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Saisonbilanz: Liberty Seguros 2004

Beitrag von Steamboat, 1. Februar 2005

 

Die Gretchenfrage: Was passiert, wenn man bei der Vuelta 2004 mit dem Vorjahreszweiten an den Start geht und diesem zu Saisonbeginn den Vueltagewinner von 2003 vor die Nase setzt? Eifersucht, Neid, Missgunst, Hass? Nichts dergleichen. Isidro Nozal rückte ins 2. Glied zurück, freundete sich mit Roberto Heras wohl an und wurde zum Edeldomestiken des einstigen Günstlings von Herrn Lance A. aus Texas.

Teamchef Manolo Saiz war es unter größeren Schwierigkeiten gelungen, doch noch einen Sponsor vor 2004 zu finden. Es gab einige, die damit nicht mehr gerechnet hatten. So gingen bereits einige Fahrer zu anderen Teams Nachdem der eigentliche Kapitän Beloki das Team verlassen hatte, schien guter Rat teuer. Aber Saiz versprach noch ein Trumpf-Ass, der Beloki adäquat ersetzen würde (Gemeint war der Beloki vor der Verletzung). Es wurde heftigst spekuliert und zur Überraschung vieler war es Heras, der für diese Rolle verpflichtet wurde. Der Autor erlaubt sich nicht ohne Stolz, dass er in der foreninternen Spekulation, ohne ein entsprechendes Gerücht vernommen zu haben, von vorne herein annahm, dass es der kleine Roberto sein würde, der für Liberty antreten würde, um seinem ehemaligen Chef das Fürchten zu lehren. Nun ja, ob sich Herr Lance A. letztlich wirklich gefürchtet hat, ist nicht überliefert, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Vuelta war für das ehemalige ONCE-Team sehr wichtig geworden, da das Team bis dahin nicht viel gewonnen hatte und nach einem schwächeren Abschneiden bei der Tour Gefahr lief, am Ende mit leeren Händen das Jahr zu beenden.

Als spanisches Team ist die Vuelta allerdings auch sowieso gegenüber der Tour höher anzusiedeln. Liberty Seguros waren bei ihrem Saisonhöhepunkt in der Lage, Heras ein konkurrenzfähiges Team an die Hand zu geben. Nozal war der Helfer im Hochgebirge. Es war imposant zu verfolgen, wie er die Spitzengruppen regelmäßig auseinander fuhr, als er für seinen Chef das Tempo stets verschärfte. Heras verfügte aber auch über andere Kräfte (z.B. Serrano), um letztlich seinen Hauptkontrahenten Valverde, Perez, Mancebo und auch anfänglich Landis Einhalt zu gebieten. Etwas überraschend war allerdings das durchwachsene Abschneiden beim Mannschaftszeitfahren, als man trotz vieler guter Zeitfahrer nur den 8. Platz belegte.

Heras konnte bei der Vuelta die 12. Etappe nach Canar Alto für sich entscheiden. Bei einer anderen Bergetappe belegte er hinter Pipeoli (9. Etappe) den zweiten Platz. Heras war offensichtlich mehr mit der Verteidigung seiner Leaderposition in der Gesamtwertung beschäftigt, als mit dem Sammeln von besonders vielen Etappensiegen. Sein ehemaliger Chef sah das 2004 ja übrigens anders. Bemerkenswert sind auch die verbesserten Zeitfahrqualitäten des kurzen Spaniers. So verlor er auf den entsprechenden Einzelzeitfahrstrecken meist nur einige Sekunden auf Kontrahenten. Noch eine Anmerkung: Auch Nozal konnte sich meist im Vorderfeld platzieren. Es wäre schon interessant gewesen, wo er letztlich gelandet wäre, wenn er sich nicht taktischen Zwängen untergeordnet hätte. Heras belegte in der Bergwertung schließlich den 2. Platz und in der Punktewertung den 3. Platz. In der Teamwertung musste sich das Team allerdings Comunidad Valenciana- Kelme allerdings beugen (Einzelne Etappenplatzierungen könnten sich evtl. noch nachträglich verbessern, da die Ergebnisse der Sportsfreunde Perez und Hamilton (beide Phonak) möglicherweise noch annulliert werden).

