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Saisonbilanz: US Postal 2004

Beitrag von Steamboat, 6.2.2005

 

How to build a living legend?“

 

Diese Frage stellt sich natürlich immer dann, wenn im Bereich des Sports aber auch in anderen Bereichen (Nelson Mandela dürfte z.B. eine sein) eine Persönlichkeit etwas Außergewöhnliches erreicht hat. Sicherlich gehört als Antwort auf die Frage die sportliche Leistung dazu, einen Teil davon nimmt die menschliche ein, denn „living legends“ sollten mindestens bewundert, eigentlich aber auch etwas geliebt werden. Er sollte auch im Verhalten eine Art Vorbildfunktion für andere haben.

 

Lance Armstrong hat etwas Außergewöhnliches geschafft. Er ist der erste Mann, der die Tour de France sechs Mal gewonnen hat. Er hat zudem auch den Krebs besiegt. Ein sehr persönlicher Erfolg, der anderen Menschen sicherlich Mut gemacht hat. Fallen da einem noch andere Superlative ein, um die sportliche Leistung des Texaner noch deutlicher zu würdigen?

 

Ich denke, dass es immer eine subjektive Sache bleibt, ob man jemanden tatsächlich als lebende Legende betrachtet. Sechs Gesamterfolge bei der Tour - sagenhaft. Noch dazu in einer Reihenfolge. Chapeau!

 

Aber dann der Neid der Menschen. Können diese Menschen nicht anders? Man muss auch gönnen können. Aber ist es Neid? Sind es nicht eventuell auch Zweifel an Armstrong? Oder ist es die Ablehnung seiner Person?

 

Warum fällt es so schwer den Superlativ für diesen Supermann zu gebrauchen?

 

Man muss klar anerkennen, dass sicherlich der Neid eine Rolle spielt. Es ist normal, dass man jemanden irgendwann den Erfolg nicht mehr wünscht, wenn dieser jemand praktisch unentwegt gewinnt. Michael Schumacher ist so ein Beispiel. Ihm gönnt man mitunter die Butter auf dem Brot nicht. Manchmal hat „Schumi“ bzw. sein Arbeitgeber durch merkwürdige Stallordern dazu beigetragen, dass er nicht nur Lob bekommt.

 

Auch Armstrong erhält nicht die Bewunderung wie die andere Sportler in ähnlich exponierter Position. Hieran ist er nicht ganz unschuldig. Seine Stellung im Peloton hat durchaus einige Verhaltensweisen offenbart, die ihm scharfe Kritik einbrachten. Seine Macht missbrauchte er in vielfältiger Weise. Es sei nur die Aktion genannt, als er in Willkür, so möchte man meinen, bei der Tour 2004 dem Italiener Simeoni nicht gestattete, an einer Fluchtgruppe teilzunehmen.

 

Um Armstrongs Verhalten genauer zu beobachten und zu beurteilen, muss ausgeholt werden:

Lance Armstrong hat bei der Tour de France 2000 auf dem Weg zum Mont Ventoux Marco Pantani siegen lassen. Damit folgte er einem ungeschriebenen Gebot des Pelotons, wenn man die Gesamtwertung anführt, muss man dem Kontrahenten den Etappenerfolg nicht nehmen. In seinem Buch nahm er diesbezüglich auch Stellung, dass für ihn dieses Gesetz Gültigkeit habe. Jeder hat sein Bedauern verstanden, als Pantani dafür nicht dankte sondern spottete.

 

Ferner hat er sich den Respekt verdient, als er auf Ullrich bei der TdF 2001 wartete, als dieser einen Ausflug in den Graben tat. Ullrich wusste die Leistung zu würdigen.

 

Bei der Tour 2002 zog er sich des Volkes Zorn allmählich zu, als er anderen die Etappenerfolge scheinbar nicht gönnte. 2003 musste er sich seiner Haut teuer erwehren, als die Kronprinzen attackierten und er – offensichtlich nicht im Vollbesitz seiner Kräfte – bittere Stunden zu überstehen hatte. Mit Verwunderung nahm man zur Kenntnis, als er meinte, dass Ullrich auf dem Weg nach Luz de Ardidien nicht auf Armstrong nach dessen Sturz gewartet habe. Nachträglich erscheint es so, dass sich viele, die Jan ob dieser Geste dankbar waren, heute wünschten, Jan hätte in der Situation Gas gegeben und tatsächlich nicht gewartet.

