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le coq sportif: Lieben Sie Radsport?

 

Prolog: 10. Dezember 2006 Kevlar soul

 

Am 10.12.2006 stehe ich in einer Bahnhofsbuchhandlung und blättere in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Procycling. Ich überfliege den Inhalt und entdecke einen Bericht über Fabian Cancellara, der mit seinen Teamkollegen die Strecke von Paris-Roubaix erkundet und auf den sommerlich mit Gras überwachsenen Pflastersteinen Material für die nächste Ausgabe des Rennens und das Projekt Titelverteidigung testet. Normalerweise genügen die Stichwörter "Fabian Cancellara", "Paris-Roubaix" und "CSC", um meinen Puls auf Grundlagenbereich zu beschleunigen. Nun aber blättere ich nur müde auf Seite 70, überfliege die Photos, bleibe einen Moment an der Detailaufnahme eines Reifens hängen, auf dem in Neonfarben das Wort "Kevlar" aufgedruckt ist, und muß kurz über meine Assoziation lächeln. Ich stecke die Zeitschrift zurück an ihren Platz und überlege ernsthaft, mal wieder eine Musikzeitschrift zu kaufen.

 

I have time on my side

Making diamonds of coal

You put a hole through my kevlar soul

and my heart slowly dies

It gets lonely and cold

You put a hole through my kevlar soul

 

(kent, "Kevlar Soul")

 

 

1. Etappe: 17. Juli. 2004, Lannemezan-Plateau de Beille. Endlich Tour de France gucken

 

Ein wenig traurig sitze ich im Juli 2004 in meinem Schottland-Weltmeister-T-Shirt (in keinem Anfall von Größenwahn zu Beginn der WM 98 im Newcastle United-Supporter Shop erstanden) am Hilfskräfterechner der Skandinavistischen Abteilung und begrüße meinen Professor. Griechenland ist Europameister (Griechenland!), die EM ist vorbei, und das echte Leben beginnt wieder. Seufz. "Und, sind wir zufrieden?" "Hmnja, kann man mit leben, aber trotzdem schade, daß es vorbei ist" "Ach Quatsch, jetzt können wir endlich Tour de France gucken."

 

Tour de France? Stimmt, das ist dieses unmenschliche Radrennen, von dem mir meine Schwägerin immer erzählt. Ullrich und so. Unzählige Kilometer in gleißender Sonne, und am Ende gewinnt dieser Amerikaner, bei dem mir immer das Wort "devil incarnate" einfällt. Sie will mir auch immer erzählen, daß das ein Mannschaftssport sei. Aber es gewinnt doch immer nur einer?!

 

Für ein paar Tage vergesse ich die Sache. Sie taucht wieder auf, als irgendein Norweger in Quimper gewinnt, einer Stadt, die ich zufällig sehr gut kenne. Zuvor hält jemand im Norwegisch-Kurs bei oben erwähntem Professor ein Referat über Thor Hushovd, den ersten Norweger im Gelben Trikot. Ah, wird wohl derselbe sein. Irgendwann kann ich dem ganzen also nicht mehr ausweichen, und ich beschließe, mir mal eine Etappe anzusehen.

 

Es ist eine Bergetappe (den Begriff hatte ich auch schon mal gehört, die sollen sehr wichtig sein), und es gibt eine Ausreißergruppe. Was das wohl sein mag? Nun gut, da fahren zwei vorne weg: Ein Däne und ein Deutscher, der bei einem dänischen Team fährt. Na, der Sport gefällt mir!

 

Diese Etappe nach Plateau de Beille, die Armstrong knapp vor Ivan Basso gewinnt, und bei der zuvor Jens Voigt und Michael Rasmussen lange Zeit vorne als Ausreißer fuhren, ist das erste Radrennen, das ich bewußt verfolge. Ich habe keine Ahnung, was ein Ausreißversuch ist, und ob es sinnvoll ist, so etwas zu veranstalten oder purer Irrsinn. Aber ich bin mitgerissen vom Kampfgeist dieser beiden Sportler.

 

Es dauert nicht lange, und es hat mich voll erwischt. Zunächst will ich es noch nicht zugeben, aber bereits vor Ende der Tour 2004 bin ich CSC-Fan, und das nicht nur, weil es zufällig das einzige skandinavische GSI-Team ist (bald wird es ProTour heißen, lerne ich), sondern in erster Linie wegen Jens Voigt. Mag vielleicht auch daran liegen, daß seine Nase mich sehr an meinen Bruder erinnert, aber vor allem begeistert mich seine offene und gerade Art in Interviews. Und wer einmal Fan war, weiß, daß man sich das ohnehin nicht aussuchen kann.

 

Bald auch wird diese ewige Frage, die unabtrennbar am Radsport klebt, für mich aktuell: Wie hältst du's mit dem Doping? Bereits, als mich Radsport noch kalt ließ, versicherte mir jeder, der sich halbwegs dafür interessierte, daß "die alle dopen", und das schien auch mir leider schwer wahrscheinlich. Und nun war ich also trotzdem Radsportfan geworden, ich hatte es mir nicht ausgesucht. Und lange konnte ich auch gut damit leben, Radsportfan zu sein , CSC-Fan zu sein und trotzdem nicht an die sogenannte Unschuld meiner Helden zu glauben. Da die Verhältnisse so waren, konnte ich es keinem Spitzensportler vorwerfen, schon gar nicht moralisch, wenn er das Spiel mitmachte. Toll fand ich es nicht, but it was part of the game.

