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Rund um den Henninger Turm 2006

von ogkempf



Vor dem Rennen...

Sonntag, 1. Mai 2006, 5:02 Uhr, Frankfurt

Scheiße, ist es kalt hier! Ich sitze im Auto und beginne vor lauter Langeweile – und um meine Finger vor dem drohenden Kältetod durch Frosterschießung zu schützen – einfach mal den Bericht zum Henninger, der in sieben Stunden und 17 Minuten gestartet wird.

Es wird toll, das Wetter wird prima und gewonnen wird Fabian Wegmann haben.

 

Aber der Reihe nach. Ich sitze in einem beräderten Kühlschrank auf einem Campingplatz, grob geschätzte 1076 Kilometer von meinem kuscheligen Bett entfernt. Keine gute Sache das. Schon vorgestern habe ich mir sieben Stunden Zugfahrt gegeben, um das elterliche Domizil in Wolfsburg zu erreichen. Nach einer wohlverdienten Nachtruhe im brettharten Gästebett – liebe Kinder, überlegt euch zwei Mal zu Hause auszuziehen…sobald ihr weg seit, müsst ihr bei Besuchen in Gästezimmern schlafen und eure alten Kinderzimmer sehen wie altgriechische Tempel aus – habe ich nach dem ebenso wohlverdienten Mittagessen das Auto meiner Eltern gechartert und meinen Kumpel eingesammelt. Der faule Misthund liegt übrigens noch im Zelt und pennt.

 

Als wir gestern nach rund 210 Minuten Flugzeit – liebe Kinder, zieht nie in die Niederlande, dort dürft ihr auf Autobahnen nur gesteigertes Schritttempo fahren – kamen wir am Campingplatz in Frankfurt an. Weitere knapp 40 Sekunden später stand unser Iglu Zelt und noch einige Augenblicke später, hatten wir auch unser Eheluftbett aufgepumpt. Außerhalb des Zeltes. Das Riesending. Das eigentlich ins Zelt musste. Unser Versuch das Eheluftbett ungeölt in das kleine Iglu Zelt zu drücken muss ungefähr ausgesehen haben wie eine Hebamme, die das Neugeborene zurück in die Mutter pressen will. Im Gegensatz zu der durchschnittlichen Hebamme haben wir diese Aufgabe nach einer immensen Kraftanstrengung und vielen bitteren Tränen aber doch erfolgreich abgeschlossen, sodass wir statt neben tatsächlich im Zelt schlafen konnten.

 

Da die Campingausrüstung stand, haben wir das Auto erneut gesattelt um meiner Einladung bei blaho zum Usertreffen zu folgen. Meine Einladung hatten außerdem noch Cerebellum, Mrs.Flax, checker, donishäusle und Rakta angenommen. Auch blaho war übrigens anwesend. Er hatte wieder zahlreiche Tiere geschlachtet und Gerstenfelder geerntet, um das Henninger User Grillen, bei dem übrigens kein einziger User gegrillt wurde, Version 2.0 gelingen zu lassen. Zur Feier des Tages haben mein Kumpel und ich dann auch noch die gesamte, sowieso sehr vage, Tagesplanung für den Henninger durcheinander geworfen. Statt Start – Feldberg – Biltalhöhe – 2x irgendwas – Ziel hatten wir jetzt ein originales Start – Schulberg – Ruppertshainer – ca. 2x irgendwas – Ziel auf dem Schema stehen. Der Laie erkennt, dass dieser neue Plane viel besser, schöner und vor allem besser und schöner war. Ich bin schon ganz gespannt wie das Drama dann letztendlich in exakt sieben Stunden seinen lauf nehmen wird.

