtsieg, da war Valverde schon uneinholbar in der Einzelwertung entrückt; es ging nur um die statistische Nummer Eins bei Quick Step. Bei der zweiten Etappe der Vuelta von Malaga nach Cordoba schlug er der versammelten Gemeinde der Sprinter ein Schnippchen; denn er gewann im Schlusssprint vor Thor Hushovd und Paolini. Ein weiteres Mal ließ er sein Können bei der Vuelta noch aufblitzen, als er sich bei der 12. Etappe von Aranda de Duero nach Guadalajara einer Ausreißergruppe anschloss. Sein Freund Paolini gewann diese, während er Dritter wurde. Danach stieg er aus.





*** Boonen bei der WM - diesmal im Nationaltrikot



Vor der WM kam es zu Dissonanzen. Bettini hatte nach Besichtigung der Rennstrecke von Salzburg geäußert, dass das Streckenprofil für Boonen zu schwer sei. Dieser Einschätzung mochte sich der Belgier nicht anschließen und da beide zu diesem Rennen für ihre jeweilige Nationalmannschaft antraten, waren sie bei diesem Wettbewerb Gegner. Bettini hatte eine starke Truppe um sich versammelt, die sich uneigennützig – als Italiener - in seinen Dienst stellten. Er selbst versuchte, während der letzten Runde dem Peloton zu entkommen. Aber er konnte immer wieder vom Feld mit Boonen gestellt werden. Dennoch sollte die Vorhersage von Bettini zutreffen, allerdings knapper als er es erwartet haben dürfte. Boonen wurde Neunter – zwei Sekunden hinter dem Sieger. Und Bettini? In der entscheidenden Phase setzten sich Zabel, Samuel Sanchez, Valverde und Bettini ab. Sanchez zog den Sprint für Valverde an, Zabel aber fuhr an den Spaniern vorbei. Bettini besann sich auf seine Qualitäten als Sprinter – und fing Zabel noch ab. Damit wurde der Italiener Weltmeister und feierte einen großen Sieg. Beim Rennstall war man letztlich froh, schließlich kam der Titelträger wieder aus den Reihen von Quick Step. Ob er Boonen heißt oder Bettini, ist letztlich von sekundärem Interesse.

 

Der Preis hierfür war aber für Bettini hoch. Wahrscheinlich hätte er auf den Titel, nach dem er lange vergeblich gestrebt hatte, gerne verzichtet, wenn ihm ein Schicksalsschlag, der mit dem Gewinn des Titels indirekt zusammenhing, erspart geblieben wäre. Sein Bruder Sauro wollte zum Saisonende eine Feier organisieren. Als er entsprechende Vorbereitungen dafür traf, verunglückte er tödlich bei einem Verkehrsunfall.






* Bei den... Pozzato



... Vattenfall... Weylandt



... Cyclassics: Bettini



Bei solchen Geschehnissen rückt der Sport zunächst in den Hintergrund. Er kann aber auch Medium werden, die Trauer zu bewältigen. Normalerweise wäre Bettini bei der Lombardei-Rundfahrt mit der Intention an den Start gegangen, im Trikot des Weltmeisters eine gute Figur abzugeben. Er hätte wohl davon geträumt, in diesem Jersey dieses Monument zu gewinnen. Durch die Umstände aber wurde ein anderer Fakt noch wichtiger, er wollte das Rennen seinem Bruder widmen und deswegen gewinnen.

 

Bettini setzte schließlich die entscheidende Attacke in einer Spitzengruppe und sprengte diese. Nur noch Fabian Wegmann folgte ihm, aber am letzten Anstieg entkam Bettini endgültig dem Deutschen. Alleine fuhr er dem Ziel entgegen. Man hatte, wenn man einen Augenblick pathetisch werden möchte, den Eindruck, als säße 'die Grille' nicht alleine auf dem Rad, sondern sein Bruder wäre bei ihm. Im Überfluss der Emotionen flossen ihm Tränen über das Gesicht, noch bevor er über die Ziellinie gefahren war und deutete mit den Fingern ostentativ zum Himmel. Man spürte, dass er in diesem Augenblick im Geiste bei seinem Bruder war

 

Traditionell konnte Bettini wieder einen Klassiker der Saison gewinnen, aber er wusste auch, dass es Schattenseiten im Leben gibt, die nicht immer etwas mit Doping zu tun haben müssen. Der Todesfall bewegte ihn sehr. Später gestand er, dass er daran dachte, seine Karriere zu beenden. In der PT-Wertung belegten Boonen und Bettini Platz sieben und acht.



