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Landbouwkrediet-Colnago 2006

von Steamboat, Januar 2007

© Fotos: Mani Wollner




Die besten Zeiten sind für den Radrennstall Landbouwkrediet-Colnago vermutlich unwiederbringlich vorüber. Der dritte Platz von Yaroslav Popovych im Klassement des Giro 2003 ist nur noch schöne Reminiszenz an vergangene Zeiten, aber allmählich verblasst die Erinnerung. Der Ukrainer fährt unlängst für einen anderen Arbeitgeber. Und bevor Landbouwkrediet-Colnago mit einer Einladung zum Giro versehen würde, müssten die Unmengen an italienischen Professional Teams kollektiv den Start beim Jahreshöhepunkt der Italiener ablehnen. Selbst dann würde es als fraglich gelten, ob eine Einladung ausgerechnet an das belgische Team ausgesprochen werden würde. Mit dem Entstehen der PT sind die Ansprüche und Ziele der beschäftigten Fahrer und Funktionäre kleiner geworden.



Neben Popovych verabschiedeten sich auch viele osteuropäische Fahrer unlängst vom Rennstall, die zuvor noch das Bild prägten. Auch die Fraktion an italienischen Akteuren, zu denen z.B. Lorenzo Bernucci zählte, hat sich anderen Gruppierungen angeschlossen. Mittlerweile gehören dem belgischen Team fast nur noch einheimische Fahrer an. An glorreiche Zeiten erinnert praktisch nur noch Nico Sijmens, der ein Überbleibsel ist und den Absprung wohl verpasste. Das aufstrebende Talent am belgischen Firmament, Maxime Monfort, kehrte nach der Saison 2005 der Equipe den Rücken und wechselte zu Cofidis.





Nico Sijmens bei der 4. Etappe der STER Elektrotoer

Die Ziele sind deutlich bescheidener geworden. Die Teilnahme an der PT-Rennserie wurde mangels Perspektiven in personeller Hinsicht erst gar nicht in Erwägung gezogen. Finanziell wäre sie vermutlich ohnehin ein Fiasko geworden. Deswegen freut man sich, wenn man mit Wildcards bedacht wird. Der Ruf vom Giro blieb aus, aber bei einigen Klassikern durfte Landbouwkrediet-Colnago an den Start gehen. Kein Organisator einer PT-Rundfahrt konnte sich jedoch zu einer Einladung durchringen.



Unter dem Strich gesehen, sollte man auch erkennen, dass es kaum einen Verlust bedeutete, wenn man das Team nicht berücksichtigte. Ein Blick auf die Ergebnislisten der Klassiker reicht, um sich von den spärlichen Qualitäten der Fahrer zu überzeugen. Gerade mal ein Saisonsieg – sieht man vom Erfolg beim GP Rudy Dhaenens ab - gelang. Daran lässt sich ablesen, dass 2006 nicht zu den besten Jahren der Teamgeschichte zählte. Manager Gerard Bulens sowie Sportdirektor Jef de Bilde haben in den nächsten Jahren also noch eine Menge Arbeit vor sich, damit der Rennstall Landbouwkrediet nicht in Vergessenheit gerät, und der Sponsor sein Engagement für rentabel ansieht.



Pro Tour



Die Teamfarben beim Amstel Gold Race

Landbouwkrediet-Colnago erhielt Einladungen für diverse Frühjahresklassiker in Belgien, aber auch außerhalb von Flandern und Wallonien. Praktisch selbstverständlich wurden die Free Tickets für die Ronde van Vlaanderen, Gent-Wevelgem, Paris-Roubaix, das Amstel Gold Race, Fleche Wallone und Lüttich-Bastogne-Lüttich dem Rennstall zugestellt. Aber erst bei einem Klassiker im Herbst ließ ein Teammitglied mit einer guten Leistung aufhorchen. Die restlichen Teilnahmen endeten meist im hinteren Feld oder im Mittelmaß.



Bei den Klassikern auf den Kopfsteinpflastern blieb nur die Statistenrolle. Bei Gent-Wevelgem erreichte keiner der gestarteten Fahrer das Ziel. Das war der Negativrekord der Teilnahmen. Die anderen Resultate müssen als dürftig bezeichnet werden. Sven Renders wurde in Flandern 62. und hatte auf den Sieger mehr als 15 Minuten Rückstand. Auch Sjef de Wilde gestaltete den Abstecher in die 'Hölle des Nordens' nicht besser. Er überfuhr als 83. mit 19.20 Minuten Rückstand auf Fabian Cancellara die Ziellinie im Velodrom zu Roubaix.