 

Als wir zurück zum Campingplatz kamen – es war so spät, dass es sogar schon dunkel war und regnete, wollten wir, nachdem wir noch kurz  George Michael gehört hatten, auch gleich zusammen ins Bett hüpfen und uns in unsere Schlafsäcke mümmeln. Dummerweise ist mein Schlafsack wegen eines schwerwiegenden Funktionsfehlers seit einem Jahr nur noch eine ziemlich hässliche Decke, so dass mümmeln für mich leider ausfiel. Zu allem Überfluss hatten wir das Eheluftbett verkehrt herum ins Zelt gepresst, so dass die untere, kalte Plastikseite für diese Nacht die Personenaufliegefläche sein würde. Und eine Kombination aus funktionsgestörtem Schlafsack, der kalten Plastikoberfläche des Eheluftbetts und grob geschätzten 12 Litern Blaseninhaltes veranlassten dann auch, dass ich meinen steif gefrorenen Astralkörper um 4:32 zuerst ins WC Haus und dann in den beräderten Kühlschrank trug. Und hier sitze ich nun, allein, durchgefroren und sechs Stunden und 53 Minuten vor dem Start des Rennens, welches mir alle diese Qualen angetan hat. Happy zehnjähriges Henningerjubiläum! Ich würde mir eine Kerze anzünden und sie auspusten, aber bei den Temperaturen hier brennt kein Feuer der Welt.

Eins weiß ich auf jeden Fall schon – nächstes Jahr komme ich wieder! Jetzt mache ich den Laptop aus und warte die restlichen zwei Stunden und 34 Minuten, bis der Wecker mir Gesellschaft erklingeln wird.

 



Der 1. Mai...

Mittwoch, 3. Mai 2006, 9:19 Uhr, Wolfsburg

So, die zehnte aufeinander folgende Version des Henningers ist verdaut. Ich habe den verloren gegangenen Schlaf einigermaßen nachgeholt. Eine Heidenarbeit, wenn es schon um 7:00 Uhr hell wird. Aber diese Arbeit nimmt man ja immer wieder gern auf sich. Vor allem an Tagen der Arbeit…an denen traditionsgemäß fast niemand arbeiten muss.

 

Sonntag waren wir überpünktlich um 9:30 am Start. Das war noch immer 110 Minuten vor dem Start – und das obwohl wir vom Camping in Hattersheim nach Sossenheim die äußerst touristische Route genommen hatten. Wir taten das nicht der Autobahnlandschaft oder unserer Wissbegierigkeit nach der Frankfurter Geografie wegen, nein, wir wussten es einfach nicht besser und kreisten den Henninger erst von allen Seiten ein, bevor wir uns ihm letztendlich wirklich näherten. Vorteile der frühen Ankunft sind übrigens zum Einen freie Parkplätze und zum Anderen, naja, eigentlich ist es nur die entspannte Parkplatzsituation, wenn man es realistisch einschätzt.

 

Zu fortgeschrittenerer Stunde kamen uns dann die Wiesenhofs entgegen, die zur Feier des Tages ihr roten U23 Bruzzler Trikots am Leibe hatten. Ich wollte gern ein Autogramm vom Deutschen Meister, aber obwohl ich ihn äußerst liebevoll mit meinem Megafon danach anbrüllte, fuhr er einfach grinsend weiter. So musste ich, trotz meines gesteigerten Alters und des weniger gesteigerten Trainingszustandes, ernsthaft wieder bergauf laufen, um den lieben Gerald am Teambus gleich noch mal zu nerven. Das hat er nun von seinen einsetzenden Starallüren…wer nicht hören will muss genervt werden.

 

Auch Heini Haussler wollte mir erst die Unterschrift verweigern. „Da hast du aber das falsche Trikot an!“ war seine relativ schlüssige Erklärung. Da aber Schumi daneben stand und bezeugen konnte, dass ich normalerweise cyan statt orange trage, hat sich Heini doch noch erweichen lassen. So kommt er haarscharf an einem Klassenbucheintrag und einem blauen Brief an seinen Hoffi vorbei.

 



Rentnergang am Schulberg...



Jens Mouris und Lubor Tesar - Spaß am Schulberg

Da wir beim Grillen den unseren Plan noch mal kräftig durcheinander gewirbelt hatten, mussten wir direkt nach dem Start nach Eppstein zum Schulberg statt zum Feldberg. Eine richtig touristische Route konnte wir uns zeitlich dieses Mal nicht erlauben. Und da wir unter Druck am besten arbeiten, fanden wir den Berg problemlos und schnell. Wir kamen zwar von der falschen Seite hin, aber das kann auch seine Vorteile haben. Zu unserer Überraschung hatten wir gar keine Probleme mit Polizei Spaßabsperrungen. Das ging sogar soweit, dass wir, als wir von oben auf der richtigen Seite nach unten fahren wollten, fast in ein Klappradrennen gerast wären. Nur eine Handvoll Zuschauer hat uns gebremst.