Filippo Pozzato

Pozzato gelang der Sprung in den Superstarstatus. Am 18.03. feierte er den größten Karrieresieg. Eigentlich war bei Mailand-San Remo das Duell Boonen gegen Petacchi um die Lorbeeren bei der classicissima erwartet worden. Es wurde vorab aber auch geunkt, ob Bettini nicht das Trumpf-As im Poker sein und das erwartete Sprintduell vereiteln würde.





** Abgesahnt:



Pozzato in Hamburg



Es war aber Pozzato, der sich taktisch bedingt einer Fluchtgruppe am Poggio anschloss. Letztlich blieben sich die Fahrer uneins und konnten sich nicht entschließen gemeinsam durchzuziehen. So erwartete man auf der Via Roma einen Zielsprint. Pozzato löste sich jedoch noch aus der Gruppe, in der er nicht mitgearbeitet hatte, und erreichte mit knappem Vorsprung das Ziel. Diese Taktik düpierte vor allem Milram und Petacchi. Durch eine wahre Meisterleistung hatte Quick Step die anderen Bewerber an der Nase herumgeführt.

 

Mit einer ähnlichen Finte versuchte Pozzato die Wiederholung des Erfolges bei Gent-Wevelgem. Erneut musste der Sprinterzug von Petacchi dran glauben. Diese Mal hatte die Aktion aber zwei Schönheitsfehler. Der erste war, dass Boonen nicht dem Spitzenfeld angehörte. Außerdem konnte Pozzato kurz vor der Ziellinie noch abgefangen werden und belegte den vierten Rang.

 

Durch die Abwesenheit von Boonen hatte der Blondschopf bei den Vattenfall Cyclassics freie Fahrt, um seinen Vorjahreserfolg zu wiederholen. Bei der diesjährigen Austragung war die Sprintkonkurrenz zu hochkarätig, so dass er den dritten Platz erreichte, weil sich Freire und Zabel, wenn auch nur sehr knapp, im Finish durchsetzten.

 

Auch beim GP Ouest-France-Plouay durfte es Pozzato wieder probieren. Er trug dieses Mal den sechsten Platz davon. Im Finish gehörte er zu denen, die einem Quartett nicht mehr folgen konnten, so dass sein künftiger Teamkollege Nibali gewann. Bei der Züri-Metzgete sprang der zehnte Platz heraus. In die Tagesentscheidung konnte er genauso wenig wie der frisch gebackene Weltmeister Bettini eingreifen. Eine Woche später bei Paris-Tours blieb ihm erneut nur der zehnte Rang.



Pro Tour

Die anderen Mannschaftsmitglieder hatten auch ihre Erfolgserlebnisse. Sie waren nicht so zahlreich, aber eine Auswahl ist im folgenden Text nachzulesen.

 

Beim Giro waren Etappensiege als Ziel vorgegeben. In erster Linie galt Bettini als Anwärter. Quick Step stellte außerdem Gárate auf, der 2005 immerhin Fünfter beim Giro wurde. Deswegen wurde der Spanier zum legitimen Rundfahrtskapitän erklärt. Unverständlich war dann aber die Strategie, dass er auf der siebten Etappe nach Saltara in eine Ausreißergruppe gesteckt wurde, die er durch viel Engagement aktiv belebte. Es gelang ihm aber nicht, den Tagessieg zu erzielen. Vielmehr wurde er vom Verfolgerfeld, bestehend aus sämtlichen Favoriten, noch gestellt. Entweder traute man ihm nicht zu, ein ähnliches Ergebnis wie im Vorjahr zu erzielen oder man wollte durch eine derartige Aktion die Favoriten zur Arbeit bewegen. Der Schuss ging nach hinten los, mit der Etappe hatte er sich aus dem erweiterten Favoritenkreis herauskatapultiert.