 

2004, Armstrong und sein Team hatten das Mannschaftszeitfahren in beeindruckender Weise gewonnen, waren bei der 12. Etappe auf dem Wege in den Pyrenäen nach La Mongie nur noch Basso (CSC) und Armstrong zusammen. Die anderen Favoriten hatten bereits die Segel während der Etappe gestrichen. Armstrong fuhr noch nicht in Gelb und auch nach dieser Zielankunft sollte er es noch nicht haben – wohl aber gut im Blick. Es war offensichtlich, dass Armstrong nicht um den Sieg spurtete. Er überließ seinem Freund Basso den Tagessieg. Als sich am nächsten Tag praktisch das gleiche Bild auf dem Weg zu Plateu de Baille bot, zog der Texaner den Sprint an. Es war allen klar, dass er seinem Gegner nun nicht alle Etappensiege überlassen konnte, denn wenn es im Endklassement nur um Sekunden gehen würde, könnten diese überlassenen Erfolge am Ende schmerzen und den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen.

 

Auf der 15. Etappe waren die beiden nicht alleine. Von T-Mobile war Klöden mit von der Partie und Ullrich hatte sich gefangen. Herr Armstrong entschied sich, die Etappe zu gewinnen. Dieses nahmen die Betrachter schon mit Verwunderung zur Kenntnis. Dass sich der Texaner kaum das Bergzeitfahren nach Alpe D´Huez nehmen lassen würde, lässt sich nachvollziehen.

 

Aber bei derr 17. Etappe nach Le Grand Bonnard befand sich neben den vier Fahrern auch Floyd Landis in der Spitzengruppe. Dennoch gelang es Klöden, sich kurz vor dem Ziel abzusetzen. Was dann folgte, stieß auf großes Unverständnis. Warum Armstrong nachsetzte, gilt als Rätsel. Klöden erklärte, dass Armstrong ihm später sagte, dass es nichts Persönliches gegen Klöden war. Entweder gönnte er den Mobilern keine Etappe, weil er in Wirklichkeit eine Aversion gegen Ullrich bzw. dessen Umfeld haben könnte, oder er wollte sich am französischen Publikum rächen, von denen er sich nicht im gewünschten Maße gewürdigt fühlt. Hernach spielt es letztlich keine Rolle, Herr Armstrong ist aus statistischer Sicht Sieger dieser Etappe. Auch das Einzelzeitfahren in Besancon gewann er noch.

 

Außerdem registrierten viele Beobachter, dass die Anzahl der Quellen für Dopingverdachtsmomente und Beschuldigungen gegenüber Armstrong steigt. Bisher ist nichts bewiesen und deswegen gilt die Unschuldsvermutung, dennoch verwundert es schon, wie sich Armstrong zu dem sehr umstrittenen Michele Ferrari verhält und verhielt. Außerdem reibt man sich etwas verwundert die Augen, dass dieses Jahr zwei Fahrer, die als enge Freunde von Armstrong gelten, des Dopings überführt worden. Man sollte ihn nicht in Sippenhaft nehmen, dennoch scheinen Zweifel ob der überirdischen Leistung nicht ungerechtfertigt, wenngleich es auch Personen gibt, die die gegenteilige Ansicht vertreten.

 

Meine subjektive Betrachtungsweise erlaubt es mir nicht, ihn als lebende Legende anzusehen. Er hat sechs Mal die Tour gewonnen. Meinen Respekt in bezug auf die sportliche Leistung hat er. Aber seinen offenbarten Charakter respektiere ich nicht. Ich weiß, dass ich hier eine diskussionswürdige Meinung vertrete.

 

Die restliche Saison von Armstrong ist schnell zusammengefasst. Er gewann die Tour of Georgia (2,3), bei der er natürlich das Zeitfahren und eine weitere Etappe gewann. Auch das Zeitfahren bei der Volta ao Algarve (2,3) in Portugal entschied er mit einer Sekunde Vorsprung für sich. Den Gesamtsieg überließ er seinem Teamkollegen Floyd Landis. Schließlich war er bei Tour de Languedoc-Rousillon (2,1) ebenfalls im Kampf gegen die Uhr siegreich. Zweifel ob seiner Leistungsfähigkeit tauchten im Vorfeld der Grand boucle auf, als er bei der Dauphine Libere sich Mayo, Hamilton und Sevilla geschlagen geben musste. Besonders schockierte der Zeitabstand im Zeitfahren gegenüber Mayo.