Sjef de Wilde...



... bei Paris - Roubaix



In den Ardennen blieben die Fahrer dem Prinzip der Erfolglosigkeit treu. Renders wurde 95. beim Amstel Gold Race. Bert de Waele erreichte den 48. Rang beim Wallonischen Pfeil, was so gesehen schon das beste Ergebnis eines LBK-Fahrers im Frühjahr war. Dieses Niveau konnte er bei Lüttich-Bastogne-Lüttich nicht halten, sondern beendete dieses Rennen auf den 78. Rang.

 

Fréderic Amorison schaffte jedoch mit dem 15. Rang beim Herbstklassiker Paris-Tours einen versöhnlichen Ausklang einer ansonsten mageren PT-Saison, die keinerlei Zähler für einen der Akteure einbrachte.



Outside ProTour



Nico Sijmens

Am Jahresanfang rechnete man im Management vermutlich nicht mit großer Beute. Große Triumphe waren nicht sehr wahrscheinlich. Wenn es bei einem prestigeträchtigen Rennen in den Benelux-Staaten zu einer Sprintentscheidung kam, hatte Landbouwkrediet kaum Optionen, um gegen Tom Boonen, Robbie McEwen oder Gert Steegmans siegreich zu bestehen. Die Tatsache, dass aber nur ein Saisonsieg realisiert werden konnte, dürfte auch die pessimistischsten und selbstkritischsten Erwartungen unterboten haben.



Den feierte genannter Sijmens. Er setzte sich mit einigen weiteren Fahrern bei der dritten Etappe der Tour de la Région Wallone (2.HC) vom Peloton ab und ließ im Finale den Mitstreitern keine Chance. Damit feierte das Team im Juli den einzigen Saisonsieg. Sijmens übernahm damit auch die Führung in der Gesamtwertung, die er aber nicht verteidigen konnte. Fabrizio Guidi fing ihn noch ab, so dass Sijmens aber immer noch das beste Ergebnis aller Fahrer der Equipe bei Rundfahrten als Zweiter gelang.





Beim Omloop läuft's rund: Bert de Waele

Zuvor probierten sich natürlich andere Kontrahenten am Unternehmen Sieg aus. Der Erfolg war ihnen aber nicht immer hold. De Waele setzte in der Saison einen ersten herausragenden Akzent. Beim Frühjahrshalbklassiker Omloop Het Volk (1.HC) errang er den zweiten Platz und düpierte damit namhafte Konkurrenz. Er konnte sich kurz vor dem Ziel aus einem Verfolgerquartett absetzen, das den enteilten Philippe Gilbert noch rechtzeitig stellen wollte. Dieses Vorhaben misslang, aber für sein Resultat braucht er sich bei diesem hochkarätigen Wettbewerb nicht zu schämen. Omloop Het Volk genießt eine Ausnahmestellung in der Wertschätzung der flämischen Rennen. Eine derart starke Platzierung bei namhafter Konkurrenz kann sich sehen lassen.





Gregory Habeaux beim Omloop Het Volk

Seinem britischen Teamkollegen Steven Cummings gelang bei der Trofeo Laigueglia (1.1) der zweite Platz und er erreichte ferner den dritten Platz bei einer Etappe des Etoile des Bessèges (2.1). Dessen Landsmann Paul Mannings zeigte sich von seiner guten Seite beim Heimspiel, der Tour Of Britain (2.1). Die vierte Etappe endete für ihn mit einem dritten Etappenplatz.



Bei der Tour de Belgique (2.1) meldete Sijmens mal wieder seine Ansprüche an. Zu einem Tagessieg reichte es nicht, aber einen zweiten Etappenplatz realisierte er. Dennoch sollte man gerade von ihm eigentlich etwas mehr erwarten können.