*** Die Herren Gárate und Voigt



Aber er sollte von sich dennoch reden machen. Bei der 19. Etappe befand sich Gárate gemeinsam mit Jens Voigt auf dem Weg zum Ziel zum Passo di San Pellegrino. Mit einem Klaps und einem Händedruck signalisierte der Deutsche dem Quick Step Fahrer, dass er die Arbeit des Spaniers über die eigene höher bewertete und von daher überließ er Gárate den Etappensieg. Eine schöne Geste. Gárate, der z.T. aufgrund seiner Kraft raubenden Fahrweise schon ein gutes Gesamtergebnis verspielt zu haben schien, erreichte schließlich den siebten Klassementplatz – begünstigt durch den Gewinn des Abschnitts.

 

Ein weiterer Etappensieg gelang ihm aber nicht. Addy Engels probierte sein Glück bei der 12. Etappe von Livorno nach Sestri Levante, als er einer Fluchtgruppe angehörte. Im Finale verhielt er sich aber nicht sehr clever und musste mit dem zweiten Platz vorlieb nehmen.

 

Nuyens gilt als starker Fahrer. Es wird kolportiert, dass er es durchaus mit Boonen aufnehmen könne. Meist jedoch ordnete er sich den Wünschen seiner Chefs - besonders bei den PT-Veranstaltungen - unter. Bei der dritten Etappe der Tour de Suisse war das anders. Er war Bestandteil einer Fluchtgruppe, verrichtete aber kaum Führungsarbeit, weil das Hauptfeld den Ausreißern auf den Fersen war und er zunächst die Interessen von Boonen sicherte. Schließlich bekam er im Finale aber freie Hand und konnte sich im Finish durchsetzen.





* Nick Nuyens



Bei den Vattenfall Cyclassics setzte er einen weiteren Akzent, als er immerhin den vierten Platz belegte. Dennoch bewies er, dass es ihm vor den schnellsten Sprintern nicht bange sein muss.

 

Bei der Tour waren Etappensiege für Boonen fest eingeplant. Dieser gab jedoch – wie oben erwähnt – vorzeitig ohne Sieg auf. Für das Klassement fühlte sich niemand zuständig. Letztlich ist es Tosatto zu verdanken, dass Quick Step nicht ohne Erfolg blieb. Der Italiener schloss sich bei der 18. Etappe von Morzine nach Mâcon einer Ausreißergruppe an. Aus dieser lösten sich drei Fahrer, zu denen auch er zählte.Der Anfahrer von Boonen schaffte den größten Erfolg seiner Karriere.

 

Hingegen war die Enttäuschung groß, als man im Klassement nach dem besten Akteur suchte. Platz 72 für Rujano. Wunderdinge konnte man von ihm nach dem Verlauf der Saison nicht erwarten, aber dieser Abschluss war dann doch dürftig. Dass Rujano nach seiner bedenklichen Arbeitshaltung beim Giro für Selle Italia nun auch noch bei der Tour nicht auffiel, war ein schlechter Start in neuem Gewand und der Anfang vom Ende. Der beste Fahrer bei der Vuelta wurde übrigens José Garrido als 59.

 

Bei der ENECO Tour Benelux brillierte Boonen. Allerdings fuhr er bei dieser Rundfahrt weder konsequent um den Gesamtsieg noch beabsichtigte er, alle Sprintankünfte zu gewinnen. Dieser Umstand räumte Weylandt die Chance ein, selbst einmal sein Glück zu versuchen. Die zweite Etappe endete mit dem dritten Platz. Bram Tankink, der keine starke Saison fuhr, schaffte den 12. Platz der Gesamtwertung.

 

Bei der Polen-Tour musste Weylandt keine Rücksicht auf Boonen nehmen. Er sprintete gut. Das Punktetrikot der Rundfahrt konnte er mit nach Hause nehmen. Für einen Tagessieg reichte es aber nicht. Dennoch braucht er sich ob je eines zweiten und dritten Etappenranges nicht zu grämen.



Outside Pro Tour

Boonen und Bettini stellten schon zu Beginn der Saison 2006 ihre Ausnahmestellung unter Beweis. Boonen deutete in Arabien bereits an, dass er nicht gedenken würde, sich auf die faule Haut zu legen. Den Doha GP International (1.1) gewann er, und bei der Tour of Qatar (2.1) entschied er vier Tagesabschnitte zu seinen Gunsten. Den fünften Etappensieg verpasste er, weil er sich verschaltete. Dafür sicherte er sich den Gesamtsieg in Qatar, wo sich lt. Bernhard Eisel in erster Linie Kamele als Zuschauer einfanden.






