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Saisonbilanz Intel-Action 2006

von Steamboat, Januar 2007

© Fotos: * www.capture-the-peloton.com, ** www.cycling-pics.com




"Polen ist Radsport-Niemandsland" - Wer das heutzutage behauptet, muss sich mit Recht den Vorwurf gefallen lassen, nicht ganz auf dem aktuellen Stand im Peloton zu sein. Seit dem Fall des eisernen Vorhangs hat sich Polen auch ins marktwirtschaftliche System des Radsports eingegliedert. Es reicht zwar derzeit nicht, einen Pro Tour (PT) Rennstall zu finanzieren und zu unterhalten, aber für die Ausstattung einer Professional Equipe reichten die Bemühungen und werden auch künftig ausreichen.

 

Diese hat auch ein relativ ungefährdetes Standing und kann sich ihres Fortbestands weitestgehend sicher sein - gehört doch die Polen-Rundfahrt zum PT-Kalender, weshalb dieser Rennstall, der sich Intel-Action nennt, am Saisonende auf seinen Jahreshöhepunkt vorbereiten kann. Für andere Professional Teams mag diese Rundfahrt wenig attraktiv sein, für Intel-Action garantiert sie eine sichere Teilnahme und Präsentationsmöglichkeit.



Zum Standort Polen wäre noch hinzuzufügen, dass es weitere Mannschaften gibt, die mit einigen Ergebnissen positiv aufgefallen sind. Die Equipe Intel-Action aber steht diesen Truppen (z.B. DHL-Author, CCC-Polsat) als Branchenführer vor. Anders als in Österreich kann diese Equipe das im Lande vorhandene Talent in einem Team vereinen, wenngleich einige Polen (Sylvester Szmyd (Lampre), Piotr Mazur (Saunier Duval), Dariusz Baranowski (Liberty Seguros, Astana)) in ausländischen PT Teams ihre wertvolle Arbeitskraft in der Saison 2006 angeboten haben.Weitere Landsleute haben sich bei anderen Professional-Mannschaften wie Miche oder Ceramica Flaminia verdingt, weshalb natürlich nicht alle Kräfte sich auf Intel-Action vereinen. Dennoch bedeutete diese im Lande exponierte Stellung, dass der Rennstall den anderen polnischen Formationen von der Papierform her überlegen sein sollte. Aber das kann auch trügerisch sein, wenn man nur die theoretische Überlegenheit analysiert.





* Dienstbesprechung bei der Coppa Agostini

Die Auswahl an einheimischen Fahrern, kombiniert mit ukrainischen Farbtupfern, kann sich sehen lassen, so dass man von der Equipe 2006 einiges erwarten konnte. So dachte man zumindest als Kenner des Sports. Mit den Namen Marek Rutkiewicz (ex-Cofidis), Tomasz Brozyna (ex-Banesto), Cezary Zamana (ex Chocolade Jacques, ex-CCC-Polsat), Bogdan Bondariew, Jaroslaw Zarebski (beide ex CCC-Polsat) oder auch Bartosz Huzarski verbindet der kundige Radsport-Fan einige Erfolge oder vorzeigbare Ergebnisse – der Vergangenheit. Von Dopingmissbrauch bei einigen Akteuren ganz zu schweigen.



Von daher war die Erwartungshaltung nicht gerade gering als die Saison begann. Als Highlight galt wie erwähnt die Polen-Rundfahrt, bei der Rutkiewicz im Vorjahr den achten Rang belegte. Sie sollte jedoch auch die einzige Teilnahme an einem PT-Ereignis darstellen. Anhand dieser Tatsache wäre die UCI gut beraten, das Reglement hinsichtlich der Wildcardvergabe zu überdenken und zu modifizieren. Wenn Professional Teams grundsätzlich die Möglichkeit einräumt werden soll, an PT-Wettbewerben teilzunehmen, dann sollte es nicht nur bei der theoretischen Chance bleiben. Welche Motivation sollten ansonsten Rennställe aus Ländern wie Polen haben, sich um die Lizenz als Professional Team zu bemühen, wenn man kaum an PT Rennen starten kann? Durch eine restriktive Festlegung auf mindestens zwei Wildcards je PT Rundfahrt und auf fünf Tickets für Klassiker bekämen Teams wie Intel-Action vielleicht öfter in Genuss einer Teilnahme.

 

Allerdings - und das ist ein Argument für die Organisatoren von PT-Rennen, Intel-Action nicht einzuladen - geizten die Fahrer während des Jahres mit exzellenten Resultaten. Daher machte sich Skepsis breit, ob die Mannen bei der Polen-Tour, den PT-Teams Paroli bieten könne.



Pro Tour



* Nachdenklich? Rutkiewicz bei der Coppa Agostini

Rutkiewicz wurde wie im Vorjahr der Protagonist des Teams bei der Rundfahrt. Der ehemalige GS I-Fahrer blieb bei den beiden entscheidenden Etappen hartnäckig an der Spitze dran und verfehlte einmal nur knapp ein Tagespodium, als er den fünften Rang erreichte. Im Klassement belegte er zeitgleich mit dem Dritten der Rundfahrt, Alessandro Ballan, den vierten Platz. Kein anderes Professional Team konnte einen seiner Akteure besser im Klassement platzieren. Dreißig Zähler hätte er für diese Leistung bekommen. Etappenpodestplätze schaffte er jedoch nicht, obwohl er insgesamt drei Mal unter die Tages-Top-Ten fuhr.