Kevin Neyrinck bei Dwars Door Vlaanderen

Amorison kam in Deutschland bei der TEAG Hainleite Erfurt (1.1) auf einen guten dritten Platz. Zwar konnte er dem Gewinner Jens Voigt nichts entgegensetzen und auch Robert Retschke erwies sich an dem Tag als zu stark, aber dennoch braucht er sich über sein Resultat nicht zu ärgern. Er verfehlte mehrfach in der Saison nur knapp Platzierungen unter den ersten Dreien.



Bei der dritten Etappe der Circuit Franco-Belge (2.1) schloss sich Kevin Neyrinck einer Ausreißergruppe, die aus vier Fahrern bestand, an. Sein Mut wurde mit dem dritten Platz belohnt, als er im Finish jedoch den Routiniers Nico Eeckhout und Jan Kirsipuu unterlegen war.





Hel van het Mergelland

Im Herbst stand der Münsterland-Giro (1.1) auf dem Programm. De Wilde machte sich keine Hoffnungen mehr, dass er mit dem Sieg bei diesem Rennen etwas zu tun haben würde, weil sich eine Gruppe abgesetzt hatte und nur noch 12 km bis zum Ziel hatte. Aber ein Streckenposten sorgte für Verwirrung. Rennentscheidend war sein Eingriff, als er den Fahrern den falschen Weg wies. Dadurch kamen nun andere Fahrer in den Genuss, um den Tageserfolg zu streiten. De Wilde wurde Zweiter.



Andy Cappelle erreichte beim Sluitingsprijs Putte-Kapelle (1.1) das Podium. Er konnte seine Gegner bei diesem Rennen nicht mehr entgegensetzen, so dass er beim entscheidenden Sprint eines Trios nur dritter Sieger wurde.

 

Filip Meirhaeghe schließlich blieb es vorbehalten, einen weiteren Sieg zu feiern. Den GP Rudy Dhaenens, das nicht mehr zum UCI-Rennkalender zählt, gewann er nach einem Sprint aus einem Quartett heraus, das sich vom Peloton abgesetzt hatte. Er profitierte vom taktischen Fehler von Aart Vierhouten, um diesen Erfolg zu sichern. Neyrinck stand Pate, da er Vierter wurde und Meirhaeghe unterstützte.



Zwischen die Speichen gesehen...

Vermutlich reichlich verkatert mussten Bulens und De Bilde nach der Saison Resümee ziehen. Hinter Quick Step, Davitamon-Lotto sowie Unibet und Chocolade Jacques konnte man sich nur als fünfte Kraft in der Heimat etablieren. Dass die erwähnte Konkurrenz überlegen sein würde, damit musste man rechnen, aber die Distanz zu jenen ist mitunter schon recht enorm. Das vermittelt der 14. Rang in der UCI-Mannschaftswertung nur teilweise. Diese Platzierung muss gar nicht mal als schlecht angesehen und bewertet werden, aber es enttäuscht, dass nur ein Sieg erzielt wurde.






Sven Renders in Bergtrikot...



... und Interview bei der Ster Elektrotoer



Sieben Podestplatzierungen (drei zweite und vier dritte Ränge) bei Eintagesrennen trösten nicht darüber hinweg, dass eben kein Siegerkranz den Weg zu Landbouwkrediet-Colnago fand. Bei den Rundfahrten gab es nur ein Podestergebnis, und vier weitere Treppchenplätze bei den Etappen ergeben kein berauschendes Bild. Als Werbung für einen künftigen Start bei der ENECO Tour Benelux kann dieses Abschneiden nicht bewertet werden. Zu selten konnte man den Lichtgestalten der Szene die Stirn bieten.



Dass man bei fast allen PT-Klassikern auf dermaßen verlorenem Posten stehen würde, damit konnte man nicht rechnen. Ob ein Top Ten Rang von vornherein illusorisch war, lässt sich im Rückblick nur schwerlich beantworten. Aber dass man schon froh sein musste, manchen Klassiker unter den ersten hundert zu beenden, kann man schlecht zum Erfolg schönreden.






Nico Sijmens von fern und nah...



... bei Brüssel - Kuurne - Brüssel



Dass drei Akteure jedoch in der UCI Europe unter den ersten hundert landeten, lässt die Tristesse etwas vergessen. Besonders de Waele als 13. wusste zu gefallen. Sijmens (54.) und Amorison (80.) folgen und brauchen sich nicht zu verstecken. Ein Platz in den Top Acht ist ihnen damit sicher. Das gilt für Gregory Habeaux nicht, der als bester seines Teams in der UCI Asia den 144. Rang belegte.