 

Der Entschluss den Schulberg für den Feldberg in unser Programm zu nehmen hat sich auf jeden Fall gelohnt. Die letzten 300 Meter können schon was und Dank Wegmann und Marcus Burghardt haben wir auch ein wenig Action erlebt. Action gab es auch am Wegesrand. Denn direkt über uns standen drei greise Eingeborene, die laut Eigenaussage schon eine Stunde (!!!) dort standen. Als wir uns dann unter sie stellten, nahm der Chef der Rentnergang gleich Kontakt zu uns auf. „Wenn die Fahrer kommen geht ihr da aber weg!“

Wir guckten uns an und fragten uns, ob es sich bei dieser Kontaktaufnahme um eine Frage oder einen Befehl handelte. Es war wohl etwas dazwischen und wir entschieden spontan den Anfragenbefehl mit einem „jaja“ und dem gedachten, doppelten Elchgruß zu beantworten. Kurze Zeit später kam ein Hobbyradler den Schulberg hoch. Er stieg auf unserer Höhe ab und ging noch ein paar Meter nach oben, so dass er letztendlich direkt vor den Fatalen Drei stand, die gleich wild auf ihn einschimpften. Da der Radler den gedachten, doppelten Elchgruß anscheinend nicht kannte, wollte er mit der Rentner Connection diskutieren, worauf diese ihm fast Prügel angedroht hätten und der Radler frustriert und ohne Elchgruß von dannen zog.

 






Burgi auf der Jagd nach Fabi - Action am Schulberg



Am Ruppertshainer...



Voigte, Stinki und Wese überfahren das C4F Kunstwerk am Ruppi

Die zweite Station war für uns der Ruppertshainer. Auch hier stießen wir auf keinerlei Polizeiwiderstand. Es war fast gruselig. Aus Erzählungen und den Erfahrungen des letzten Jahres kannten wir das Ganze sehr anders. Am Ruppertshainer waren wir viel zu früh und so hatten wir sogar die Chance das Juniorenfeld zu sehen. Während die Ersten noch recht flott drüberstiefelten, nutzten die Hinteren Fahrer gekonnt die gesamte Breite der Straße und des hinteren Kettenblattes aus. Zudem war es unglaublich wie weit das Feld auseinander gezogen war. Der Besenbus kam mehr als eine halbe Stunde nach den Ersten durch. Genau vor ihm ein Fahrer, der eben erwähntes Fahrverhalten offenbarte und direkt dahinter ein Polizeiwagen, der Fahrer und Bus befahl rechts ran zu fahren, um den Profis die Strecke frei zu machen. Zur großen Frustration der Grünen und zu unserer allgemeinen Belustigung wurden sie vollkommen ignoriert.

 

Kurz dahinter kamen dann auch die Profis. Erst Tesar, der laut Startnummer und Durchsage vor dem Feld Christian Leben war, dann Jens Mouris, dann Voigte, Steffen Wesemann und Stinki, dann Moletta, dann noch einer der Junioren, der im Gerolsteiner Trikot unterwegs war, dahinter ein Phonak Fahrer mit Iwanow, der sowieso immer alles abkonterte, dann das Feld. Das sah schon richtig nach Radrennen aus.

 



Mammolshainer und Sachsenhausen...



Romantisches Diner vor der Frankfurter Skyline (Alle Bilder von Dennis L.)


Die nächste Station war der Mammolshainer. Und auf dem Weg dorthin wurde uns klar, warum wir bisher kaum Polizei gesehen hatten. Die musste in der Nähe des Mammolshainer Berges irgendwo ein Betriebsfest haben. Die ganze Gegend war hermetisch und äußerst weiträumig abgesperrt. Wäre dieses Aufgebot um Tschernobyl herum tätig gewesen, hätten vermutlich Viele ihr Leben nicht lassen müssen. Schnell wurde uns klar, dass die Passage am Mammolshainer ein Traum bleiben wurde und einen Ersatzplan hatten wir eigentlich nicht parat. Deswegen fuhren wir ungebremst zum nächsten geplanten Punkt, der Verpflegung.