Auch Denis Kostyuk enttäuschte keineswegs. Er wurde immerhin 22. in der Abschlusswertung. Sein Stallgefährte Huzarski sicherte sich das Bergtrikot der Rundfahrt, obwohl er bei der letzten Etappe schwer stürzte und ins Ziel "geschleppt" wurde . Diese Ausbeute kann sich sehen lassen. Zumindest machte das Team Werbung in eigener Sache. Komplettiert wurde die Delegation durch Zamana, Zarebski, Marcin Osinski (übrigens Gewinner der Sonderwertung "aktivster Fahrer"), Marius Witecki und Bondariew.



Outside Pro Tour



** Brozyna mit Weitblick?

Intel Action fiel im Frühjahr dadurch auf, dass der Rennstall fast nirgends für Aufsehen sorgte. Dieser Eindruck darf sich in der Zukunft, will man nicht auf der Entwicklungsstufe Randerscheinung verharren, nicht wiederholen.

 

Bei der Szlakiem Grodow Piastowskich (2.1) hatte man gegenüber der inländischen Konkurrenz das Nachsehen. Der gestandene Profi Zarebski errang bei der dritten Etappe den zweiten Rang, während sich zuvor Huzarski (als Vierter) und Bondariew (als Fünfter) beim Zeitfahren akzeptabel platzierten. Huzarski wurde schließlich Fünfter der Rundfahrt.

 

Erst Anfang Juni bei der Tour de Luxemburg (2.HC) konnte ein weiteres erwähnenswertes Ergebnis eingefahren werden. Brozyna schloss sich auf der dritten Etappe einer siebenköpfigen Spitzentruppe an, die zum Quartett schmolz. Letztlich erreichte er den vierten Platz. Dieses Resultat sollte dann Grundlage für seine Endplatzierung im Klassement werden. Dort strich er einen zweiten Platz ein, was für das Team nach einer langen Durstrecke gleichsam Lichtblick und Hoffnungsschimmer für die Restsaison darstellte.





** Lukasz Bodnar bei der Tour de Neuss

Lukasz Bodnar setzte sich bei der Rundfahrt Course de la Solidarité Olympique (2.1) in Szene. Er sorgte für ein akzeptables Ergebnis, da er im Klassement den dritten Rang belegte.

 

Intel-Action ging bei einer Rundfahrt in China, der Tour of Qinghai Lake (2.HC) an den Start. Bei der dritten Etappe bildete sich kurz vor dem Ziel eine Kopfgruppe, aus der Kostyuk den Tagessieg für sein Team sicherte. Es war der erste Saisonsieg, wenn man von den .2 Rennen absieht, die 5. Etappe der Baltyk-Karkonosze Rundfahrt (2.2) beendete Kostyuk auch als Erster.

 

Der Ukrainer Bondariew sorgte dann für zwei weitere Siege in China. Die Zuschauer der sechsten Etappe sahen ihn als Gewinner, als er als Solist ins Ziel kam. Aber er setzte sich auch beim letzten Durchgang durch, während seine Teamkollegen Kostyuk und Dariusz Rudnicki als Tagesvierter und –fünfte den Abschluss abrundeten. Ein vorderer Platz im Klassement blieb aber trotz der Etappenerfolge und einer veritablen Delegation aus. Rudnicki erreichte überdies bei der Post Danmark Rundt (2.HC) einen fünften Tagesrang nach der vierten Etappe.



Rutkiewicz ließ sein Können bei der Sachsen-Tour (2.1) aufblitzen. Bei der dritten Etappe wäre ihm fast der große Wurf gelungen, aber Andy Schleck war noch etwas schneller und somit begnügte sich der Pole mit dem zweiten Tagesrang. Die letzte Etappe beendete er zumindest auf dem vierten Platz. Fünfter wurde er beim GP Stad Zottegem – Dr. Tristaert Prijs (1.1), als er bei einem Sprint u.a. den Kürzeren gegenüber Rene Obst (Milram continental) zog, damit glückte ihm auch das beste Resultat für seine Equipe bei einem Eitagesrennen.

 

Bei der zweiten Etappe der Drei-Länder-Tour (2.1) langte es für einen Fahrer des Teams zu einem vierten Rang. Sebastian Skiba mischte im Finale dieses Abschnitts mit, aber den Sieg und die Plätze auf dem Podium überließ er anderen.






* EZF in Hessen: Bodnar...



... und Miara 'on the road'



Nationale Meisterschaften



** Team mit Landesmeister

Bodnar erreichte - unter etwas fragwürdigen Begleitumständen - bei den polnischen Titelkämpfen im Zeitfahren den zweiten Platz. Bei einer Strecke von 45 km konnte er den Meister Mazur nicht gefährden, auf den Bodnar fast zwei Minuten verlor. Mariusz Witecki machte es besser. Er siegte bei den Straßenmeisterschaften, als er sich einen kleinen Vorsprung erarbeitet hatte. Damit konnte zumindest das Trikot des Meisters vor den PT Radrennfahrer sichergestellt werden.