** Zeitfahren... Vigano



... bei der... Rosseler



... D-Tour: Schwab



Seine nächste Station war Spanien, wo er sich bei der Vuelta a Andalucia (2.1) mit Petacchi erstmalig in der Saison im direkten Vergleich messen wollte. Bei zwei Etappenankünften musste er dem Italiener Vortritt gewähren, hingegen war er bei der Abschlussetappe erfolgreich.

 

Bettini deutete durch seinen Sieg beim Trofeo Soller (1.1) an, dass er auch 2006 wieder zu den stärkten im Peloton gehörte. Zudem schaffte er bei der Mallorca Rundfahrt weitere Podiumsplätze – jeweils Dritter bei der Trofeo Alcudia (1.1) und Trofeo Pollenca (1.1). Wenig später feierte Bettini den Sieg beim GP di Lugano (1.1). Je ein zweiter und dritter Etappenplatz von ihm bei der Settimana Internazionale Coppi e Bartali (2.1) wird in deren Palmares wohl untergehen. Im Klassement dieser Rundfahrt spielte er jedoch keine Rolle.

 

Das flämische Frühjahr nahm im Kalender von Quick Step einen zentralen Punkt der Jahresplanung ein. Neben den drei PT Wettbewerben Flandern-Rundfahrt, Gent-Wevelgem und Paris-Roubaix existieren viele Rennen, die sehr viel Prestige für belgische Teams bedeuten.





*** Omloop Het Volk mit Tom Boonen



Das erste Highlight fand am 25.02. statt. Die Planung besagte, dass Boonen erstmals oder Nuyens erneut den Omloop Het Volk (1.HC), den belgischen Start in die Frühjahrsrennserie, gewinnen sollte. Tatsächlich reichte es am Datum der Austragung auch zum Sieg – für Remmert Wielinga beim GP Chiasso (1.1). Beim Omloop blieb Quick Step ausnahmsweise nur das Nachsehen.

 

Der 26.02. gestaltete sich diesbezüglich erfolgreicher. Nuyens vollendete eine gewiefte Teamtaktik bei Kuurne-Bruxelles-Kuurne (1.1). Boonen komplettierte den Erfolg als Dritter. Etwas besser als beim Omloop lief es auch bei der Tour du Haut Var (1.1). Dort gelang Jürgen Van de Walle der dritte Platz. Mit diesem Rang endete ebenso das Rennen Pfeil von Brabant (1.1) für Nuyens, der im Finale etwas auf eigene Faust probieren durfte.

 

Die Erfolgsspur wählten die Fahrer auch bei Driedaagse van West Vlaanderen (2.1), als Francesco Chicchi die Auftaktetappe gewann. Auch Weylandt zeigte eine ansprechende Frühform, wie er mit dem zweiten Rang bei der Abschlussetappe untermauerte. Einen weiteren zweiten Rang strich er ferner bei Nokere-Koerse (1.1) ein.

 

Boonen feierte seinerseits aber bei der Generalprobe für die Flandern-Rundfahrt, beim E 3 Prijs Vlaanderen (1.HC), einen großen Sieg, als er eine gemeinsame Attacke mit Ballan ins Ziel durchbrachte und dem aufstrebenden Italiener in die Schranken wies. In der Woche vor der Ronde van Vlaanderen holte er sich bei Driedaagse van de Panne-Koksijde (2.HC) den letzten Feinschliff. Dort erhielten andere Fahrer eine Bewährungschance. Bei der dritten Etappe rissen de Jongh und Sebastian Rosseler die Kastanien aus dem Feuer. De Jongh konnte aus einer Dreiergruppe den Sprint für sich entscheiden, während sich Rosseler mit dem dritten Rang begnügte.






*** Allein oder auch gemeinsam unterwegs -



bei Kuurne - Bruxelles - Kuurne



Zum Ausklang der flämischen Frühjahrsaison gönnte sich Boonen als Trostpflaster für die verpasste Titelverteidigung von Paris-Roubaix noch den Sieg beim Grote Scheldeprijs Vlaanderen (1.HC). De Jongh wurde übrigens Zweiter. Aber auch im Sommer glänzte Boonen bei den Eintagesrennen. Veenendaal-Veenendaal (1.HC) entschied er im Massenspurt zu seinen Gunsten.