 

An der Vuelta nahm Armstrong erwartungsgemäß nicht teil. Dort durften sich stattdessen andere probieren. Barry, Landis, Beltran, Joachim, Pena, van Heeswijk und Zabriskie brachten den Sieg im Mannschaftszeitfahren (1. Etappe) unter Dach und Fach. Das Goldene Trikot des Leaders wurde abwechselnd bis zur 11. Etappe nur von US Postal Fahrern getragen. Zunächst war Landis dran, dann durfte van Heeswijk, dann übernahm Joachim, der es Beltran überlassen musste, damit der es noch mal an Landis übergab. Diese 11. Etappe endete übrigens mit einem Etappensieg von David Zabriskie, der früh ausgebrochen war und einen kleinen Vorsprung ins Ziel rettete.

 

Man hatte die Hoffnung, dass Landis das Trikot auch weiterhin verteidigen könnte. Man träumte von der Wiederholung des Doubles, als Heras noch im Trikot der Postals die Vuelta gewann. Aber Landis hatte schon zu viele Körner gelassen. Auf der 12. Etappe verlor er 3 Minuten auf Heras und gab das Trikot an jenen ab. Auf der 18. Etappe gab Landis auf. Bester im Gesamtklassement wurde Beltran als 13. Dennoch eine gute Rundfahrt der Amerikaner.

 

Landis hatte, wie erwähnt, die Volta ao Algarve gewonnen. Eine Etappe genehmigte er sich dort auch noch. Im Rahmen der Tour de France schaffte er beim Zeitfahren in Besancon einen vierten Platz und wurde im Gesamtklassement 23. Als bester seines Teams belegte er bei der Baskenland-Rundfahrt den 7. Platz. Im Rahmen eines Weltcuprennens sammelte er als 19. bei Lüttich-Bastogne-Lüttich 7 Punkte.

 

Mehr Punkte erkämpfte sich George Hincapie als jeweils 8. bei Paris-Roubaix und Züri-Metzgete, 10. wurde er bei der Flandern-Rundfahrt. Den 13. Platz erkämpfte er sich bei Mailand-San Remo. Hincapie ist so ziemlich der letzte aus der Crew, die Armstrong bei der Tour unterstützte und amerikanische Staatsbürger waren (Andreu, Livingston, Hamilton). Seine Einsatzmöglichkeiten sind recht vielfältig. So wurde er neben den guten Weltcupergebnissen auch 4. bei Gent-Wevelgem. Als bester seines Teams reichte es zum 5. Rang bei Paris-Nizza. Zusätzlich gewann Hincapie noch die „Driedaagse van de Panne“ (2,2). Er ist ein Helfer, wie sich Armstrong ihn besser kaum wünschen kann und dennoch wird man den Eindruck nicht los, dass Hincapie schon ganz andere Sachen in seiner Palmares stehen hätte, wenn er nicht als Allzweckwaffe zwischen den Feldwegen und Paves sowie den Gebirgszügen herumspringen würde, sondern mehr auf eigene Rechnung fahren würde.

 

Mehr auf sich selbst gestellt war der Holländer Van Heeswijk. Er gewann Nokere-Koerse (1,3), Sluitingprijs- Putte-Kappeln (1,3) und die Wachovia Invitational (1,3). Ferner feierte bei verschiedenen Rundfahrten Etappenerfolge: Katalonien-Rundfahrt (1 Etappe), ENECO-Tour (2,1) (2 Etappen), 4 Tage von Dünkirchen (2,1) (1 Etappe), Belgien-Rundfahrt (2,2) (1 Etappe), Andalusien-Rundfahrt (2,3) (2 Etappen), Vuelta Ciclista a Murcia (2,3) (2 Etappen). Damit avancierte er mit 12 Saisonsiegen zum erfolgreichsten Postal-Fahrer. Einen Erfolg bei einem Weltcuprennen kam er nicht sehr nahe. Der 5. Platz bei Mailand-San Remo sprang dennoch heraus.