 

Dort trafen wir auf ca. eine Milliarde Goodiejäger. Fürchterliches Volk, ich habe nicht eine einzige Flasche abgefangen. Stinki und Voigte waren inzwischen nur noch zu zweit, dahinter folgten Torsten Schmidt und Matej Mugerlj und dahinter kam mit wenig Rückstand das Feld.

 






Voigt und Sinkewitz...und viele Henninger Werbebanden



Nach der Verpflegung ging es im Direktflug zurück nach Sachsenhausen. Dank einer semikriminellen Parkaktion, den gleichen „Parkplatz“ haben wir jetzt schon im dritten Jahr in Folge benutzt, kamen wir mit dem Auto sehr nah an den Rundkurs. Kurz vor uns fuhr das Feld auf den Kurs, als wir direkt am Kurs waren, kam eine abgehängte Gruppe mit unter Anderem Marcus Burghardt rein. Da die Zielgerade aussah wie der Konsum bei der Ankunft der Südfrüchte, entschlossen wir uns spontan uns auf der kleinen Gegensteigung auf der Gegengerade genau einen Kilometer vor dem Ziel aufzustellen. Schon in der nächsten Runde war Burgi nicht mehr in seiner abgehängten Gruppe und ich ging davon aus, dass er keine Lust mehr gehabt hat. In der letzten Runde allerdings, als auch Voigte und Stinki leider wieder gefangen wurden, tauchte er plötzlich in dritter Position des Hauptfeldes auf, direkt hinter dem attackierenden Phonak Fahrer und dem konternden Schumacher. Da hat wohl jemand dezent beschissen…. Im Ergebnis taucht er jedenfalls letztendlich nicht auf.






Letzter Kilometer, aber wer hat sich denn da an die dritte Position geschlichen?!



Nach der letzten Passage versammelten sich rund 50 Zuschauer an einem großen Ghetto Blaster, den einer der Anwesenden nobel auf den Gehweg gestellt hatte. Auf solch enorm kluge Ideen wie „Radio mitnehmen“ bin ich irgendwie auch noch nie gekommen…

Auf jeden Fall konnten wir so dem Reporter lauschen:

„[aufgeregt]Petacchi kommt raus und zieht den Sprint an, kann er das durchziehen? Nein, jetzt kommt Zabel, Zabel kommt, geht vorbei, Petacchi gewinnt nicht, Zabel ist vorn, kann er erneut gewinnen? Jetzt kommt auch Ziolek, aber er kommt wohl zu spät! Da ist der Strich! Erik Zabel gewinnt NICHT![/aufgeregt][großepause]“In diesem Moment wussten wir also schon relativ viel. Zabel hatte deutlicherweise nicht gewonnen. Ciolek und Petacchi vermutlich auch nicht. Wir waren begeistert….“[/großepause]Stefano Garzelli war vorn, aber zum Schluss kam Ziolek noch stark auf, ich denke wir müssen das Zielfoto abwarten.“

 

Wir warteten nicht, sondern gingen zur Siegerehrung. Dort erfuhren wir immerhin die ersten Drei des Tages. Im Radio kamen noch alle Deutschen aus den Top Ten dazu und als wir uns planmäßig in Kirchheim stärkten, gab blaho uns telefonisch sogar noch die Top 15 durch.

Eigentlich hatte ich geplant, dass meine zehnte die letzte Edition des Henningers werden sollte. Eigentlich ist dieses Rennen die ganze Anreise aus Rotterdam und die damit verbundenen Kosten nicht wert. Aber auf eine latent perverse Art und Weise, hat es mir doch wieder so gut gefallen, dass ich befürchte, nächstes Jahr wieder entgegen aller Vernunft am Start zu sein.

Möge das Hirn mit uns allen sein!


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