 

Eine Abordnung von Quick Step versuchte sich auch bei der Tour Of Georgia (2.HC). Tosatto bekam die Erlaubnis, auf eigene Rechnung zu fahren. Der zweite Rang auf der vierten Etappe war ein Resultat der Exkursion.





* Matteo Tosatto



Geert Verheyen



Als die flämischen Frühjahrsrennen der Vergangenheit angehörten, ruhten sich die Schützen von Quick Step etwas aus. Chicchi beendete bei einem Massensprint die kurzzeitige Lethargie mit einem Etappensieg bei den 4 Tagen von Dünkirchen (2.HC). Bei der Tour de la Région Wallone (2.HC) nahm er erneut einen Tagessieg in Angriff. Bei der zweiten Etappe schlug dieser Versuch fehl, er wurde Zweiter.

 

Bei der Tour of Belgique (2.1) versuchte Boonen, seinen Gesamtsieg des Vorjahres zu wiederholen. Dieses Vorhaben misslang, dennoch schaffte er zwei Etappensiege sowie je einen zweiten und dritten Tagesplatz. Nuyens erreichte ebenso einen dritten Etappenplatz, während Rosseler im Klassement Zweiter wurde. Dieser sorgte wenig später bei der STER Electrotoer (2.1) mit einem dritten Platz im Zeitfahren für Furore. Im Rahmen dieser Rundfahrt erreichte Weylandt ebenso einen dritten Etappenplatz. In der Gesamtwertung landete van de Walle auf dem zweiten Platz. Rosseler belegte schließlich bei Halle-Ingooigem (1.1) den dritten Platz.



Nuyens erreicht den zweiten Rang beim GP Kanton Aargau-Gippingen (1.HC). Bei dem hügeligen Rennen hielt er sich in einer Spitzengruppe. An Beat Zberg kam er aber nicht vorbei. Mit identischem Ausgang endete für ihn auch der GP Wallonie (1.1).

 

Der Niederländer Wielinga vertrat die Farben von Quick Step bei der Österreich-Rundfahrt (2.1). Er schaffte als Mitglied eines Fluchttrios bei der zweiten Etappe den zweiten Platz. Sein amerikanischer Teamkollege Guido Trenti landete bei der fünften Etappe den dritten Platz.





** Männerfreundschaft? Pereiro & Bettini



Bettini & Rogers



Boven & de Jongh



Pozzato errang seinen zweiten Saisonsieg bei der Tour of Britain (2.1), als er als Solist die dritte Etappe gewann. Nuyens wurde bei diesem Abschnitt Dritter. Aber es gab noch zwei weitere Tagessiege aus Großbritannien zu vermelden. Die fünfte Etappe ging nach einem Sprint auf das Konto von Chicchi. Am letzten Tag war es einmal mehr Boonen, der der Konkurrenz keine Chance ließ. Im Gesamtklassement belegte Pozzato schließlich den dritten Rang.



Paris-Brüssel (1.HC) ist ein Klassiker, den belgische Fahrer gerne gewinnen. Boonen musste sich bei diesem Rennen aber McEwen geschlagen geben, der sich im Massensprint als stärker erwies. Da ist der dritte Platz von de Jongh auch nur ein Trostpflaster. Beim Kampioenschap van Vlaanderen (1.1) durfte der Niederländer es auf eigene Faust riskieren und scheiterte an Niko Eeckhout.

 

Vasseur gewann den G.P. Isbergues (1.1). Er duellierte sich bei der Fahrt um den Sieg mit Philippe Gilbert und bot dem Belgier schließlich die Stirn. Für den Franzosen im Team ein schöner Erfolg, da er ansonsten im Jahr nur selten durch eigene Ergebnisse beeindruckte. Einen Sieg bei einem Eintagesrennen feierte auch noch der häufiger bei Niederlagen gescholtene de Jongh. Er gewann in seiner Heimat die DELTA Ronde van Midden Zeeland (1.1).