Top Acht



Blick von oben: STER Elektrotoer

Sijmens – de Waele – Amorison – Cummings – De Wilde – Capelle – Meirhaeghe – Neyrinck

 

Sijmens: Auf seine Kappe geht der Saisonsieg und ein guter zweiter Platz bei der Tour de la Region Wallone. Jetzt muss aber eigentlich mal ein Leistungssprung folgen, will Sijmens höhere Meriten einfahren – ins richtige Alter kommt er jetzt.

de Waele: Mit seinem zweiten Rang beim Omloop Het Volk schaffte er sein herausragendes Saisonergebnis. Der 13. Rang in der UCI Europe sagt aus, dass er eine Saison auf hohem Niveau gefahren ist.

Amorison: Im Konzert der Großen hielt er sich wacker – Platz 15 bei Paris-Tours, das war das beste Ergebnis bei den PT-Klassikern.

Cummings: Er fuhr furios bei der renommierten Trofeo Laigueglia. Aber auch ansonsten enttäuschte er nicht.

de Wilde: Ein zweiter Rang beim Münsterland-Giro, das kann er 2006 auf seine Visitenkarte schreiben.

Cappelle: Ein Sieg wollte ihm nicht glücken, auch wenn er beim Sluitingsprijs Putte-Kapelle in aussichtsreicher Position lag.

Meirhaeghe: Ein Sieg beim GP Rudy Dhaenens gelang ihm. In einem Jahr, in dem Landbouwkrediet-Fahrer meist nicht gewannen, ist das ein toller Erfolg.

Neyrinck: Seine Stunde schlug beim Circuit Franco-Belge. Die Ausbeute war aber noch nicht optimal.



Ausblick



Zufriedenstellend "präsentiert"?

Die Saison 2007 bringt nicht viele aber einige Veränderungen mit sich. Künftig wird Tönissteiner sich als Co-Sponsor betätigen und Colnago ablösen. Dann wird aber Cummings nicht mehr von der Partie sein. Der gute Bahnfahrer erlag den Lockrufen von Discovery Channel und wechselte zum Armstrong-Team. Die anderen Abgänge schwächen die Equipe vermutlich nur marginal. Renders geht zu Chocolade Jacques und Routinier Johan Verstrepen künftig zu Fuß, da er seine Karriere beendete.



Klangvolle Namen wurden nicht verpflichtet. Es galt eher das Augenmerk auf die Verpflichtung von Sportlern, die zur Mannschaft passen. Bert Scheirlinckx ist vermutlich dadurch bekannt, dass sein Bruder für Cofidis fährt. In guter Tradition wurde wieder ein Rennfahrer verpflichtet, der sich bei den Branchengrößen nicht etablieren konnte. Jan Kuyckx verpasste den Durchbruch bei Davitamon-Lotto. Das Beispiel Amorison aber zeigt, dass ein Rückschritt zu einer unterklassigen Equipe auch ein Fortschritt sein kann.





Mit Schwung in die neue Saison

Zwei Fahrer aus Frankreich sollen die Pforten für Veranstaltungen südlich der Staatsgrenzen öffnen. David Boucher und Frederic Gabriel heißen die beiden, die von Unibet abgeworben wurden. Damit Manning nicht der einzige Brite im Team ist, wurde der Neo Edward Clancy eingestellt. Die Mannschaft komplettiert ferner Wouter van Mechelen, der zuvor in Diensten bei Chocolade Jacques stand.

 

Sie sollen helfen, dass künftig wieder mehr Fahrer des Teams ausgelassen jubeln dürfen. Und reicht es nicht zu Siegen, so dürfte zumindest geplant sein, dass bei den Teilnahmen an PT-Rennen bessere Ergebnisse erzielt werden, bevor die Rennorganisatoren sich anderen Mannschaften zuwenden. Eine andere Mangelerscheinung besteht im schwachen Abschneiden bei den Klassements. Vielleicht kann da in der nächsten Saison einer der jüngeren Fahrer aufholen und der Teamleitung Alternativen in der Renngestaltung anbieten.

 

Es kann eigentlich nur besser werden…


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