 

Im Rahmen der ENECO-Tour trug ein anderer Fahrer des Teams einen Erfolg davon. Der russische Altmeister Jekimow gewann eine Etappe im Zeitfahren. Jekimow verfehlte bei Olympia nur knapp eine Titelverteidigung, als er sich im Zeitfahren nur Tyler Hamilton beugen musste. Man hofft vom russischen Verband allerdings, dass der ehemalige Teamkollege von Jekimow diese Medaille noch abgeben muss.

 

Einen Sieg bei einem Etappenrennen erzielte der Belgier Stijn Devolder im Rahmen der Rundfahrt „4 Tage von Dünkirchen“ (2,1). Zu Weltcuppunkten kam er als 21. bei der Flandern-Rundfahrt. Cruz feierte noch einen Etappensieg bei der Tour l´Ain (2,3).

 

Meister ihrer Länder wurden aus den Reihen von US Postal David Zabriskie (Straße) und der Luxemburger Benoit Joachim im Zeitfahren. Über solche Erfolge kann der Kanadier Barry nicht berichten. Ihm gelang lediglich als bester seines Teams der 24. Platz bei der Katalonien-Rundfahrt. Allerdings wurde er Siebter bei Züri-Metzgete.

 

Triki Beltran war sowohl Mitglied der Mannschaft, die sowohl im Zeitfahren bei der Tour als auch bei dem Kampf gegen die Uhr im Rahmen der Vuelta gewannen. Bei der Tour tat er das übrigens zusammen mit Armstrong, Rubiera, Padrnos, Azevedo, Landis, Hincapie und Jekimow. Zudem wurde er 9. beim Wallonischen Pfeil und 23. bei Lüttich-Bastogne-Lüttich. Dadurch kam für das Team in der Weltcupwertung der 9. Platz zustande.

 

Ohne Sieg blieb zwar die späte portugiesische Verpflichtung Jose Azevedo. Dennoch vertrat er den gegangenen Heras mehr als würdig. Bei der Tour de France setzte er seinen Chef mustergültig in Szene und belegte am Ende gar den 5. Rang. Auch bei Paris-Nizza gelang ihm als 10. ein gutes Ergebnis. Azevedo ließ Heras vergessen. Ein besseres Kompliment kann man ihm nicht machen.

 

Nicht sonderlich in Erscheinung trat 2004 der Russe Mikahilov. Wirklich erwähnenswerte Ergebnisse hat der 63. der Vuelta nicht vorzuweisen.

 

In der nächsten Saison ändert sich einiges im Team. Zunächst wird es künftig als Discovery Channel an den Start der Pro Tour gehen. Im Hinblick auf den Giro wurde sich mit Savoldelli verstärkt, der in den zwei Jahren T-Mobile eigentlich nur durch Verletzungen auf sich aufmerksam machte. Da noch nicht sicher ist, ob Armstrong an der Tour teilnehmen wird, hat man sich mit dem Ukrainer Popovych verstärkt, der dann Armstrongs Rolle bei der Tour übernehmen könnte. Bei der Vuelta ist es vorstellbar, dass Azevedo das Ruder in der Hand hält.

 

Armstrong plant, sich stärker auf Klassiker zu konzentrieren. Deswegen wurden der Belgier Hoste und der Brite Hammond verpflichtet.

 

Verlassen haben das Team u.a Landis, der als Kapitän von Phonak von sich reden machen möchte und Zabriskie, der künftig für das Team von Ivan Basso (CSC) fährt.

 

Ein Ausblick gestaltet sich als schwierig, da vieles davon abhängt, ob Armstrong an der Tour teilnimmt und welche Rennen er ansonsten bestreiten will. Aber auch ohne Armstrong gilt man bei den GTs als konkurrenzfähig. Vielleicht tritt Popovych die Nachfolge von Armstrong an. Es wäre zumindest mal interessant, wie er sich entwickeln kann, wenn er auch in den Bergen Teamunterstützung erhält. --> Team 2005

 

Mit dem Aufgebot an Klassikerspezialisten (Hoste, Van Heeswijk, Hammond, Hincapie) plus Armstrong sollte doch mindestens ein großer Sieg herausspringen.

 

Die spannendste Frage aber bleibt, wo sich Herr Armstrong, „No-living-legend“, im Juli 2005 aufhalten wird….



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