So erfreulich das Abschneiden bei der Vuelta war, so durchwachsen und wenig befriedigend verlief die Teilnahme an der Tour. Es schien fast so, dass die Optik des Teams durch das Ablegen des alten Trikotsponsors ONCE, einen Blindenlotterie, deutlich getrübt war. Dass Platz 7 im Mannschaftszeitfahren ein schlechtes Etappenergebnis für den Anspruch des Teams darstellt, braucht man nicht zu erwähnen. Dass diese dürftige Platzierung aber schon die beste des Teams war, beschreibt die Situation schon treffend. Igor Gonzalez de Galdeano gelang allerdings auf der 14. Etappe ebenfalls ein 7. Platz. Da war man im Saiz-Lager schon besseres gewohnt. Dass Roberto Heras eingekauft worden war, um dem Texaner Paroli bieten zu können, wurde spätestens ab der 13. Etappe endgültig verschwiegen und geleugnet, als der Mentor seinem ehemaligen Schützling auf dem Weg nach Plateau de Beille satte 21:35 Minuten einschenkte.

Die Spanier, in der Vergangenheit eher durch Gesamtsiege bei Rundfahrten aufgefallen, schnitten bei den Rennen der HC-Kategorie auch eher mäßig ab. Kein Etappensieg und auch nur durchschnittliche Platzierungen im Gesamtklassement verschärften letztlich den Druck auf das Team bei der Vuelta, da bis dahin kaum große Erfolge vorzuweisen. Dass Gil beispielsweise Teambester bei der Baskenland-Rundfahrt als Neunter war, konnte genauso wenig zufrieden stellen, wie der 15. Platz von Baranowski bei der Volta Ciclista a Catalunya. In Italien belegte Vicioso bei Tirreno-Adriatico auch den 9. Platz, während der 26. Platz von Contador bei der Paris-Nizza für die Saiz-Truppe schon als blamabel bezeichnet werden muss. Immerhin konnte Heras die Bicicletta Vasca (2,1) gewinnen und Gil entscied die Trofeo Castilla Leon (2,3) für sich.

Natürlich blieben Etappensiege bei Rundfahrten nicht aus. Vicioso gewann bei der angesprochenen Bicicletta Vasca zwei Etappen, blieb ansonsten allerdings bei anderen Etappenrennen sieglos. Bei der Asturienrundfahrt (2,2) trugen sich die jungen Barredo und Sanchez als Tagesabschnittssieger in die Listen ein. Sanchez triumphierte auch bei einer Etappe der Clasica Alcobendas (2,3). Und zu guter Letzt entschied der Australier Davis je eine Etappe bei der Deutschland-Tour und Polen-Tour (beide 2,2) für sich.

Wie gesagt, die Ausbeute ist für ein Rundfahrtenteam nicht gerade eine Erfolgsstory, wenn man mal von der Vuelta absieht.

Es würde jetzt nicht verwundern, wenn man an dieser Stelle mit der Analyse fast schon am Ende wäre, weil man dem Abschneiden des Teams in der Vergangenheit bei Ein-Tages-Rennen selten mehr als einen Absatz widmen musste.

Das Erstaunen zum Saisonende war nicht schlecht, als die Namen der Sieger der angesehenen Piemont-Rundfahrt (1,1) und Mailand-Turin (1,1) verkündet worden. Allan Davis war in Piemont erfolgreich, während Marcos Serrano sensationell die Fahrt nach Turin gewann. Bei beiden Rennen hatte man eher italienische Namen erwartet. So sorgten beide Fahrer dafür, dass die Jahresbilanz sich für Liberty im Endresultat doch freundlicher gestaltet.