 

Viele Dinge haben mich an CSC fasziniert und begeistert: Die Organisation, der Perfektionismus, der Teamgeist und die Philosophie. Daß es für viele nur das Team war, das am besten dopen kann, war mir egal, da ich nicht darin den entscheidenden Unterschied sah. Als ich am 9. 4. 2006 das Rennen Paris-Roubaix verfolge, klebe ich mit jeder Minute mehr am Bildschirm fest, fasziniert vom Rennen, von der taktischen Meisterleistung Cancellaras und seines Teams, und vor allem von seiner unglaublichen Stärke. Dieser Sieg erwischt mich zu einer Zeit, da mein Leben gerade mit erschreckendem Tempo in seine Einzelteile zerfällt. Und plötzlich gewinnt jemand, dem ich dem Sieg zwar gewünscht und zugetraut habe, aber von dem ich es nicht zwangsläufig erwartet habe, in unglaublicher Manier. Obwohl der Sieg überhaupt nichts mit mir zu tun hat, berührt er mich auf erstaunliche Weise, und er gibt mir Kraft. Mit einem Mal glaube ich daran, daß man alles schaffen kann, wenn man den Willen dazu hat.

 

Daß der Sieg womöglich nicht am Willen alleine liegt, und daß meine Rechnung "wenn alle die gleichen medizinischen Voraussetzungen haben, gewinnt der mental Stärkste" nicht ganz aufgeht, wird mir im Laufe des Jahres schleichend klar. Denn natürlich kann die entsprechende medizinische Versorgung auch eine ganz andere Art von Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten geben. Als ich einen Text über einen Preis für saubere Radfahrer lese, wird mir plötzlich klar, wie schön es sein muß, Fan von einem Team zu sein, von dem man sicher sein kann, das es nicht dopt. Gleichzeitig merke ich, daß mir meine Begeisterung abhanden gekommen ist, und an dieser Stelle nur noch Leere ist. Statt Leidenschaft für den Sport und "mein" Team empfinde ich leises Unwohlsein und einen dumpfen Schmerz, als wenn mir plötzlich klargeworden wäre, daß mein Mann mich betrügt. Oder schlimmer. Daß er mir nichts mehr bedeutet.

 

Kann man einem Sport, der Unmenschliches von seinen Ausübenden verlangt, vorwerfen, daß er ein Dopingproblem hat? Seit ich selber fahre, habe ich eine Ahnung davon, wieviel man durch Training erreichen kann, daß man in erstaunlicher Weise über sich selbst hinauswachsen kann, und wie sehr sich die Grenzen verschieben. Übertrage ich meine kläglichen Erfahrungen auf einen jungen und vor allem talentierten Mann, halte ich einiges für möglich. Aber eine Tour de France mit diesem Durchschnittstempo und diesen Höhenmetern bei diesen Temperaturen? Mit Training, denke ich, ist es gerade mal möglich, die Tour mitzufahren, so wie sie jetzt ist. Will man nur halbwegs erfolgreich sein oder auch nur seinem Team den erwarteten Dienst erweisen, braucht es wohl mehr. Nichts anders ist es bei den Eintagesrennen, die mit entsprechender Härte gefahren werden.

 

Im Lichte dieser Erkenntnis wird mir übel, wenn ich die scheinheiligen Versuche sehe, einen "sauberen" Sport zu schaffen. Denn keiner gibt zu, daß der Sport im Kern verändert werden muß, daß die Schafe, die jetzt erwischt wurden, keine schwarzen sind, sondern höchstens graue unter einer Masse von anderen grauen. Dem einzelnen Fahrer kann ich es immer noch als letztes vorwerfen, wenn er Teil der Maschinerie ist, den Teams schon eher, aber am meisten ärgert mich die Entscheidung, die Tour nach dem 30. Juni trotzdem stattfinden zu lassen, und sie zu übertragen. Natürlich habe ich sie mir auch angesehen. Aber auch aus der leisen Hoffnung heraus, daß doch noch ein großer Knall kommt. Auf ihn warte ich immer noch.

 

 

Schlußetappe: 26. 12. 2006 Wer verliebt ist, hat keine Wahl

 

Ich wurde in einer Zeit Radsportfan, in der viele alteingesessene Fans dabei sind, sich von ihrem Sport abzuwenden. Zu technisiert, zu kommerzialisiert und zu medizinalisiert ist er geworden. Die Zeiten, in denen die Rennen ohne Funk gefahren wurden, habe ich gar nicht miterlebt, und ich habe nie jemand anderen als Lance Armstrong wirklich die Tour gewinnen sehen. Legenden wie Indurain, Pantani und Museeuw kenne ich nur aus Büchern und Filmausschnitten, obwohl sie in meiner Zeit fuhren. Trotzdem hat mich dieser Sport erwischt. Ist Radsport der schönste Sport? Ich weiß es nicht. Ich liebe Sport generell, weil er eine Metapher auf das Leben ist. Die Niederlagen, den Kampf, den Schmerz, die Siege, die Euphorie und die Gefühle. Den Kampf des Einzelnen und den Sieg des Teams. Für das, was uns zu Menschen macht und für das, was uns über uns selbst hinauswachsen läßt.

 

Mehr als alle anderen Sportarten symbolisiert der Radsport für mich all dies, die Essenz des Menschseins. Und genau deshalb wird dieser Sport nie sauber werden; aber er wird auch immer eines der schönsten Dinge auf der Welt bleiben.


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