 

Im Herbst fand traditionell der Circuit Franco-Belge (1.1) statt. Die erste Etappe holte sich Kevin Van Impe, der sich sonst nicht durch Saisonsiege auszeichnete. Einen Angriff kurz vor dem Ziel schloss er erfolgreich ab, nachdem er mit zu einer Ausreißergruppe gehörte, die sich einen beträchtlichen Vorsprung vor dem Verfolgerfeld erarbeitete. Dieses Polster reichte für ihn, um den zweiten Rundfahrterfolg des Jahres der Equipe sicherzustellen.



Nationale Meisterschaften

Bettini gewann die italienische Meisterschaft. Im Finale setzte er sich gegen seine Mitstreiter, die einer zehnköpfigen Spitzengruppe angehörten, durch. Damit hatte er Boonen etwas voraus, der bei den Titelkämpfen in Belgien nur Dritter wurde.



Zwischen die Speichen gesehen…

Drei Monumente gewonnen, in den anderen beiden zumindest auf dem zweiten Platz, den Weltmeister stellt man auch wieder und die Punktwertung einer der GTs gewonnen – damit wäre die Erfolgsstory komprimiert wiedergegeben.





* Modell "Vuelta" in der extrem limitierten Boonen-Edition



Bei Quick Step richtet man das Augenmerk auf einige wenige Köpfe. Das wird ganz besonders dann deutlich, wenn man die Erfolge aufzählt. Viele Indianer arbeiten unermüdlich, damit der Rennstall besonders bei den Etappen und bei den Klassikern Erfolge hat. Eine Schwäche besteht bei den Klassementplatzierungen. In der PT gelang nicht ein einziges Ergebnis in den Top Five, während sieben Resultate unter den ersten Fünf bei den Klassikern Aufschluss über die Interessenlage geben.

 

Dass die PT-Rundfahrten letztlich nur ein lästiges Übel sind, zeigt auch die PT-Mannschaftswertung. Wären nur die Ergebnisse der Rundfahrten gewertet worden, würde man den 19. Rang aller PT Teams belegen. Der Kontrast zeigt sich bei den Klassikern, dort wäre es der dritte Rang, so dass insgesamt der 14. Rang in der Mannschaftswertung notiert werden kann. Demnach muss die Equipe ein erbärmliches Bild abgegeben haben. Die Wahrheit aber ist, dass diese Wertung nicht die wirklichen Verhältnisse wiedergibt. Bei Quick Step interessiert man sich nicht dafür, ob man drei Fahrer möglichst im Vorderfeld platzieren kann. Entscheidender ist, dass der Fahrer auf dem Podium mit dem Siegerpokal ein Trikot von Quick Step trägt.





*** Der legendäre ABC-Griff



Deswegen ist der Blick auf die gesammelten Einzelpunkte der Akteure aussagekräftiger. Acht Fahrer holten 485 Punkte. Das wäre im Vergleich zu den PT Teams der siebte Rang. In der PT- Einzelwertung sind die Ergebnisse von Boonen und Bettini schon erörtert worden, Pozzato wurde Einundzwanzigster. Der Mohikaner bei den GTs, Gárate, wurde 68. und Nuyens belegt den 93. Platz. Tosatto rangiert auf Platz 122 und auf Rang 165 haben sich Engels wie auch Weylandt eingefunden.

 

43 Saisonsiege, so viele hatte kein anderes Team. Ein weiterer Superlativ besteht in den 16 PT-Siegen. 20 Erfolge gehen auf die Kappe von Boonen, während 'die Grille' achtmal triumphierte. Eine weitere Topleistung sind 12 gewonnene Eintagesrennen. So viele schaffte kein anderes Team.



Top Acht

Bettini – Boonen – Pozzato – Nuyens – Gárate – Tosatto – De Jongh - Weylandt

 

Bettini: Er kam erst später in der Saison auf Touren, aber dann ließ er es krachen. Die WM holte er für sein Land, aber Zweiter bei Lü-Ba-Lü und jeweils eine Etappe beim Giro und bei der Vuelta sind auch schon stark. Zudem holte er noch das Punktetrikot beim Giro. In der Stunde bitterer Trauer kam dann noch der Sieg in der Lombardei dazu

Boonen: Vergleicht man seine Erfolge von 2005 mit denen von 2006, dann hat er etwas enttäuscht, aber ein Doppelsieg Flandern / Roubaix ist nun auch nicht x-beliebig wiederholbar und ein WM-Sieg auch nicht planbar. Recht deutlich verfehlte er allerdings das Grüne Trikot bei der Tour. Dennoch: Der Sieg in Flandern, Platz zwei in der 'Hölle des Nordens', die exzellente Finte bei Mailand-San Remo sowie vier weitere Siege bei Eintagesrennen sowie 14 Etappensiege und ein Rundfahrtsieg einer Rundfahrt sind schon stark.