Zwischen die Speichen gesehen...



* Huzarski

Reichhaltig – das ist etwas anders, so lässt sich die Saison von Intel-Action nicht zusammenfassen. Charakterisierender wäre die Bezeichnung "akzentuiert". Drei Saisonsiege, erzielt bei Etappenankünften, werden von einigen vorderen Platzierungen in Gesamtklassements ergänzt. Den seltenen Teilnahmen an Eintagesrennen entspricht die dürftige Ausbeute von einem fünften Rang als bestes Resultat in diesem Segment.

 

Nicht in der Ferne, sondern zumeist in Polen gab es gute Leistungen der Akteure zu bestaunen. Die Siege jedoch wurden alle in China eingefahren, dieser Umstand kreiert die Diktion "polnische Verhältnisse" neu.

 

In der Heimat ist es der Equipe nicht vollends gelungen, ihre Vormachtstellung zu untermauern und zu beweisen. Hinter den Continental Teams "Knauf" (als 12.) und "DHL-Author" (als 24.) belegte Intel Action in der Mannschaftswertung als drittes polnisches Team den 35. Rang. Da lässt sich kaum von einer befriedigenden Saison sprechen.





* Miara am Start der Drei-Länder-Tour

In der UCI Europe schnitt Witecki – unbestritten ein Fahrer mit Zukunft – als bester Akteur auf dem 125. Rang ab, ihm folgen die zwei Altmeister Brozyna (229.) und Rutkiewicz (248.). In der UCI Asia profitierte Bondariew von seinen Erfolgen in China und landete auf dem 46. Rang. Kostyuk belegte den 74. Platz und Rudnicki wurde 150.

 

Bezieht man das Abschneiden bei der Polen-Rundfahrt in die Gesamtbeurteilung ein, dann muss Rutkiewicz – ungeachtet seiner persönlichen Vergangenheit – zum besten Teamfahrer gekürt werden (siehe Top Acht). Diese Tour wies nach, dass Intel-Action partiell auf der großen Bühne mithalten kann. Jedoch fallen die vielen Durststrecken und Misserfolge in der Nachbetrachtung ziemlich negativ auf.



Top Acht



** "Der mit dem Biber tanzt" - Bodnar ganz unpraktikerlich in Neuss

Rutkiewicz – Witecki – Bondariew – Brozyna – Huzarski – Kostyuk – Bodnar – Zarebski

 

Rutkiewicz: Bei der Polen-Tour war gut dabei und hat nur knapp den Sprung auf das Podest verfehlt. Er stibitzte 30 PT-Zähler, kein anderer Fahrer eines Professionals hat mehr Punkte aus der Rennserie bekommen.

Witecki: Er wurde polnischer Meister bei den Straßenmeisterschaften.

Bondariew: Er holte zwei Etappen in China und war damit der Fahrer mit den meisten Siegen im Team

Brozyna: Der Routinier landete auf einem beachtlichen zweiten Platz der Luxemburg- Rundfahrt

Huzarski: Er setzte sich bei der Polen-Rundfahrt in einer Sonderwertung durch

Kostyuk: Immerhin 22. bei der Polen-Rundfahrt, zudem schaffte er einen der wenigen Saisonsiege.

Bodnar: Er sorge bei einer Rundfahrt für einen Podestplatz, zudem wurde er Zweiter bei den Landesmeisterschaften im Einzelzeitfahren

Zarebski: Er fiel durch einen Podestplatz im Frühjahr auf.



Ausblick



** Karriereende bei Saisonende: Zamana

In Polen gilt als erstes Ziel, sich die Pole Position zurück zu holen. Dafür muss man sich nicht auf dem Transfermarkt übermäßig verstärken, das sollte eigentlich auch mit den vorhandenen Kräften gelingen. 2006 kann diesbezüglich das Abschneiden nicht als voller Erfolg gewertet werden, da andere inländische Teams Intel-Action nicht nur die Stirn boten, sondern diese bisweilen die Equipe, die von Piotr Kosmala gemanagt und von Sportdirektor Zbigniew Piatek auf die Rennen eingestellt wird, abhängten.



Allerdings wird die Equipe durch die Abgänge von Witecki, der zu Vorarlberg wechselte, sowie die Karriereaufgaben von Brozyna und Zamana substanziell geschwächt. Dieser Verlust wurde durch die Verpflichtungen von Piotr Chmielewski, der vom Konkurrenten CCC-Polsat abgeworben wurde, Blazej Janiaczyk, der zuvor für 3 C Casalinghi – Androni Giocattoli fuhr, und Robert Radosz (DHL Author) einigermaßen kompensiert.

 

Die Polen-Rundfahrt steht wieder im Kalender des Teams. Die sichere Teilnahme kann aber nicht verhindern, dass vielfach immer noch angenommen wird, dass man in Polen nicht gut Rad fährt.


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