Allan Davis war bereits sehr früh im Jahr mit zwei Siegen aufgefallen. Die Trofeo Manacor und die Trofeo Mallorca (beide 1,3) gehen auf seine Kappe. Weitere Erfolge gab es dann aber nicht mehr zu verzeichnen.

Dennoch soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Spanier auch bei den Weltcuprennen zu gefallen wussten. Serrano wurde bei der Klasika in San Sebastian Vierter. Auch Davis belegte bei Paris-Tours den selben Platz. Zu TopTen Platzierungen kam es auch für Caruso beim Amstel Gold Race (10.) und für Vicioso bei Lüttich-Bastogne-Lüttich (10.). Punkte ergattern konnten Davis als 25. bei Mailand-San Remo, was im Vergleich zu anderen Ergebnissen aber für ihn eher als schwach angesehen werden muss, und Nozal (14.) und Caruso (15.) bei der Lombardei-Rundfahrt sowie Serrano als 19. beim Amstel Gold Race. Im Weltcup schnitt das Team sicherlich besser als erwartet ab, das sollte man so festhalten. Dazu passt dann auch das Ergebnis von Serrano als 8. beim Wallonischen Pfeil.

Gemessen an den Erwartungen des Teams wird 2004 als ein Jahr mit Licht und Schatten in die Annalen eingehen. So sehr Heras Sieg bei der Vuelta gefallen konnte, umso mehr enttäuschte seine Teilnahme an der Tour. Man muss sagen, dass er dort regelrecht gescheitert ist.

Hervorzuheben sind die tollen Leistungen von Davis, der einmal mehr beweist, dass Australien das Land der Sprinter ist. Er wird 2005 sich auch bei GT-Entscheidungen zeigen müssen. Ein solcher Schritt wäre folgerichtig. Serrano gilt gerade zum Ende der Saison als die Entdeckung. Es wäre schön, wenn der Erfolg keine Eintagsfliege bleibt.

Enttäuscht und abgebaut hat der einstige Klassementfahrer Igor Gonzalez de Galdeano. Er war bei der Tour nicht in der Lage, den schwächelnden Heras zu vertreten und fiel auch sonst nicht sonderlich auf.

Sein Bruder Alvaro hat seine Karriere beendet. Der Amerikaner Vandevelde verließ das Team Richtung CSC und auch Diaz Justo stieg aus. Stattdessen darf Saiz drei Heimkehrer begrüßen. Jörg Jaksche, 2004 Gewinner von Paris-Nizza, steht wieder in den Reihen des Teams. Joseba Beloki beendete seine einjährige Odyssee und kehrt zu Manolo zurück. Freilich sind die Erwartungen an ihn geringer, da er vergangenes Jahr in keinem Trikot erhöhte Konkurrenzfähigkeit nachweisen konnte. Außerdem steht auch David Etxebarria wieder bei Saiz auf der Gehaltsliste. Zudem kann man den ambitionierten Italiener Scarponi in seinen Reihen begrüßen. Scarponi und Beloki werden das Team beim Giro vermutlich anführen. Für mich die größte Sensation war die Silbermedaille vom Portugiesen Paulinho in Athen bei Olympia. Er wird künftig das Trikot der Spanier tragen und bringt Landsmann Ribeiro mit. Weiterhin steigen noch ein paar Neos ein. --> Team 2005

Ziel 2005 wird sicherlich die Titelverteidigung bei der Vuelta sein. Man muss aber auch davon ausgehen, dass durch die Rückholaktion von Jaksche im nächsten Jahr auch bessere Platzierungen bei kleineren Pro Tour Rundfahrten möglich sind. Heras wird sicherlich wieder ausziehen, um bei der Tour „wen auch immer“ herauszufordern. Das Auftreten im vergangen Jahr sollte er schnell vergessen machen. Freuen wir uns auf weitere Lektionen der spanischen Sprache mit dem wortgewaltigen Manolo „Venga“ Saiz.

 



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