* Bram Tankink bei des Cyclassics - ganz weit oben in der Coolness-Wertung



Pozzato: Sieg bei Mailand-San Remo (und den als Italiener), sowie Platz vier bei Gent-Wevelgem und der dritte Rang bei den Vattenfall Cyclassics gehen auf sein Konto. Der Italiener hat ein Triumvirat bei der Klassikerfraktion erschaffen. Das ist nicht immer spannungsfrei, vielleicht ist es gut, dass er geht.

Nuyens: Am Ende eines Abschnitts steht der Lehrling des Teams. Wenn er mal auf eigene Faust etwas riskieren durfte, kamen auch brauchbare Ergebnisse heraus. Dazu zählt der vierte Platz bei den Vattenfall Cyclassics oder der Etappenerfolg bei der Tour de Suisse. Künftig muss er bei Cofidis beweisen, dass er auch gegen Boonen und Bettini bestehen kann.

Gárate: Schaffte als einziger Protagonist von Quick Step einen PT-Rang im Klassement einer Rundfahrt (Giro). Zudem gelang ihm ein Etappenerfolg bei einer Bergetappe beim Giro, das hat für die Verhältnisse im Rennstall schon Seltenheitswert.

Tosatto: Der Italiener war für den einzigen Etappensieg der Mannschaft bei der Tour zuständig. Eigentlich sollte er für Boonen ideal vorbereiten, der war aber leistungsmäßig nicht auf der Höhe. Schließlich probierte es erfolgreich auf eigene Faust.

De Jongh: Er stand als Anfahrer von Boonen desöfteren in der Kritik, aber er zeigte auch seine Schokoladenseite. Er gewann eine Etappe von den Drei Tagen von de Panne und das Eintagesrennen DELTA Ronde van Midden Zeeland.

Weylandt: Der Youngster setzte einige Akzente in der Saison und schaffte auch einige PT-Punkte. Man hofft, dass er künftig noch stärker wird.

 

Keine Aufnahme fand

Rujano: Er fiel 2006 weniger durch Leistung denn mehr durch Wirrwarr in Bezug auf seine Vertragssituation auf. Seine Entwicklung in dieser Saison erinnert sehr an den Flug des Ikarus. 2005 flog er zu hoch. In dieser Saison sträubte er sich zunächst, für sein ehemaliges Team an den Start des Giro zu gehen. Er tat es, stieg mysteriös aus und kam zu Lefevere. Dort fiel er vermutlich aufgrund ausbleibender Erfolge durchs Raster und seinem Höhenflug folgte der Sturz ins Bodenlose, der bisher noch nicht gebremst ist.



Ausblick

Die Ziele von Quick Step für 2007? Eigentlich sind es die gleichen wie für 2006 und dennoch hat sich eine Menge geändert.






*** TTT in Eindhoven:



mit und ohne Windmühle



Das Gedrängel um die Leaderrollen ist kleiner geworden, weil das Triumvirat in der bisherigen Form nicht mehr existiert. Pozzato hat sich Liquigas angeschlossen, damit ist eine Wiederholung von Mailand-San Remo in der 2006 gezeigten Form nicht möglich. Aber man wird bei Quick Step nicht müde werden, eine andere Variante auszuhecken, um einem möglichen Sprint aus dem Wege zu gehen, und man hat Boonen. Für die Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix gilt er ohnehin als Favorit. Dort wird er auf die Unterstützung von Pozzato verzichten müssen – und auch auf Nuyens, der zu Cofidis wechselte. Dafür wechselte ein Duo zum Team, das die beiden eigentlich mühelos ersetzen kann – van Petegem und Gert Steegmans. Damit schwächte man auch noch Davitamon-Lotto. Natürlich kann je nach Rennverlauf auch van Petegem selber das Zepter übernehmen. Das könnte evtl. zu Ungemach führen. Eine Drohkulisse diesbezüglich bildet ebenso Bettini, der äußerte, dass ihm ein Sieg in Flandern fehlen würde. Da kommt also auf Lefevere noch eine Menge Kopfzerbrechen und Arbeit zu, aber ihm ist es auch bei der Classicissima gelungen, die exzentrischen Fahrer unter einen Hut zu bekommen. Vielleicht fahren dann auch alle für Steegmans, den Boonen unbedingt im Team haben wollte. Mit dieser Verpflichtung hat man dafür gesorgt, dass der Kreis der Gegner kleiner geworden ist.





* "Zirrrrp... Zirrrrp..." Der Mann, den sie 'Grille' nannten



'Die Grille' hingegen darf sich als uneingeschränkter Kapitän für die Ardennen und die anderen schwierigen Hügelklassiker wähnen. Es wird zwar behauptet, dass auch Boonen von einem Sieg bei Lüttich-Bastogne-Lüttich träumt, aber das erscheint momentan doch eher illusorisch.

 

Bettini soll im übrigen neben dem Wunsch, Flandern zu gewinnen, noch geäußert haben, dass er sich um die Krone beim Giro bewerben möchte, aber dieses Terrain scheint für einen weiteren Coup des kleinen Italieners trotz aller Überraschungen im Laufe seiner Karriere – so traute man ihm bspw. nicht zu, jemals den Sieg in der Lombardei zu feiern – dann doch ungeeignet.

 

Boonen hat auf seinem Wunschzettel auf alle Fälle auch noch ein weiteres großes Ziel, das er bisher nicht erreichen konnte - den Gewinn des Grünen Trikots bei der Tour de France. 2007 wird er einen erneuten Anlauf nehmen, diese Lücke in seinen Palmares zu schließen.

 

Und beide werden in ihrem Nationaltrikot voraussichtlich bei der WM starten. Lefevere würde es nicht stören, wenn der Weltmeister wieder aus seinen Reihen kommt. Man muss es fast befürchten.





* Einsatz in..... Guido Trenti



....... Salzburg: Serge Baguet



Die Schwäche des Teams liegt bei den Gesamtklassements der Rundfahrten. Daran wird sich auch 2007 wenig bis nichts ändern. Lediglich Gárate konnte beim Giro die Misere durchbrechen und bekam für sein Abschneiden in der Abschlusswertung PT-Punkte. Der Versuch mit Rujano, eine weitere Behebung dieses Problems herbeizuführen, wurde wie schon bei José Pecharroman erfolglos frühzeitig beendet. Lefevere wird künftig noch vorsichtiger werden, wenn es darum geht, hoffnungsvolle Rundfahrtaspiranten zu Quick Step zu locken – außer Spesen nicht viel gewesen. Man kann sich ja auf Etappensiege beschränken, dafür sind Bettini, Boonen & Co. immer gut. Neuerdings wird man dann auch Weylandt achten, der sich 2006 schon in den Vordergrund schob. Aber auch Steegmans will etwas probieren. Bettini hält überdies große Stücke auf Giovanni Visconti, der von Milram kam. Die Alternativen gehen nicht aus, zumal mit Andrea Toni noch eine weitere ins Aufgebot aufgenommen wurde.

 

Für 2007 gilt: Wenn man 2005 und 2006 je drei Monumente gewinnen konnte, dann gilt diese Zahl 2007 fast schon als Untergrenze für die Saisonziele.

 

Ein anderes Ziel sollte sein, dass die Spekulationen um den Wahrheitsgehalt des Artikels in der flämischen Zeitung ein Ende finden. Entweder es gelingt Lefevere den Inhalt zu widerlegen, was wichtig für den Radsport wäre. Oder man ändert die Strategie. Geständnisse könnten helfen, die Sportart von den undurchsichtigen Machenschaften zu befreien. Kurzfristig wäre das Ungemach zwar immens, aber langfristig wäre das Peloton vielleicht zu retten. Diese Perspektive scheint aber noch fremd und unbequem. Nur: Die vielen Kolportierungen vermeintlicher Nestbeschmutzer und Insider richten auf Dauer mehr Schaden an und könnten auf lange Sicht dem Radsport den Garaus bereiten. Man steht zwar momentan scheinbar vor der Wahl "Pest oder Cholera", aber wenn man sich immer nur in die Defensive begibt und gesteht, was ohnehin jeder schon annimmt und weiß, hilft man der radelnden Zunft nicht weiter.


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